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Blick auf Größenwahn der Nazis

Von Klaus Tscharnke

Politik

Nürnberg - Für Adolf Hitler hatte Nürnberg eine wichtige Funktion: Hier fanden die "Reichsparteitage" seiner NSDAP statt. In der fränkischen Stadt inszenierte sich das Nazi-Regime mit Massenaufmärschen vor gigantischen Kulissen. Jetzt soll die erhaltene NS-Kongresshalle ein Ort der Information über die Propagandamethoden der Nazis werden. Am Sonntag wird das Dokumentationszentrum eröffnet.


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Die einstige "Führerstadt" Nürnberg avanciert damit zum Ort der Auseinandersetzung mit Hitler-Kult und Nazi-Mythen. Mit der Ausstellung "Faszination und Gewalt" trägt sie auch zur Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit bei. Von 1933 bis 1938 hatten jährlich bis zu einer Million Menschen die Reichsparteitage der NSDAP besucht.

Die ebenso imposante wie entlarvende Innenansicht von Deutschlands größtem noch erhaltenen Nazi-Monumentalbau ist einer der Höhepunkte beim Gang durch das neue Dokumentationszentrum. Die Ausstellungsmacher setzten dabei vor allem auf Authentizität.

Hauptexponat ist die Kongresshalle. Abgesehen von einem quer durch den Nazi-Bau getriebenen begehbaren Glaskeil präsentieren sich die Innenräume weitgehend so, wie sie die Arbeiter bei der Einstellung der Bauarbeiten 1939 zurückgelassen hatten. Leuchtbildwände, Monitore und Ausstellungsvitrinen stehen vor nacktem Ziegelmauerwerk. Der Besucher durchschreitet die Ausstellung auf kaltem Beton und fühlt sich in Lagerhallen versetzt. "Es ging uns darum, die banale Seite der Nazis zu zeigen. Wir wollen klarmachen, dass das, was von außen wie ein Kolosseum wirkt, innen nichts mehr mit antiker Größe zu tun hat", sagt Museumschef Sonnenberger.

Das nach den Entwürfen des Grazer Architekten Günther Domenig entworfene Zentrum spart nicht mit politischer Symbolik: Der Glaskeil wirkt wie ein architektonischer Befreiungsschlag - als hätte ein Riese den Nazi-Bau mit einem wuchtigen Pfahl durchbohrt.

Bei der Überquerung eines Lichthofs zwingt Domenig die Besucher auf zwei scheinbar kurz vor dem Einsturz stehende Brückenflügel - Symbol für "den gefährlichen Weg, den Deutschland nach 1933 genommen hat". Der Rundgang endet direkt "über dem Abgrund" - einer ins Freie ragenden Verlängerung des Glas-Metall-Keils. Etwas Mut gehört zum Betreten des Gitterrosts. Darunter klafft bedrohlich der tiefe Abgrund. Wer den weit aus dem Gebäude ragenden Metallsteg betritt, erblickt von hier oben den Größenwahn der Nazis in seiner ganzen Banalität: Wie aus einer Schlucht ragen die Backstein-Wände der Kongresshalle 40 Meter hoch in den Himmel - und lassen den Betrachter zwischen Ehrfurcht und Erheiterung schwanken.

In der Ausstellung dominiert neuzeitliche Museums-Didaktik. "Wir verstehen uns als Geschichtserzähler", sagte Sonnenberger. Sein Team setzt deshalb neben Filmen, Fotos, Computeranimationen und Originaldokumenten auf erzählerische Erläuterungen. Jeder Besucher bekommt einen "Audio-Guide", der individuell programmierbar ist und mit Erläuterungen durch die Ausstellung führt. Die kritische Aufarbeitung von Führermythos und Reichsparteitagen steht im Mittelpunkt der Ausstellung. Den weitaus größten Raum aber nehmen die Folgen des Dritten Reichs ein. "Wir wollen vor allem zeigen, wohin der Nationalsozialismus geführt hat: Nämlich in den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust."