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"Blicken mit Neid auf Österreich"

Von Stefan Beig

Politik

Religionsunterricht in der Schule - Österreich hat seine eigene Regelung.


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Wien. Welcher Religion er denn angehört, wird Mehmet in der Schule gefragt. Sofort kommt die Antwort: "Ich bin Türke." Mehmets religiöses Selbstverständnis kann der Religionslehrer schon früh korrigieren, betont Amena Shakir, Leiterin des Studiengangs für das Lehramt für Islamische Religion (Irpa): Der Islamunterricht sei "der einzige Ort, an dem muslimische Kinder erfahren, dass der Islam keine Nationalität darstellt." Er fördere das Zugehörigkeitsgefühl zu Österreich - und ist daher ganz im Sinne des österreichischen Staats, könnte man ergänzen.

Mit dem Verhältnis "Religionsunterricht und säkularer Staat" befasste sich eine Tagung an der Irpa, die über weite Strecken auch zu einem interreligiösen Treffen wurde: Angehörige verschiedener Religionsgemeinschaften waren eingeladen; einig waren sich alle über die positive Rolle des Religionsunterrichts. Das religiöse Leben bewahre vor Beliebigkeit, es gebe Impulse für die Moral, ohne darauf reduziert zu werden, meinte Heribert Bastel von der Kirchlich-Pädagogischen Hochschule Wien.

Als Chance zur "Entwicklung eines Diaspora-Islam" sieht der Erziehungswissenschafter Tarek Badawia von der Uni Mainz den Islamunterricht. Ziel sei die Vermittlung des Islams als einer Lebensweise unter anderen. "Der Islam ist nicht anatolisch oder türkisch", erklärte auch Zekirija Sejdini, Fachinspektor für Islamunterricht, ganz im Sinne von Amena Shakir. Der Unterricht vermittle ein "europäisch geprägtes Verständnis vom Islam" und sei wirkungsvoll als "Maßnahme gegen Extremisten".

Für viele orthodox-christliche Kinder ist der Religionsunterricht der einzige Kontakt zu ihrer Kirche, erzählte Johann Krammer, Dozent für Religionspädagogik in St. Pölten. "Sie finden im Unterricht ihre Heimat." Oft lebten sie weit entfernt von den Gemeinden ihrer orthodoxen Kirche. Ihre Eltern kommen darüber hinaus aus ehemals kommunistischen Ländern, weshalb ihnen der Bezug zur Religion fehle. Während des Jugoslawien-Kriegs ist die Zahl der Angehörigen der orthodoxen Kirchen stark gestiegen.

In Österreich kann jede anerkannte Religionsgemeinschaft Religionsunterricht an öffentlichen Schulen erteilen. Ihr allein obliegt auch - anders als in Deutschland - seine Beaufsichtigung. Zurzeit unterrichten in Österreich etwa 450 Islamlehrer an 2000 Schulen. "Wir blicken mit Neid auf Österreich", bemerkte Tarek Badawia. In fast allen deutschen Bundesländern wird bisher kein Religionsunterricht erteilt, weil den Institutionen ein islamischer Ansprechpartner fehlt. Dabei gibt es in Deutschland rund 900.000 muslimische Schüler.

Intolerant durch Religion?

Doch das ist nicht der einzige Unterschied: Ebenso ist für Lehrkräfte in Deutschland beinahe bundesweit das Tragen des Kopftuchs verboten. "Der Staat verhält sich weltanschaulich neutral, aber nicht wertlos", meint dazu Badawia. Das Kopftuchverbot werde mit einer bestimmten Werteposition im Anschluss an die Aufklärung durchgesetzt. Argumentiert werde mit einer Verletzung der Gleichheit der Geschlechter. Künftig könnten daher auch islamische Religionslehrerinnen kein Kopftuch tragen.

Doch nicht alle sind vom österreichischen Modell begeistert. Eine türkischstämmige Mutter, die namentlich nicht genannt werden möchte, berichtet von Schikanen, denen ihre konfessionslose Tochter in der Volksschule ausgesetzt war. Warum sie nicht den Islamunterricht besucht, wo ihre Mutter Türkin ist, fragten sie die muslimischen Schüler, warum sie nicht zum katholischen Unterricht geht bei einem österreichischen Vater, wollten die Katholiken wissen. Weil sie Schweinefleisch isst und sich die Nägel lackieren lässt, komme sie in die Hölle, erklärten Einige. Ein Satz, den die Schüler im Unterricht lernten, schockierte die Mutter besonders: "Allah ist der einzige Gott und wir sind seine Krieger."

Die Mutter kritisiert, dass im Religionsunterricht die Unterschiede so stark betont werden. Wichtig seien die gemeinsamen Werte: "Ich verstehe nicht, warum für den Ethikunterricht das Geld fehlt." Dass im Religionsunterricht auch Vorurteile gegen andere Religionen geschürt werden können, wurde auch auf der Tagung angesprochen. Die Lösung sahen die Teilnehmer in der Zusammenarbeit der verschiedenen Religionslehrer, wie sie an vielen Schulen auch schon stattfindet. Das heißt konkret: Ein Islamlehrer erklärt den Schülern im katholischen Religionsunterricht seine Religion und umgekehrt.

Interreligiöse Feiern

Die "Chance auf interreligiöse Begegnung" strich auch der evangelische Bischof Michael Bünker hervor. Es gehe eben nicht darum, in allem gleich zu sein, sondern den anderen zu verstehen. "Es gibt keine schnellen Lösungen, sondern positive Wertschätzung." Die Bereitschaft dafür müsse gerade "aus der Mitte der Religionen kommen", und könne nicht von außen aufgezwungen werden. Eine "religionssensible Schule" wirke sich positiv aus, auch auf das gemeinsame Feiern religiöser Fest. "Dass sich der Staat mit keiner Religion identifiziert, heißt nicht, dass er sie ignoriert", ergänzte Walter Ender, Fachinspektor für katholischen Religionsunterricht. "Der Staat will interreligiöses Lernen", meinte er unter Verweis auf die österreichische Bundesverfassung.

Der Islamlehrer Mamdouh Elattar berichtete, dass in der Handelsakademie Margaretenstraße 65 bisher hunderte muslimische wie nicht-muslimische Schüler zum islamischen Opferfest zusammenkamen. Die Schule hat 1500 Schüler, gut die Hälfte seien Muslime. Ab heuer soll das Fest nicht mehr in der Schule stattfinden. Der Lehrer, aber auch viele muslimische Schüler bedauern das gegenüber der "Wiener Zeitung". "Bisher konnten auch die nichtmuslimischen Schüler dabei sein", sagte Elattar.