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Blut und Jehovas Zeugen

Von Christa Karas

Analysen

Ein junger Mann stirbt, weil den | Ärzten die Hände | gebunden waren. | Gab es wirklich keine Alternativen? | Die meisten der anerkannten Religionsgemeinschaften bezeichnen sie als (bisweilen "gefährliche") Sekte, während der NS-Diktatur und in der DDR wurden sie verfolgt, und immer wieder haben Mediziner ihre Not mit ihnen, vor allem, wenn sie ihren Kindern lebensrettende Bluttransfusionen verweigern wollen: Seit dem Jahr 1944 lehnen die Zeugen Jehovas unter Berufung auf Bibeltexte sowohl Bluttransfusionen wie -spenden und sogar die Eigenblutspende vor Operationen ab.


Allerdings stellen sie es der Gewissensentscheidung des Einzelnen anheim, ob er einzelne Blutbestandteile etwa aus Plasma und anderen Komponenten akzeptiert. Das gilt ebenso für Organ- oder Knochenmarkstransplantationen.

Und lange vor der Erkenntnis der Übertragung von Viren wie HIV und Hepatitis B und C etc. über das Blut forcierten die Zeugen Jehovas einerseits Forschungen mit dem Zweck, die Operationstechniken so zu optimieren, dass diese weitgehend unblutig verlaufen, und andererseits die Intensivierung der Suche nach Blutersatzstoffen.

Hinsichtlich der OP-Techniken ergaben sich dadurch tatsächlich ganz beträchtliche Fortschritte - bereits vor einigen Jahren gelang es den Zeugen Jehovas, eine Datenbank mit den Adressen von weltweit 100.000 Medizinern aufzubauen, die selbst schwierigste Operationen ohne Bluttransfusionen durchzuführen vermochten. In der Zwischenzeit gibt es dank technischer Fortschritte die schier unbegrenzten Möglichkeiten der minimal invasiven Eingriffe ("Knopflochoperationen"), die allen Patienten zugute kommen.

Ungleich schwieriger gestaltete sich hingegen die Realisierung des vor allem in Zeiten des Krieges aktivierten, uralten Traumes von der Erzeugung künstlichen Blutes. Wann immer es schien, als sei auf diesem Gebiet der so lange erhoffte Durchbruch gelungen, erwiesen sich die Substanzen in der Praxis denn doch als problematisch.

Zuletzt wurden zwei Blutersatzstoffe favorisiert, nämlich Emulsionen aus Perfluorcarbonen (PFCS) und Lösungen aus modifiziertem Hämoglobin (Hb). Doch Blut, der "ganz besondre Saft", hat viele wichtige Bestandteile, während die beiden genannten Ersatzstoffe nur eine der vielen Funktionen übernehmen können: Sie sind künstliche Sauerstoffträger, die einen Blutverlust nur vorübergehend ausgleichen können. Und auch um einen halb-künstlichen Ersatz aus Rinderblut ist es schon wieder still geworden.

Nach dem Tod des 19-jährigen Zeugen Jehovas auf der Baumgartner Höhe in Wien stellt sich dennoch die Frage, ob die Ärzte - unter Wahrung der Patientenautonomie - alle Mittel ausgeschöpft haben, die ihnen zur Verfügung standen und ob diese Mittel ausreichend vorhanden waren. Doch diese Frage können nur die Ärzte beantworten. Fernbeurteilungen entbehren der Berechtigung.