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Blumenwiese statt Sportrasen

Von Heiner Boberski

Wissen

"Die Zukunft gehört weltanschaulicher Vielfalt, nicht monotoner Säkularität."


"Wiener Zeitung":Wie hoch ist der Anteil der religiösen, gläubigen Menschen in Europa?Paul M. Zulehner: Es gibt gewaltige Unterschiede und Abstufungen zwischen den einzelnen Ländern. Der Kontinent ist zweifellos religiös nach wie vor hoch aufgeladen. Die Werte für Religiosität sind in der europäischen Wertestudie zwar leicht fallend, es kann aber auch sein, dass die Religiosität transformiert in einer Kultur, die immer mehr Bildung, Bewusstsein und Rationalität hat, wo zugleich die Religion in einem positiven Sinn säkularer, weltlicher, rationaler wird. Da ändert sie sich auch, und da sind die Leute nicht mehr so emotional, dass sie gleich sagen: Ich bin religiös. Das kann auch sehr cool daherkommen. Aber zwei Drittel konnotieren sich selbst mit religiös, schick ist heute, vor allem bei Frauen, zu sagen: spirituell, weil das weniger Kirche assoziiert. Die eigentliche Krise in Europa betrifft nicht die Religiosität, sondern die religiösen Institutionen, die glauben, sie könnten wie ehedem mit Hilfe staatlicher Macht die Leute auf ihre Linie bringen. Das haut nicht mehr hin.

Trifft die Meinung zu, Europa sei längst nicht mehr christlich?

Das ist die alte Säkularisierungsthese. Der Philosoph Konrad Paul Liessmann spielt auf diesem Klavier. Er meint, die Schulen sollen zugeben, dass Österreich nicht mehr christlich ist, der Religionsunterricht sollte weg, und wenn es einen Unterricht gibt, dann einen Unterricht in säkularer Ethik. Bei ihm gibt es entweder Christentum oder Säkularität. Und das war einer der empirischen Megafehler der Religionssoziologie der 70er Jahre. Man meinte, Europa sei munter dabei, sich zu säkularisieren, und übrig bleibe ein aufgeklärter, gottfreier und daher den Menschen alles überlassender, wunderbarer, fortschrittsfreudiger und endlich humaner und gewaltloser Humanismus. Das spielt es aber nicht. Die Schweizer haben dazu eine tolle Studie gemacht: "Religionen, Staat und Gesellschaft" mit 28 Studien des Nationalfonds, die jetzt in einem Buch gebündelt worden sind.

Welchen Trend sehen Sie?

Die Entwicklung geht von der christlichen Monokultur zur weltanschaulichen Verbuntung, in Österreich vom katholischen Sportrasen zur überbunten Blumenwiese. Darum habe ich meine letzte Österreich-Studie "Verbuntung" genannt, denn das ist der Megatrend. Innerhalb der Buntheit gibt es natürlich die Kirchlichen, aber auch die Muslime, die Buddhisten, die Säkularen, aber auch die Skeptiker oder die religiösen Vagabunden. Zu sagen, Europa sei säkularisiert, ist völlig daneben. Die Zukunft gehört der weltanschaulichen Vielfalt, nicht einer monotonen Säkularität.

Man kann jetzt fragen, welche Rolle das Christentum in dieser Situation spielt. Es gibt plötzlich viele Kulturchristen, Leute, die wahrnehmen, da kommen Muslime, die sind gläubiger, haben mehr Kinder und kein Problem, ihre Religiosität ungeniert zu leben. Da läuft es vielen Europäern kalt über den Rücken, und sie sagen: Wir müssen jetzt wieder ein "christliches Europa" verfechten, das christliche Abendland ist wieder in. 70 Prozent der Bevölkerung sind Kulturchristen, die Hälfte von ihnen ist hochaggressiv. Kulturchristen sind nicht unbedingt religiös. Ihre Religion dient vielmehr zur Abgrenzung gegenüber dem Islam, der für das Fremde und Bedrohliche steht.

Dabei ist das Christliche in Europa tief eingegraben. Wir werden uns in Europa keinen Platz des Himmlischen Friedens leisten können, wo man den Einzelmenschen wegmähen kann, wenn es der Partei nützt. In China hat man ein anderes Bewusstsein, der einzelne Mensch zählt dort nicht. In Europa zählen die Person, die Unantastbarkeit, die großen Freiheiten. Da hat Europa einiges hervorgebracht, auch im Sozialstaat, im Bildungswesen, das sind Derivate einer langen christlichen Geschichte, die sich langsam emanzipiert haben vom Christentum.

Ist nicht die Kirche auch über vieles drübergefahren, zum Beispiel zur Zeit der Inquisition?

Es gab brutale, religiös-konfessionelle Säuberungen. Aber das haben vor allem die politischen Fürsten, hierzulande die Habsburger, gemacht. Es gibt ein interessantes Buch von Hans Conrad Zander, wonach die Inquisition ein Versuch war, mittels ordentlicher Verfahren die Willkür der Regionalfürsten zu zähmen, die mit Hilfe der Ketzerprozesse unliebsame Konkurrenten aus dem Weg schafften.

Die Kirche ist jedenfalls heute in der Krise, es gibt einen deutlichen zahlenmäßigen Rückgang.

Ich weigere mich, das Wort Krise für die Kirchen zu verwenden. Die sind in einer Transformation, erleben einen Umbau. Es ist ein Riesenfehler, rückwärts gewandte Benchmarks zu setzen und zu sagen: "Jetzt haben wir nur noch." Woran misst man dieses "nur noch"? Man misst es an der Konstantinischen Ära, als das Christentum Staatsreligion war, und meint, es müssten 100 Prozent sein und es gehe ständig bergab. Ich könnte auch sagen: Welch ein Wunder, 19 Prozent der Katholiken, 750.000, gehen am Sonntag in Österreich in die Kirche. Die aufgenötigte Kirchenmitgliedschaft ist passé. Wir haben keine Volkskirche mehr, sondern eine Kirche im Volk. Der biblische Normalfall ist: Salz der Erde und Licht der Welt, aber nicht, dass Salz und Suppe identisch sind.

Wie wird es weitergehen?

Natürlich gibt es eine Atheisierung, eine wachsende Zahl von Leuten, die ihr Leben ohne jede religiöse Wohltat verbringen. Zugleich gibt es eine wachsende Spiritualisierung. In der Politik wird es ziemliche Kulturkämpfe geben. Der Moraltheologe Günter Virt hat mir erzählt, er gelte jetzt schon in der Bioethikkommission in Brüssel als "katholischer Taliban". Die fundamentalistischen Ränder nehmen zu, aber dazwischen auch die Skeptiker und Suchenden. Die Orthodoxen sind in Europa derzeit vermutlich das stabilste Element. Auch der katholische Gürtel im Süden ist relativ stabil, während der protestantische Nordgürtel eher atheisiert.

Es gibt ein starkes religiöses Gefälle zwischen einzelnen Staaten, auch zwischen Westeuropa und den USA, wo fast jeder an Gott glaubt. Wie erklären Sie das?

Die Unterschiede kommen aus der Geschichte. In Europa ist die moderne Welt gegen den erklärten Widerstand vor allem der katholischen Kirche entstanden, in Amerika waren deklarierte Christen die Wegbereiter der freiheitlichen Verfassung. In Europa spielt zudem die Konfessionalität eine wichtige Rolle. Spannend in der Osteuropa-Studie war, dass der Protestantismus im Kommunismus wesentlich stärker kollabiert ist, etwa in Estland, Ostdeutschland oder Tschechien, während in der Nachbarschaft, in Litauen, in Polen, in der Slowakei die Katholiken eher stabil geblieben sind.

Ein Erklärungsversuch lautet: Der Protestantismus ist das erste Produkt der Moderne und zugleich deren prominentestes Opfer - eben wegen der Individualisierung. Im Kontext der Pluralisierung verdunstet radikal privatisierte Religiosität, der Glaube hält sich nur in Netzwerken. Im Grunde hat der Katholizismus dadurch mehr Überlebenschancen als der Protestantismus. Der Protestantismus floriert heute dort, wo Freiheit mit Bindung zusammenkommt, etwa in den Freikirchen, oder wo Freiheitlichkeit mit starker Emotionalität und sozialer Wärme verbunden ist, etwa in der Pfingstbewegung, die derzeit weltweit am meisten boomt.

Was werden die größten Änderungen der nächsten Jahrzehnte sein?

Es wird viel mobile Entscheidungsgemeinschaften geben, die sich vernetzen werden, sehr laikal, wahrscheinlich theologisch sehr vif, und die werden nicht warten, bis ein Bischof irgendetwas erlaubt. Daneben werden sich Gruppen wie die Piusbrüder mit einer acies ordinata noch halten. Fundamentalismus wird stärker werden. Die Frage von Freiheit und Autorität ist brennend, das zeigt ja auch die Pfarrerinitiative in Österreich. Laut unseren Studien geht der Autoritarismus von 1970 bis 1996 herunter, danach ist er wieder gestiegen.

Wie wird sich der hierarchische Apparat entwickeln?

Der muss sich transformieren. Der Vatikan braucht eine tiefe Reform, er lebt aber nicht von und für Europa, sondern ist Teil der Weltkirche. Das jetzige Pontifikat ist der letzte Versuch, die Weltkirche europäisch zu sichern. Der nächste Papst muss so viel vom Vatikan verstehen, dass er ihn umkrempeln kann. Benedikt XVI. wird das wohl kaum meistern.

Zur Person



Paul Michael Zulehner

Der Pastoraltheologe ist Autor zahlreicher religionssoziologischer Bücher und arbeitete viele Jahre an der Universität Wien.