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Blick in die Geschichte

Von Brigitte Suchan

Wissen
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Grabmonumente, bekannt als "Römersteine aus Hernals".
© Foto: BDA

Im Archäologiezentrum Mauerbach sind die Dokumentationen archäologischer Grabungen aus ganz Österreich untergebracht.


Archäologische Befunde stellen für den Großteil der Menschheitsgeschichte die einzigen Informationsquellen dar, weil aus vielen Zeiten schriftliche Aufzeichnungen fehlen. Die spannendsten Funde werden oft rein zufällig entdeckt. Wie zum Beispiel im Jahr 2003, als in einer Baugrube in der Ottakringerstraße in Wien der wohl bedeutendste Römersteinfund der jüngeren Vergangenheit zu Tage trat. Die hervorragend erhaltenen Grabmonumente liefern seitdem neue Erkenntnisse über das Leben im alten Vindobona.
Oder im Ort Fließ im Tiroler Oberinntal. Dort entdeckte man 2010 bei Bauarbeiten für das neue Gemeindezentrum im Ortskern Spuren von mindestens zwei großen, langrechteckigen Holzgebäuden der älteren Eisenzeit. Die herbeigeeilten Archäologen des Bundesdenkmalamts definierten das Areal umgehend als archäologische Funderwartungszone und begannen mit großflächigen Ausgrabungen. Dabei wurde ein im 6. Jahrhundert v. Chr. erbautes, für die Epoche typisches Steinhaus der jüngeren Eisenzeit freigelegt, eine sogenannte "casa retica". Der Zufallsfund entpuppte sich als kleine Sensation, zumal man innerhalb des Hauses eine Grabstelle entdeckte, in der ein Mann in der für die Epoche typischen Hockstellung samt Grabbeigaben beerdigt wurde.
Beim Bau des Gemeindezentrums, der sich wegen der Grabungsarbeiten um etwa zwei Jahre verzögerte, wird nun nach den Plänen des Innsbrucker Architekten Rainer Köberl das rätische Haus so integriert, dass aus verschiedenen Perspektiven ein "Blick in die Geschichte" möglich sein wird.
Archäologische Erkenntnisse liefern nicht nur Großprojekte wie beispielsweise Carnuntum und Hallstatt oder auch die Koralmbahn mit bis zu 6000 Jahre alten Funden, sondern auch die Vielzahl an kleineren Ausgrabungsstätten in ganz Österreich.  Diese Artefakte zu sammeln, zu dokumentieren und der Forschung zugänglich zu machen, ist Aufgabe des Bundesdenkmalamts (BDA).

KOMPETENZZENTRUM

Seit November 2012 sind in der Kartause Mauerbach erstmals alle Einrichtungen des BDA zusammengefasst, die sich mit Archäologie und archäologischer Denkmalpflege beschäftigen. Damit ist ein Kompetenzzentrum entstanden, an dem gleichzeitig Spitzenforschung betrieben und die kommende Generation an Archäologen und Restauratoren ausgebildet wird, sowie alle archäologischen Aktivitäten in Österreich dokumentiert werden. Das Archäologiezentrum beherbergt nicht nur eine umfangreiche Fachbibliothek, sondern auch das archäologische Zentraldepot, in dem die Bestände zahlreicher Rettungsgrabungen für die wissenschaftliche Bearbeitung zur Verfügung stehen. Als einzige Institution in Österreich kümmert es sich um alle inländischen Ausgrabungen – unabhängig davon, wer sie letztendlich durchführt – und nimmt deren Ergebnisse in einen dauerhaften Wissensspeicher auf.
"Archäologie ist letztendlich wie ein riesiges Puzzlespiel, wobei niemand weiß, wie viele Teile existieren, und ständig neue entdeckt werden. Die bekannten Teile zu sammeln, zu ordnen und zusammenzubringen ist an sich schon eine große Herausforderung. Man darf auch nicht vergessen, dass mit der Bergung der Fundstücke ja bereits eine Veränderung des vorgefundenen Zustands verbunden ist. Umso wichtiger ist es daher, hervorragend ausgebildete Experten einzusetzen, die die Funde auch exakt dokumentieren und richtig interpretieren können. Unser Ziel ist es, darüber hinaus die Resultate der archäologischen Aktivitäten in Österreich auch allen Interessierten zugänglich zu machen, was mit dem neuen Archäologiezentrum möglich ist", erklärt Barbara Neubauer, die Präsidentin des Bundesdenkmalamts.
Mit dem Archäologiezentrum Mauerbach öffnet das BDA seine Bestände im Rahmen von Führungen nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für die interessierte Öffentlichkeit: Wer sich etwa für den Römersteinfund in der Ottakringerstraße oder vielleicht auch für den Fortschritt der Restaurierung des Schwertes eines keltischen Kriegers, dessen Grab 2010 bei Traismauer (NÖ) gefunden wurde, interessiert, kann in der Kartause Mauerbach Einblick in die vollständige Dokumentation dieser und weiterer Ausgrabungen nehmen und sich so aus erster Hand informieren.
Gelegenheit dazu bietet zum Beispiel der diesjährige Tag des Denkmals am 29. September 2013, der dem Thema "aus Stein?" gewidmet ist. Fast 300 Objekte werden an diesem Tag für Besucher zugänglich sein.

 

ARCHÄOLOGIEZENTRUM MAUERBACH:
Kartäuserplatz 2, Kartause/Nordtrakt
T: 01 / 577 46 61
E-Mail: archaeo@bda.at; www.bda.at
Mit Öffis erreichbar: Postbus 249/250 von U4 Hütteldorf

ARGE ARCHÄOLOGIE:
Die Arge Archäologie bietet für interessierte Laien ein umfangreiches Programm. Gemeinsam mit dem Österreichischen Archäologischen Institut (ÖAI) wird u.a. vom 21. bis zum 28. September eine einwöchige Studienreise nach Ephesos durchgeführt.
Sabine Ladstätter, Direktorin des ÖAI, Grabungsleiterin von Ephesos und "Wissenschafterin des Jahres 2011" wird die Teilnehmer dabei persönlich führen; eine Reihe von Vorträgen und Hintergrundgesprächen mit Wissenschaftern ermöglichen im Laufe der Woche eine größtmögliche Annäherung an diese faszinierende antike Stadt.
Arge Archäologie
Verein der Freunde der Archäologie
Büro: Löfflergasse 56, 1130 Wien
T: 0664 57 17 021
info@arge-archaeologie.atwww.arge-archaeologie.at