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Bloß kein "Missbrauch as usual"

Von Engelbert Washietl

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Der Autor ist Vorsitzender der "Initiative Qualität im Journalismus"; zuvor Wirtschaftsblatt, Presse, und Salzburger Nachrichten.

Österreichs katholische Kirche meldete Teilerfolge bei der Eindämmung des Missbrauchs-Skandals. Immerhin, es gibt Hoffnung.


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Erstmals Entspannung im Missbrauchs-Skandal. Die Vollversammlung der österreichischen Bischöfe in Mariazell segnete die Einrichtung einer "Stiftung Opferschutz" ab, die Opferschutzkommission unter Waltraud Klasnic stellt Hilfe und Zahlungen an Missbrauchsopfer in Aussicht. Ein Verjährungsprinzip wird die Kirche nicht gelten lassen. Christoph Kardinal Schönborn überhöhte diesen materiellen Teil des Vorgehens mit der Devise: "Die Mauer des Schweigens muss durchbrochen werden."

Ist damit das Ziel erreicht? Das kann gar nicht sein. Wie viel Zuwendung und wie viel Geld Opfer nach 20 oder auch 40 Jahren widerlicher und oftmals verbrecherischer Ereignisse brauchen, lässt sich nicht in einem "Rahmenplan" darstellen. Advokaten wollen das pekuniäre Regelwerk durchkreuzen und Entschädigungssummen in die Höhe lizitieren. Da es keine objektiven Sätze gibt, ist der Markt der Argumente heftig in Bewegung - 25.000 Euro (Klasnic-Kommission) und 130.000 Euro (Plattform "Betroffene kirchlicher Gewalt") sind derzeit die Eckpunkte, wobei hinzuzufügen ist: Selbst eine Zahlung der Höchstsumme schließt noch höhere Forderungen nicht aus.

Dem betrüblichen Faktum, dass das, was geschehen ist, nicht "wiedergutgemacht" werden kann, stehen unleugbar positive Entwicklungen gegenüber: Die Kirchenoberen haben mit der jahrzehntelangen Praxis gebrochen, die Täter auf Kosten der Opfer zu schützen. Das Fehlverhalten der Vergangenheit wird eingestanden. Erkannt wurde auch der Missstand in seinem dramatischen Ausmaß. Als 1995 der Fall des Wiener Erzbischofs Hans Hermann Groër aufflog, gelang eine derartige Wendung nicht einmal in Ansätzen. Der Skandal ging nach monatelangen Empörungen als außerordentlicher Einzelfall zu den Akten.

Warum musste eigentlich eine so lange Zeit verstreichen? Die Lawine kam ja erst ins Rollen, als sie durch den Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin, Klaus Mertes, im Jänner losgetreten wurde. Gab es keine anderen Gelegenheiten? Man muss auch medienkritisch fragen: Haben die Medien seit der Affäre Groër, die immerhin vom "Profil" aufgedeckt wurde, geschlafen?

Die Antwort macht bescheiden: Es scheint ganz einfach "die Zeit nicht reif" gewesen zu sein - eine eher verzweifelte Erklärung. Sie hat nicht nur mit den sehr unterschiedlichen Bewältigungsprozessen traumatisierter Opfer zu tun, sondern auch mit dem, was Menschen wahrzunehmen bereit sind. Was in nächster Nachbarschaft geschieht, will oft niemand sehen, schon weil die Objektivierung vermeintlicher Beobachtungen so schwer fällt. Insofern sind auch die Medien ein Spiegel der jeweiligen Zeit. Vielleicht wäre vor dem Jänner 2010 manchem Redakteur, der es ernst mit einem Verdacht nehmen wollte, vorgeworfen worden, "Schmuddelgeschichten" anzubieten.

Am wenigsten sind diejenigen zu entlasten, die im kirchlichen Apparat Verantwortung trugen, um Vorgänge wussten und nicht eingriffen - bis hin zu den konservativen Bremsern im Kardinalsrang in Rom. Die einzige Hoffnung ist, dass diese Fehlhaltung künftig nachdrücklich bekämpft wird, dass Druck auf alle ausgeübt wird, die Verantwortung tragen, dass die bereits postulierte Meldepflicht praktisch zur Geltung kommt.

Insofern ist der große Skandal in der Kirche noch lange nicht abgeschlossen. Für sie gibt es kein "Business as usual", schon gar nicht aber den Rückfall in den alten "Missbrauch as usual".

Der Autor ist Sprecher der "Initiative Qualität im Journalismus"; zuvor "Wirtschaftsblatt", "Presse" und "Salzburger Nachrichten".