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Blühende Landschaften auf Griechisch

Von WZ-Korrespondent Ferry Batzoglou

Politik

Als Überflieger in der Reisebranche haben die Griechen noch einen steinigen Weg aus der Rezession vor sich.


Als Urlaubsdestination ist Griechenland im Aufschwung, doch der Rest gibt nach wie vor Anlass zur Sorge.
© corbis

Pilos. Fast senkrecht strahlt die Sonne vom tiefblauen Himmel, ein laues Lüftchen weht, quietschende Kinder planschen im Pool, die Tische für das opulente Diner sind bereits gedeckt. Erst die fünfte Saison ist es geöffnet, aber schon vielfach prämiert: das Costa Navarino. In der Region Messenien im Südwesten des Peloponnes unweit des schmucken Küstenstädtchens Pilos gelegen, erstreckt sich das weitläufige Areal mit seinen exquisiten Apartments, Golf- und Tennisplätzen, originärer Wellness-Anlage mit Entspannungsmethoden aus der Antike, Olivenhainen und feinen Sandstränden am Ionischen Meer. Gefühlte Karibik auf Griechisch. Das hat seinen Preis: Unter 300 Euro ist hier eine Unterkunft in der Hochsaison nicht zu haben, pro Nacht versteht sich. Gleichwohl: Die 1000-Betten-Anlage ist in diesem Sommer ausgebucht.

Das gilt nicht nur für den noblen Wohlfühltempel. Denn Griechenlands Tourismus boomt. Ob Mykonos, Santorin oder Kreta: Von der desaströsen Krise, die das Euro-Sorgenkind seit dem Herbst 2008 heimsucht, ist in diesem Sommer vielerorts nichts zu spüren. Der griechische Touristikverband Sete sprüht jedenfalls vor Zuversicht. 19 Millionen Gäste aus dem Ausland werden erwartet - dies wäre ein neuer Rekord.

Der Hellas-Hype werde, so schätzt Sete, den Griechen dieses Jahr Direkterlöse von etwa 13 Milliarden Euro bescheren, knapp eine Milliarde Euro mehr als im Vorjahr. Für das krisengebeutelte Hellas ist der warme Geldregen ein Segen. Ohnehin spielt der Tourismus mit einem Anteil von 16 Prozent an der einheimischen Wirtschaftsleistung eine Schlüsselrolle.

© UNWTO

Und die Griechen sind ehrgeizig. Bis 2021 - wenn genau 200 Jahre nach der Revolution der Hellenen gegen die osmanischen Herrscher verstrichen sein werden - soll die Zahl der Griechenland-Urlauber auf stolze 24 Millionen in die Höhe schnellen. So steht es in einem 39 Seiten umfassenden Strategiepapier mit dem Titel "Tourismus und Wachstum", das Sete im vorigen Oktober verfasste.

Eine weitere Vorgabe: Ausgeben soll der Besucher dann im Schnitt 800 Euro pro Hellas-Aufenthalt. Kein leichtes Unterfangen: Denn das Motto in Sachen Hellas-Urlaub lautete zuletzt: "kürzer und knauseriger". Blieb der Tourist im Jahr 2005 noch im Schnitt 10,7 Tage in Griechenland und gab dabei 745,70 Euro aus, weilte er 2013 nur noch 8,1 Tage in Hellas. Seine Ausgaben fielen auf lediglich 604,20 Euro pro Besuch.

Einen signifikanten Anstieg der Tourismus-Einnahmen hat Griechenland bitter nötig. Als erstes Land nahm es im Frühjahr 2010 einen Notkredit auf. Die Gläubiger-Troika aus EU, EZB und IWF rettete die Griechen damals vor einem (ungeordneten) Staatsbankrott. Dafür musste Athen drastische Spar- und Reformbeschlüsse fassen. Die Griechen durchschritten ein Tal der Tränen: Die Wirtschaftsleistung ist bis dato kumuliert um ein sagenhaftes Viertel eingebrochen.

Sparkurs trägt Früchte

Griechenland steckt im siebten Jahr der Rezession. Hunderttausende Unternehmen mussten schließen. Hellas erlebt seinen ersten Immobiliencrash seit dem Zweiten Weltkrieg. Zudem sanken die Spareinlagen bei den griechischen Geschäftsbanken um ein Drittel. Die unweigerliche Folge: Das Nettovermögen der elf Millionen Griechen hat sich auf 65.000 Euro pro Kopf halbiert - in nur fünfeinhalb Jahren.

Der rigide Sparkurs beginnt jedoch Früchte zu tragen. Die Lohnstückkosten wurden im Eiltempo radikal gesenkt. Ein Arbeitnehmer mit einer Vollzeitbeschäftigung im Privatsektor verdiente 2013 im Schnitt 817 Euro netto pro Monat. Dies sind 197 Euro weniger als per Ende 2009, ein Minus von 20,4 Prozent.

Obendrein ist Athens Staatshaushalt unterdessen konsolidiert. Die Griechen konnten im Vorjahr erstmals wieder einen primären Haushaltsüberschuss erzielen. Binnen vier Jahren wurde Athens Staatshaushalt um einen Betrag entlastet, der 16 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) entspricht.

Die OECD lobte den Reformeifer der Griechen in höchsten Tönen: "Das ist das beeindruckendste Programm, das ich je gesehen habe", sagte OECD-Chef Angel Gurria vor kurzem über die Maßnahmen zur Krisenbewältigung, von der Beschleunigung der Großinvestitionen bis zum Abbau der zuvor überbordenden Bürokratie.

Im laufenden Jahr soll die griechische Wirtschaft wieder um 0,6 Prozent wachsen. Es wäre ein Silberstreif am Horizont. Oder ist es nur Wunschdenken? Experten warnen: Die Preise in Hellas purzeln. Nur: Der Preisverfall ist Gift für das anvisierte Wirtschaftswachstum. Im Juli fielen die Preise im Jahresvergleich um 0,7 Prozent. Es war der 17. Monat in Folge, in dem Hellas in einer Deflation steckt.

Ferner schwächeln ausgerechnet die griechischen Exporte. Dabei sollten sie ein Wirtschaftsmotor sein. Grund: Die (angeschlagenen) griechischen Geschäftsbanken vergeben keine neuen Kredite. Das Gesamtvolumen der in Hellas vergebenen Kredite für den Privatsektor sinkt um fünf Prozent - jedes Jahr. Griechenland steckt in der Kreditklemme.

Industrie im Sturzflug

"Weil die griechischen Unternehmen kein Geld von anderswo beschaffen können, müssen sie notgedrungen von ihren eigenen Rücklagen zehren. Die Firmen-Rücklagen sind im Jahr 2013 von insgesamt 350 Millionen Euro auf 200 Millionen Euro gesunken. Investitionen bleiben aus. So fällt die internationale Wettbewerbsfähigkeit der griechischen Firmen und Produkte. "Die möglichen Vorteile aus der drastischen Senkung der Gehälter und Löhne in Griechenland verpuffen", konstatiert Charalambos Gotzis, Wirtschaftsprofessor an der Universität Piräus.

Sorgenfalten treiben der Athener Regierung zudem die sinkende Industrieproduktion (minus 6,7 Prozent im Juni), der fortgesetzte Rückgang beim Umsatz im Einzelhandel (-8,5 Prozent im Mai) und die erneute Flucht der Anleger von der Athener Aktienbörse auf die Stirn. Der Athener Generalindex büßte seit Mitte März fulminante dreißig Prozent ein. Zu allem Überfluss: Das jüngste Russen-Embargo, Putins Rache für die EU-Sanktionen, trifft die griechischen Bauern hart. Sie führten bisher vor allem Pfirsiche, Erdbeeren und Trauben nach Russland aus.

Problem Braindrain

Fakt ist: Griechenlands Weg aus der Rezession ist steinig und schwer. Enormen sozialen Sprengstoff birgt zu Füßen der Akropolis derweil die exorbitante Arbeitslosenquote. Sie verharrt hartnäckig bei 27 Prozent. Besonders betroffen: die jungen Griechen. Mehr als die Hälfte ist gegenwärtig auf Arbeitssuche. Was ins Bild passt: Mehr als 130.000 Akademiker kehrten dem Euro-Land zuletzt den Rücken. Stichwort: "Braindrain" ("Talentschwund"). Griechenland blutet aus.

Arbeitslos war auch Anastasios Spirakos. Er hat schon in Katar gearbeitet, später auf einem Kreuzfahrtschiff. Zurück in Griechenland habe ihn die Krise "mit voller Wucht getroffen". Doch Spirakos, Anfang 30, wollte hier bleiben. Im Frühjahr ist er fündig geworden. Jetzt ist er Leiter des Restaurants "American Diner" im Costa Novarino. Zufrieden? "Ja. Ich bin froh darüber, wieder eine Chance in meiner Heimat zu bekommen. Ich will später meinen Kindern sagen können: ,Bleibt auch hier! Und krempelt die Ärmel hoch! So wie ich.‘"