Zum Hauptinhalt springen

Bloß nicht den Schnabel halten

Von Kerstin Viering

Wissen
Graupapageien sind besonders sprachbegabt.
© corbis

Teile des Vogelgehirns funktionieren ähnlich wie die Großhirnrinde der Säuger.


Berlin. "Mama!" "Papa!" "Mama, komm!" Das Geschrei, das vor ein paar Wochen aus einer Wohnung in der Nähe von Osnabrück schallte, klang verdächtig nach einem in Not geratenem Kind. Doch als die von Nachbarn alarmierte Polizei die Tür öffnete, fand sich nur ein gelangweilter und sehr kommunikativer Papagei. Mit ihren Imitationstalenten faszinieren diese Vögel ihre menschlichen Zuhörer seit Jahrhunderten. Und sie sind nicht die einzigen gefiederten Sprachgenies. Auch Raben und Stare können menschlich klingende Laute hervorbringen.

Wie machen die Tiere das? Was haben sie davon? Und wissen sie eigentlich, was sie da sagen? Auf solche Fragen finden Verhaltensforscher immer mehr verblüffende Antworten. Wenn es um ausgefeilte Kommunikation geht, brauchen sich Vögel demnach keineswegs hinter den Säugetieren zu verstecken.

Dabei hatten Papageien und Co. noch vor wenigen Jahrzehnten als geistlose Nachplapperer gegolten. Schon ein Blick auf ihr Gehirn schien zu verraten, dass es mit ihrer Intelligenz nicht weit her sein konnte. An der glatten Oberfläche fehlen die typischen Furchen und Wülste, die für unser Denkorgan typisch sind. Genau die galten als Voraussetzung für komplexe geistige Leistungen.

Spezielle Gehirnstrukturen

Inzwischen haben Neurobiologen wie Erich Jarvis von der Duke University in Durham in den USA ein besseres Bild vom Vogelhirn entwickelt. Demnach besteht es zu großen Teilen aus Bereichen, die ähnlich funktionieren wie die Großhirnrinde der Säuger. An geistiger Kapazität scheint es den Vögeln nicht zu fehlen. Aber nur wenige Tiere können offenbar lernen, neue Laute zu produzieren. Neben Walen, Delfinen und Robben sind dazu auch Elefanten und einige Fledermäuse in der Lage. Und eben etliche Vertreter der Papageien, Singvögel und Kolibris.

Jarvis ist überzeugt, dass die Voraussetzungen dieses außergewöhnlichen Talents in speziellen Strukturen im Gehirn liegen. Ebenso wie der Mensch haben offenbar auch die Imitatoren der Tierwelt eine direkte Nervenverbindung zwischen dem Vorderhirn und den für Lautäußerungen zuständigen Nervenzellen im Hirnstamm entwickelt. Durch kleine Veränderungen im Erbgut könnte diese spezielle Anpassung bei allen Tiergruppen mit begabten Imitatoren in ihren Reihen unabhängig voneinander entstanden sein. Nun ist das Team um Jarvis dabei, tiefer in die genetischen Grundlagen des Sprachtalents einzutauchen. Im Erbgut von Wellensittichen haben sie Abschnitte genau analysiert, die mit dem Sprechen lernen zu tun haben. Sie hoffen herauszufinden, wie diese Gene reguliert werden.

Gerade bei Papageien ist das besonders interessant. Denn anders als die meisten Singvögel nehmen sie nicht nur während einer bestimmten Phase neue Laute auf. Papageien lernen ihr Leben lang dazu. Oft ist das ein spontaner Prozess, der kein großartiges Training erfordert.

Um auch zu verstehen, was sie sagen, scheinen Papageien aber eine aufwendigere Ausbildung zu brauchen. Irene Pepperberg von der Brandeis University im amerikanischen Waltham, die Pionierin der Papageien-Pädagogik, hat in den 1970er Jahren ein Konzept entwickelt. Vor den Augen und Ohren des Papageis spielen zwei menschliche Trainer ein Frage- und Antwortspiel: Der eine zeigt dem anderen ein Objekt und stellt dazu Fragen wie: "Was ist das?", oder: "Welche Farbe?" Der andere wird für richtige Antworten gelobt und erhält den jeweiligen Gegenstand. Für falsche gibt es einen Tadel und kein Objekt. Nach einer Weile übernimmt der Papagei die Rolle des Befragten und bekommt das gleiche Feedback.

Der Star im Labor, der 2007 gestorbene Graupapagei Alex, hat es so zu einem großen Repertoire gebracht. Er kannte mehr als hundert Begriffe für unterschiedliche Gegenstände und Aktionen, konnte sieben Farben und fünf Formen unterscheiden und bis sechs zählen. Er benutzte den Ausdruck "Ich will", um Futter, Wasser oder Streicheleinheiten zu fordern. In Selbstgesprächen übte der Vogel neue Begriff und manchmal erfand er neue Wortkombinationen. Das Feedback ihres menschlichen Gegenübers scheint für den Lernerfolg der Vögel entscheidend zu sein. Pepperberg hat zwar etlichen jungen Graupapageien Videos von Alex’ Trainingseinheiten vorgeführt. Doch genau wie Menschen scheinen auch Papageien besser von leibhaftigen Ausbildern zu lernen.

Der Grund könnte in der Evolutionsgeschichte liegen. Denn das Sprachtalent der Papageien hat sich nach Ansicht vieler Forscher im Rahmen ihres Soziallebens entwickelt. Wer immer neue Laute lernt, kann offenbar besser Kontakt zu bestimmten Artgenossen aufnehmen. Hinweise dafür hat ein Team um Thorsten Balsby von der Uni Kopenhagen bei Elfenbeinsittichen gefunden. Diese leben in großen Schwärmen, die sich immer wieder neu zusammenfinden. Trotzdem haben die Vögel offenbar kein Problem, inmitten der vielen Artgenossen ein bestimmtes Tier anzusprechen: Sie imitieren dessen Kontaktruf.

Sprache als Kontaktruf

Etwas Ähnliches könnte dahinterstecken, wenn Graupapageien spontan die Wörter und Sätze in menschlicher Sprache krächzen. Denn sie passen ihre Äußerungen an die jeweilige soziale Situation an. Das haben Erin Colbert-White und ihre Kollegen von der University of Georgia beobachtet, als sie das Weibchen Cosmo in unterschiedlichen Situationen filmten.

Befand sich die Besitzerin im gleichen Raum und zeigte sich an einem Gespräch interessiert, sagte der Vogel gern Sätze wie "Cosmo will reden". Offenbar war ihm klar, dass dazu zwei gehören. War das Tier allein zu Hause, imitierte es stattdessen lieber Geräusche wie Hundegebell oder Telefonklingeln. Oder es sagte Sätze wie "Das ist ein Eichhörnchen", die keine Reaktion von einem Gegenüber erfordern. Cosmo konnte sogar unterscheiden, ob sie tatsächlich allein war oder ob sich ihre Bezugsperson nur im Nebenraum aufhielt. Denn sobald sie ihre Besitzerin in Hörweite glaubte, stellte sie Fragen wie: "Wo bist du?" Das Tier plapperte keineswegs stumpfsinnig vor sich hin, sondern benutzte die menschliche Sprache ähnlich wie wild lebende Papageien ihre Kontaktrufe.

Man braucht also keineswegs ein Säugetiergehirn, um Sprachkompetenz zu erwerben. Zu viel davon kann dann aber zu Schwierigkeiten mit der Polizei führen. Der Osnabrücker Vogel hat von den Beamten zwar nur ein amüsiertes Lächeln geerntet. Ein gefiederter Kollege in Kolumbien dagegen hat sich richtig unbeliebt gemacht. Die Mitglieder eines Drogenkartells hatten Lorenzo darauf trainiert, beim Auftauchen von Uniformierten Alarm zu schlagen. Als das Tier bei einer Razzia tatsächlich "Lauft, lauft, sonst kriegen sie Euch!" schrie, fanden die Polizisten das nicht besonders witzig. Lorenzo kam in Gewahrsam.