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Blick in unsere Zukunft

Von Walter Hämmerle

Leitartikel
© Luiza Puiu

Großbritannien muss die triste Realität anerkennen, die es lange leugnete. Österreich droht das gleiche Los.


"Vertrauen gibt es nicht umsonst" - so lautete der Schlüsselsatz des britischen Schatzkanzlers Jeremy Hunt, als er am Donnerstag ein Blut-, Schweiß- und Tränenprogramm der neuen Regierung präsentierte, mit dem er das Finanzloch im Ausmaß von umgerechnet rund 63 Milliarden Euro schließen will.

Regieren ist ein Rendezvous mit der Realität, lautet ein bekanntes Bonmot. In der Regel ist es auf die vollmundigen Versprechen von Oppositionsparteien gemünzt, die sich plötzlich mit den widrigen Bedingungen des Regierungsalltags konfrontiert sehen. Es trifft derzeit aber auch auf die britischen Tories zu, obwohl diese seit zwölf Jahre regieren. Der neue Budgetplan ist eine so spektakuläre wie radikale Abkehr von den eigenen Träumereien.

Die Wende erfolgte keineswegs freiwillig: Großbritannien stand kurz davor, von den Finanzmärkten wie ein Schwellenland behandelt zu werden. Um deren Vertrauen zurückzugewinnen, müssen nun Steuern erhöht sowie Investitionen und Ausgaben gekürzt werden. Das geschieht vor dem Hintergrund einer seit Jahren stagnierenden Wirtschaft und explodierender Lebenshaltungskosten. Der Sanierungskurs ist allerdings unvermeidlich angesichts einer Verschuldung von fast 100 Prozent des BIP und massiv steigender Zinszahlungen. Nachhaltiges Wachstum fällt nicht vom Himmel.

Großbritannien hat, wenn es sich in den vergangenen Jahrzehnten im Spiegel betrachtet hat, zu lange nur seine Schokoladenseiten, die es unzweifelhaft auch gibt, hervorgehoben und die traurigeren Wirklichkeiten ignoriert. Bis zu dem Moment, an dem die Schwächen übermächtig wurden und sich eben deshalb nicht länger leugnen ließen.

Ein solches Verhaltensmuster muss uns in Österreich nur zu bekannt vorkommen. Nicht nur beim Klimaschutz, wo immer noch die Erzählung vom Musterland herumgeistert. Die andere, sich immer höher auftürmende Baustelle in Sachen Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit liegt bei den Pensionen seit bald zwei Jahrzehnten unangetastet brach. Bis 2027 werden die Zuschüsse aus dem Budget für die Altersvorsorge um fast 80 Prozent ansteigen, von derzeit 11,7 Milliarden Euro auf dann 21 Milliarden. Rechnet man die Beamtenpensionen hinzu, belaufen sich die Gesamtkosten für den Bund sogar auf 37,8 Milliarden Euro, was einem Plus von 12,7 Milliarden Euro entspricht.

In Großbritannien können wir aktuell live unsere eigene Zukunft verfolgen. Die Begegnung mit der Realität wird schmerzhaft sein, vor allem für die Menschen im Land.