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Blaue Flecken

Von Jan Michael Marchart

Politik

"Weihnacht’ und Liebe statt Einbruch und Diebe" ließ der 19-jährige FPÖ-Ortschef von Breitenfurt plakatieren. Es setzte Häme im Internet und Schmierattacken. Was treibt den Jungpolitiker an?


Wiesen und Wälder, eine lange Straße, die nach Wien führt. Der Bus fährt zur Stoßzeit im Halbstunden-Takt. Breitenfurt im Bezirk Mödling. Wenn man dieser Tage die besagte Straße entlang fährt, stechen die Plakate der FPÖ-Breitenfurt ins Auge, die mit einem jungen Gesicht werben: Dem 19-jährigen Daniel Noll. "Mit neuer Kraft für unser Breitenfurt" ist auf einem zu lesen. So weit, so austauschbar. Auf einem anderen Plakat steht: "Weihnacht’ und Liebe, statt Einbruch und Diebe". Das regt schon eher auf und erinnert an das Skandalplakat der FPÖ Tirol "Heimatliebe statt Marokkanerdiebe". Im Internet zogen Satiriker und FPÖ-Gegner über das Plakat her.

Der Jungpolitiker soll der Partei bei der Gemeinderatswahl am 25. Jänner Stimmen bringen. Sein Antritt im Ort dürfte nicht allen passen. Seine Wahlplakate wurden über Nacht beschmiert.

Treffpunkt im "Café Auszeit", denn ein fixes Parteilokal hat die FPÖ hier nicht. "Es war zu erwarten", sagt Noll zu den übermalten Plakaten. "Sie sind ein gutes Ziel. Die werden oft beschädigt. Aber ich seh’ das mehr auf die Partei, weniger auf mich bezogen."

Dahinter vermutet er politische Motive. "Dass man in der Nacht rausgeht und Plakate beschmiert, das macht der Durchschnittsjugendliche in seiner Freizeit nicht." Über die Häme im Internet sagt er: "Da waren schon schlimme Kommentare dabei. Damit muss man leben. Man darf es nicht an sich heranlassen. Selbst wenn es manchmal schwerfällt." Obwohl er Facebook für seinen Wahlkampf verwendet, um die junge Generation zu erreichen - mit so einem Gegenwind hat er nicht gerechnet. Von wem stammen die Sprüche? Vom FPÖ-Mastermind und Chefdichter Herbert Kickl höchstpersönlich? "Sie sind von der Bezirksgruppe Mödling. Diese Sprüche sind werbewirksam. Aber sie bringen, wie man sieht, nicht ausschließlich positive Rückmeldung." Die nächsten Plakate werden von ihm selbst sein, betont er. Der Reim "Weihnacht’ und Liebe, statt Einbruch und Diebe" erschien ihm für Breitenfurt aber schon passend. Es würde immer wieder eingebrochen werden.

Die Zahlen decken den Alarmismus nicht: Laut Bezirkshauptmannschaft Mödling betrug die Einbruchrate mit 16 Vorfällen 2014 in Breitenfurt nicht einmal ein Drittel des Bezirksdurchschnitts. Im Vergleich zu früher ein Anstieg, die Polizei wurde als Reaktion darauf aber bereits von acht auf elf Beamte aufgestockt.

"Die Partei ist schon mutig, einen jungen Kandidaten an die Front zu stellen", sagt Noll. Er erhofft sich von den 6000 Menschen das Vorschuss-Vertrauen, als Junger etwas bewegen zu können. Einen richtigen Plan für den Gemeinderat hat er aber noch nicht: "Ich muss erst reinwachsen. Ich werde schauen, was die Leute wollen und dann Forderungen an die Orts-Politik stellen."

Noll hat im Oktober den Ortsparteiobmann übernommen. Einstimmig. Die Bestellung des Berufsunteroffiziers ist ein Generationenwechsel in einer Partei, die bisher ältere Herren angeführt haben. 2012 wurde er Mitglied bei der FPÖ und beim Ring Freiheitlicher Jugend (RFJ) in Mödling. Ein Jahr später ernannte man ihn zum Bezirksvorstand, ehe man ihn dieses Jahr zum Obmann-Stellvertreter des RFJ und zum Obmann der Breitenfurter FPÖ machte. Was ihm das bedeutet? "Mich freut das. Es ist alles sehr schnell gegangen", sagt der 19-Jährige. "Ich wollte mich beim Eintritt in die FPÖ politisch engagieren. Zunächst aber ohne genau definierte Ziele und Erwartungen." Warum die FPÖ? "Auch andere Parteien haben gute Standpunkte. Bei dieser Partei habe ich mich aber am besten vertreten gefühlt. Ich bin heimatdenkend und traditionsschützend."

Ein politisches Vorbild hat er nicht. Strache ist es nicht, sagt Noll. "Ich unterstütze Strache, es ist aber keine Einmann-Partei." Viele würden die FPÖ wegen Heinz-Christian Straches Person wählen, dabei vergesse man aber auf die Werte und Themen der Partei. Das findet Noll nicht richtig. Von der Bundespartei sei man in Breitenfurt außerdem Welten entfernt. Vielleicht liegt es auch daran, dass das Hauptthema der FPÖ, die Ausländer, mit der Lupe zu suchen ist. Ausländeranteil in Breitenfurt: 1,7 Prozent

Stattdessen setzt man hier auf Sicherheit, Jugend, Pensionisten, Umwelt, Wirtschaft und Kultur. Also auf eh fast alles. Was unterscheidet die FPÖ hier von der SPÖ, von der ÖVP? Alle Parteien werben zur Wahl mit günstigeren Wohnungen für junge Leute. Wer ist hier links, wer ist rechts? Für den jungen Noll spielt links und rechts besser gar keine Rolle mehr. "Viele Jugendliche engagieren sich nicht für Politik, weil man, sobald man sich auf eine Seite schlägt, zu einer Zielscheibe wird." Einen Mittelweg müsse man finden. SPÖ- und FPÖ-Wähler sollten auch miteinander an einem Tisch sitzen können.

So macht er auch nicht Halt davor, die eigene Mutterpartei zu kritisieren. Denn mit allem, was die FPÖ macht, ist er nicht zufrieden. "Das ist man nie hundertprozentig mit einer Partei. Das ist bestimmt bei jeder Fraktion so. Aber man steht hinter der Grundideologie." Zu Aussagen wie jener des FPÖ-Nationalrats und niederösterreichischen Landeschefs Christian Hörbart, der Asylwerber auf Facebook als "Höhlenmenschen" bezeichnete, sagt der 19-Jährige: "Wenn man diese Position inne hat, muss man noch genauer aufpassen, was man sagt. Ansonsten kann man im Nachhinein nur reagieren." Zurück in die "Auszeit": In der Kaffeetasse rührend relativiert Noll seine Ziele für die Gemeinderatswahl. Bei seinem Amtsantritt im Oktober sagte er noch: "Ich werde alles daran setzen, die absolute Mehrheit der ÖVP zu brechen." Nun sollen aus bisher zwei Sitzen im Gemeinderat drei werden. Anders ausgedrückt: Zehn Prozent sollen am Ende der Wahl herausspringen. "Ich versuche immer das Unmögliche, um das Mögliche zu erreichen", sagt Noll wie frisch nach dem NLP-Training. Bei der vergangenen Gemeinderatswahl 2010 lag die FPÖ in Breitenfurt bei 6,8 Prozent. Die Volkspartei hält seit damals 50,6 Prozent der Stimmen und damit die absolute Mehrheit. Die wird wohl auch nicht so schnell zu knacken sein. Die ÖVP in Breitenfurt befindet sich seit 1985 an der Spitze. "Das war vor meiner Zeit." Noch weiter davor war Breitenfurt rot.

Die ÖVP fürchtet sich nicht vor dem Jungspund. Vizebürgermeister und Landwirt Wolfgang Schredl: "Ziele hat jede Partei", sagt er. "Ob etwas daraus wird, ist eine andere Sache. Die Leute in der Ortschaft wissen ganz genau, wer für sie die Jahre über da ist und wer erst kurz vor der Wahl aktiv wird." Die FPÖ wäre bisher im Ort nicht spürbar gewesen, meint Schredl. Und sie ist offenbar weniger revolutionär als auf ihren Plakaten. Im Gemeinderat hätte die FPÖ selten gegen Anträge gestimmt, eher dafür. Fast alle Anträge in Breitenfurt würden einstimmig durchgehen. "Wir haben eigentlich alle ein gutes Übereinkommen."

Auch für Noll war die FPÖ in Breifenfurt versteckt. "Es ist wichtig zu zeigen, dass es in Breitenfurt eine FPÖ gibt, die sich für die Leute einsetzt und nicht alle Projekte und Beschlüsse der ÖVP hinnimmt." Er wolle "vor allem für die Jugend da sein".

Sie möchte er dazu bringen, sich direkt vor Ort mit Politik zu beschäftigen. "Sie beziehen ihre Meinung aus den Boulevardmedien und dem Internet." Er plädiert für mehr politische Bildung an den Schulen, "aber Lehrer dürfen junge Menschen hier nicht beeinflussen". Er selbst sei in seiner Schulzeit FPÖ-Mitglied geworden, um auf Augenhöhe mit seinen Lehrern diskutieren zu können. "Dann war ich für alle Mitschüler plötzlich der Politiker."

"Vielleicht werde ich auch ein Berufspolitiker", sagt Noll. Davor würde er aber erst einmal Wirtschaft oder Jus studieren.

Er möchte aber anders sein als die derzeitigen Berufspolitiker, denen "oft die Menschlichkeit" fehle. Solche Floskeln muss er dafür noch ablegen.

Seine Vorstellung von "Weihnacht’ und Liebe" stellt Noll ab 6. Dezember unter Beweis: Er wird mit der Verteilung von Schokonikoläusen den Wahlkampf fortführen. Einbrecher und Diebe haben dann Auszeit.

Zur Person

Daniel

Noll

tritt für die FPÖ Breitenfurt im Jänner nächstes Jahr bei der Gemeinderatswahl an. Er arbeitet als Unteroffizier beim Bundesheer.

Fotos:Jan Michael Marchart