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Bleibt die Präsidentschaft in der Familie?

Von Jan Richard

Politik

In Polen läuft die Amtszeit des amtierenden Präsidenten Kwasniewski im Jahre 2005 aus. Doch die Kandidaten für seine Nachfolge bringen sich schon in Stellung. Nach den derzeitigen Umfragen liegt die Frau des Präsidenten, Jolanta, mit 34 Prozent Zustimmung und dem höchsten Grad an Glaubwürdigkeit weit vor allen anderen. Erst vor kurzem erklärte sie öffentlich, eine Kandidatur nicht mehr auszuschließen.


Dabei pfeifen es die politischen Spatzen in Warschau schon längst von den Dächern, dass es die Frau des Präsidenten sich schon seit einiger Zeit ernsthaft überlegt, in die Fußstapfen ihres Mannes zu treten. Was auch durchaus Sinn machte: Denn Aleksander Kwasniewski ist der beliebteste Politiker Polens - und seine Frau Jolanta, die "First Lady" am Land an der Weichsel, ist es nicht minder. Nur der "größte Sohn der polnischen Erde" Papst Johannes Paul II. ist in seinem katholischen Heimatland noch populärer.

Nur kurz zur Chronologie: 1995 löste der ehemalige kommunistische Sportminister Alexander Kwasniewski und spätere Vorsitzende der Sozialdemokraten den früheren Solidarnosc-Führer Lech Walesa als Staatsoberhaupt Polens ab. Kwasniewski ist persönlich nicht ohne Fehler (unvergessen bleibt seine offenkundige Verspottung des bodenküssenden Papstes, die ohne sein Wissen von einer TV-Kamera gefilmt wurde), aber seine politischen Erfolge können sich sehen lassen: Während seiner Präsidentschaft wurde Polen Mitglied der NATO und konnte die Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union abschließen. Sein professionelles Auftreten und sein scharfer Verstand (seine Gegner behaupten auch, er sei eben der typische "wendige Karrierist") brachten ihm jedenfalls nationale und internationale Anerkennung ein.

Er wurde auch schon als möglicher Kandidat für den Posten des NATO-Generalsekretärs an der Gerüchtebörse gehandelt, will aber das Präsidentenamt nicht vorzeitig verlassen. Seine zweite Amtsperiode endet erst im Dezember 2005. Eine dritte Amtszeit ist in der polnischen Verfassung nicht vorgesehen, aber Kwasniewski hat bereits angekündigt, "politisch aktiv" bleiben zu wollen. Er äußerte zwar Präferenzen für eine Tätigkeit bei einer internationalen Organisation, schloss aber auch eine innenpolitische Aufgabe nicht dezidiert aus. Die Spekulationen reichen derzeit von der Gründung einer neuen Partei bis zur Übernahme der Führung der krisengeschüttelten Sozialdemokraten.

Zum erstenmal auch ein "First Husband" ?

Vielleicht bleibt er der polnischen Politik auch in einer ganz anderen Funktion erhalten: nämlich als "First Husband" der zukünftigen Präsidentin - Jolanta Kwasniewska. Die Frau des derzeitigen Amtsinhabers kommt nämlich in einer aktuellen Meinungsumfrage des OBOP-Instituts auf beachtliche 34 Prozent Zustimmung. Damit liegt sie weit vor anderen möglichen Kandidaten.

Der Zweitplazierte - mit nur 8 Prozent - ist der Rechtspopulist, Bauernführer und militante EU-Gegner Andrzej Lepper, der jedoch zu kontroversiell ist, um reelle Chancen auf das höchste Amt im Staate zu haben.

Der sozialdemokratische Premier Leszek Miller, dessen Mitte-Links-Regierung durch zahlreiche Skandale immer unbeliebter wird, kommt gar auf blamable null Prozent. Andere mögliche Kandidaten sind Jan Rokita, der auch als zukünftiger Premierminister gehandelt wird, der Sprecher des Parlaments Marek Borowski oder Ombudsman Andrzej Zoll. Von den 16 abgefragten Kandidaten war Kwasniewska darüber hinaus die einzige, der in hohem Maße "Glaubwürdigkeit" zugebilligt wurde.

Das Ehepaar Walesa lehnt Kwasniewskas Kanidatur ab

Natürlich gibt es auch einige prominente Persönlichkeiten, die sich dagegen aussprechen, dass Frau Kwasniewska ihrem Mann ins Präsidentenamt nachfolgt. Krzysztof Piesiewicz, ein rechter Senator hält es für "infantil", Frau Kwasniewska für dieses Amt auch nur ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Und das vorherige "First Couple", Lech und Danuta Walesa, hat sich ebenfalls scharf ablehnend geäußert. Dazu muss man freilich wissen, dass Walesa seinen Abtritt von der politischen Bühne nie wirklich verwunden hat.

Polen haben genug von politischen Scharmützeln

Dass das Präsidentenamt in Polen zu einer "Familienangelegenheit" wird, dafür sieht der Analyst Jakub Jedras von "Transitions" gute Gründe: er meint, dass die Polen genug von der aufgeheizten Stimmung in der polnischen Innenpolitik und den ermüdenden tagespolitischen Scharmützeln haben, und dass sie sich nach jemandem sehnen, der Ruhe, Verlässlichkeit und Überparteilichkeit ausstrahlt. Frau Kwasniewska passt perfekt in dieses Bild, sie ist die am wenigsten polarisierende unter den möglichen Präsidentschaftskandidaten. Und insofern ist der Vergleich mit Hillary Clinton, der oft strapaziert wird, nicht wirklich stimmig.

Jolanta Kwasniewska entspricht auch dem eher repräsentativen Charakter, den das Präsidentenamt in der polnischen Verfassung hat. Es hat nur beschränkte Kompetenzen zur Politikgestaltung. Auch das Geschlecht spielt eine Rolle: eine Frau als Präsident wäre ein Zeichen gegen die konfliktreiche und aggressive männlich-dominierte Politik, die Polen seit der Wende prägt.

Der 48jährigen Jolanta Kwasniewska gelingt es jedenfalls geschickt, das traditionelle polnische Frauenbild - Hausfrau, liebende Mutter und Ehefrau - mit dem Image einer modernen, unabhängigen und unternehmungslustigen Frau zu verbinden.

1979 heiratete sie den jungen kommunistischen Funktionär Aleksander Kwasniewski. Sie studierte Jus und zog eine Tochter groß. Ab 1991 führte sie ihr eigenes Immobilienbüro, bis ihr Ehemann 1995 Präsident wurde. Als "First Lady" engagierte sie sich für zahlreiche karitative Organisationen. Sie vergab unzählige Medaillen und Auszeichnungen - und bekam auch selbst welche, so wurde sie zum Beispiel zur "TV-Persönlichkeit" des Jahres 2001 gewählt.

Eigene Meinung - auch abweichend vom Mann

Doch nicht nur ihre Großherzigkeit und soziales Engagement macht sie so beliebt, auch ihr moderner "westlicher" Stil. Sie hat ihre eigene Meinung zu jedem Thema, manchmal auch abweichend von der ihres Mannes. Während sich Herr Kwasniewski zum Beispiel als Agnostiker bezeichnet hat, bekennt sie sich zu ihrer Religiosität. Schon im Wahlkampf 2000 gab es Sprechchöre im Publikum, die sie dazu aufforderten, 2005 die Nachfolge ihres Mannes anzutreten. Mittlerweile nehmen auch Politiker und Kommentatoren, nicht zuletzt wegen der sensationellen Umfragewerte, diese Möglichkeit sehr ernst. Für die polnische Linke ist sie die größte, wenn nicht sogar einzige, Hoffnung.

Bis vor kurzem hielt sich Kwasniewska zu einer möglichen Kandidatur bedeckt. Am 30. Oktober jedoch erklärte sie, dass sie nicht ausschließe, im Jahr 2005 in den Wahlkampf um die Präsidentschaft einzusteigen. Sie nannte einige Fragen, die sie klären muss, bevor sie sich entscheidet. Dazu zählen die fehlende Unterstützung durch einen Parteiapparat, die zukünftige Beschäftigung ihres Mannes und die Notwendigkeit ihre karitative Tätigkeit aufgeben zu müssen. Bei einem von der Wochenzeitung "Polityka" organisierten Treffen versicherte sie die Teilnehmer, dass sie "eine der am besten vorbereiteten Kandidaten" wäre.

Kommt nach der Frau dann auch noch die Tochter?

Politische Gegner sehen die Gefahr einer möglichen "Dynastien"-Bildung und fragen sarkastisch, ob nach Herrn und Frau Kwasniewska vielleicht deren Tochter Präsidentin werden soll. Doch auch das wäre im gewissen Sinn nicht das erste Mal in der Geschichte Polens. Die meisten polnischen Monarchen wurden gewählt.