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Blut, Schweiß und Kohle

Von WZ-Korrespondentin Simone Brunner

Politik

Eine Energieblockade im Osten des Landes hält die Ukraine in Atem.


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Bachmut/Kiew. Wenn Boguslaw aus seinem Zelt hinaustritt und sich eine Zigarette ansteckt, dann nickt er zufrieden. Sie ist noch da. Grellgrün gestrichen, rot und gelb gestreift. Eine klapprige Lokomotive, die sich vom trostlosen Grau des Februarhimmels abhebt. "Den Zug habe ich selbst zum Stehen gebracht", sagt er mit erkennbarem Stolz. Boguslaw, Oberlippenbart, militärgrüne Jacke, schwere Camouflage-Hosen, zieht an seiner Zigarette. "Aber wenn sie es wagen, wieder einen Zug hierher zu schicken, werden wir ihn anzünden." Er setzt nach: "Ich persönlich werde ihn abfackeln."

Boguslaw spricht über die bunte Lokomotive wie über etwas irgendwo zwischen Geisel, Trophäe und verrichtetem Tagwerk. Seit einem Monat blockieren Kriegsveteranen und Aktivisten die Kohlelieferungen aus dem an der Grenze zu Russland gelegenen Donbass. Wie Filialen sind sie entlang der 400 Kilometer langen Frontlinie zwischen dem ukrainisch kontrollierten Territorium und den östlich davon liegenden Separatistengebieten eröffnet worden: Mit einem Standpunkt hat es angefangen, heute sind es drei. Wie hier, an einem einsamen Bahnübergang nahe der ostukrainischen Stadt Bachmut. Zwei militärgrüne Zelte, ein in einem Fass angefachtes Feuer, vor dem sich heute fünf Männer die Hände reiben, und viele Ukraine-Fahnen. Zur Straße hin hängt ein großes Transparent auf Ukrainisch: "Keine Finanzierung der Terroristen! Wer mit den Besetzern handelt, macht Geld mit Blut!"

Neben der Lokomotive zieht sich ein zweiter Schienenstrang entlang. Eine Elektritschka, ein Vorortezug, zieht vorbei. Hier werden nur die Warenlieferungen blockiert, "nicht die Passagiere", erklärt Boguslaw, geschäftig wie ein Verkäufer. Seit sie hier ihr Lager aufgeschlagen haben, sei aber keine Fuhre mehr gekommen, schwört er. Aber das reicht noch nicht. "Wir wollen den gesamten Handel unterbinden", sagt er. "Nicht nur Kohle, sondern alles." Bald sollen auch Autos kontrolliert werden, sagt Boguslaw.

Der Krieg, der aufder Stelle tritt

Die meisten der "blokadniki", der "Blockierer", waren als Soldaten an der Front. Wie Boguslaw, der im Freiwilligenbataillon "Donbass" gegen die pro-russischen Separatisten gekämpft hat. Luhansk und Schyrokyne. Ein zermürbender Stellungskrieg, wo zwar ständig geschossen, aber doch kein Land erobert wird. Ein Krieg, der auf der Stelle tritt und somit längst von finanziellen Interessen gesteuert ist, ist Boguslaw inzwischen überzeugt. "Wenn der Handel aufhört, wird auch der Krieg aufhören", sagt er. "Jede Kopeke ist ein Tropfen Blut." Für ihn ist die Blockade eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln.

Was vor Ort wie eine kleine Sabotageaktion wirkt, hat in der Ukraine hohe Wellen geschlagen. Viele ukrainische Kraftwerke sind auf Kohle aus den Separatistengebieten angewiesen. Die Regierung hat bereits vor Engpässen bei der Stromversorgung gewarnt und den Notstand ausgerufen. Auch die EU und die USA haben vor einer "massiven Energie-Krise" gewarnt. "Für diese Kohle gibt es keine Alternative", sagte Premier Wolodymyr Hrojsman.

So ganz stimme das nicht, sagt indes der Energieexperte Wolodymyr Omeltschenko vom Kiewer Razumkow-Zentrum. Die Kohle könnte sehr wohl durch Importe ersetzt werden, aus Südafrika, Australien oder den USA. Eine komplizierte Preisformel ("Rotterdam-Plus") hat diese Importe indes unrentabel gemacht. Zudem sei die Lage zwar kritisch, aber längst nicht so dramatisch, wie von der Regierung dargestellt, so Omeltschnko. Nach aktuellem Stand sollten die Vorräte zumindest bis Ende März - und somit dem Ende der Heizsaison - ausreichen. Statt Panik zu schüren, sollte die Regierung vielmehr dafür sorgen, sich für den nächsten Winter zu rüsten. Kiew hätte nämlich eine bereits 2015 angestoßene Energiereform, um die Kraftwerke von Anthrazit- auf Gaskohle umzustellen, immer wieder verschleppt. Dass die benötigte Anthrazit-Kohle in den Separatistengebieten vor allem in den Schächten des einflussreichen ukrainischen Oligarchen Rinat Achmetow gefördert wird, hat den Prozess wohl nicht beschleunigt, mutmaßt Omeltschenko.

"Sie töten uns,wir kaufen Kohle"

Die Blockade trifft aber vor allem in der Bevölkerung einen Nerv der Zeit. "Sie töten uns, und wir handeln mit ihnen, wir kaufen ihre Kohle", schreibt der Journalist Witali Portnikov. "Das ist genau das, was Putin will." Der Krieg in der Ostukraine hat bisher 10.000 Tote gekostet, und es ist kein Ende in Sicht. "Viele Ukrainer halten es für amoralisch und eine unannehmbare Situation, wenn die Ukraine Krieg mit den Separatistengebieten führt und zugleich mit ihnen Handel treibt", so der Politologe Wolodymyr Fesenko. Immerhin 17 Prozent der Ukrainer sind für ein vollständiges Kappen aller Wirtschaftsbeziehungen zu den Gebieten. 27 Prozent wollen hingegen, dass diese Gebiete wieder vollständig eingegliedert werden, so eine aktuelle Umfrage.

Ursprünglich wurde die Blockade angestoßen, um Kriegsgefangene zu befreien. Doch zuletzt wurde die Aktion zunehmend von der Partei "Samopomitsch" ("Selbsthilfe") vereinnahmt. Semjon Sementschenko, der bei Kriegsausbruch das Freiwilligenbataillion "Donbass" gründete und heute als Abgeordneter für die Partei im Parlament sitzt, rapportiert täglich live auf Facebook über die Blockade. Sementschenkos Parteikollegin Oksana Syrojid hat bereits 2015 einen Gesetzesentwurf eingebracht, um alle Wirtschaftskontakte zu den Ostgebieten zu kappen. "Sollen wir den Krieg finanzieren, den der Aggressor gegen uns führt?", sagte zuletzt Serhij Harmasch, Chefredakteur des Portals "Ostrow", bei einer Pressekonferenz in Kiew. "Wenn wir aufhören, den Krieg gegen uns zu finanzieren, dann bekommen wir eine echte Chance, diese Gebiete wieder in das Land zu integrieren."

Wadim Tschernysch sieht das anders. Er sitzt im dritten Stock eines Kiewer Verwaltungsgebäudes. Hier ist vor einem knappen Jahr das neue "Ministerium für die besetzten Gebiete und Binnenvertriebene" eingezogen, dem Tschernych vorsteht. Wenn die Blockade anhält, müssten vor allem die Fabriken in den Separatistengebieten ihren Betrieb einstellen, argumentiert Tschernysch. Das werde den Hass auf Kiew weiter schüren. Dass die Kohlelieferungen die Separatisten unterstützten, stimme so auch nicht: Immerhin seien es gerade jene Betriebe, die im Separatistengebiet liegen, aber in der Ukraine registriert sind und ihre Steuern zahlen. Die Forderung, den Separatisten die Wasser- und Stromversorgung zu kappen, sei undenkbar: So verlaufen die Wasserrohre von Norden, vom ukrainisch-kontrollierten Gebiet bei Luhansk, über das Separatistengebiet und Donezk, wieder zurück nach Mariupol, das von der Regierung in Kiew kontrolliert wird. Wer den Separatisten die Versorgung kappt, wie von manchen gefordert wird, dreht auch sich selbst das Wasser ab.

So sieht Tschernych die Blockade vor allem als eines: als Bumerang für Kiew. Erst zuletzt hat der Minister einen "Plan zur Reintegration des Donbass" vorgelegt. Darin finden sich Initiativen und Ideen, um den Austausch zwischen den Menschen an der Frontlinie zu fördern. Kein großer Wurf, aber zumindest ein Anfang. Es spricht Bände, dass es drei Jahre gebraucht hat, um ein offizielles Dokument vorzulegen, wie mit den Menschen auf der anderen Seite der Frontlinien umzugehen sei. Sind die Menschen in den Separatistengebieten nun Freunde oder Feinde? Verräter oder Opfer? "Sie sind auch Ukrainer und wir sind für sie verantwortlich", sagt Tschernysch. "Wir wollen nicht, dass sie in einem Ghetto leben." Mit einer Blockade wird man jedenfalls nicht die Herzen und Köpfe der Donbass-Bewohner zurückerobern, glaubt er.

Zurück in der Ostukraine. Die Blockade wandelt sich zur Barrikade, denn die "blokadniki" sind misstrauisch geworden. Zuletzt ist es in Kiew zu Zusammenstößen zwischen Anhängern der Blockade und der Polizei gekommen. Um die Zelte zieht sich Stacheldraht. Für alle Fälle haben sie schon Molotowcocktails gemixt. Vor dem Zelt sind zudem einige Reifen aufgetürmt. "Die brennen wie die Hölle", sagt Boguslaw augenzwinkernd. Robert, ein Hüne in Camouflage, heizt gerade den Ofen ein. Er werde bis zuletzt dafür kämpfen, alle Wirtschaftsbeziehungen zu den Separatisten zu kappen. Auch die Strom- und Wasserleitungen. "Ihr wolltet die Unabhängigkeit", sagt er über die Separatistengebiete. "Hier habt ihr eure Unabhängigkeit."