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"Blut, Widerstand und Hoffnung"

Von Konstanze Walther

Politik

Vor zehn Monaten wurden 43 Studenten in Guerrero von der Polizei verschleppt - Ein Überlebender im Interview.


Mexiko-Stadt. Die Abschlussklasse von 2015 der Hochschule Raúl Isidro Burgo hat am vergangenen Samstag ihre Zeugnisse erhalten. Die feierliche Abschiedszeremonie lief unter dem Namen "Blut, Widerstand und Hoffnung".

Denn es war kein reines Freudenfest, bei der Zeremonie wurden symbolisch auch an 43 Abwesende die Zeugnisse verteilt. So erinnerte man an die 43 Kommilitonen der Universität, die mit diesem Wochenende seit zehn Monaten verschwunden sind.

Die Hochschule Raúl Isidro Burgo ist inzwischen gleichbedeutend mit einem der größten Skandale in Mexiko - dem Massaker von Ayotzinapa im Bundesstaat Guerrero. Am 26. September 2014 kaperten Studenten der Hochschule in der Nacht Autobusse, um mit ihnen nach Mexiko-Stadt zu fahren, um dort am einer Gedenkstagkundgebung zu den Studentenmassakern von 1969 teilzunehmen. Ein Vorgang, der nicht unüblich war, es gehört zur Tradition an jener Hochschule, dass sich die Studenten an politischem Aktivismus beteiligen. Doch am Weg zur Hauptstadt liegt Iguala, und die Ehefrau des Bürgermeisters hatte für den kommenden Tag eine Veranstaltung angekündigt. Da dieses Bürgermeisterpaar seit langem umwittert war von Vorwürfen der Korruption und dem Kontakt zum organisierten Verbrechen, kündigten die Studenten an, die Festveranstaltung der Bürgermeistergattin stören zu wollen. Das dürfte ihnen zum Verhängnis geworden sein.

In der Nacht vor der Veranstaltung kam es zum Massaker. Die Busse wurden von Polizei und - vielleicht auch Militär - mit Waffengewalt angehalten, es kam zu Schussgefechten auf offener Straße - die Studenten konnten sich nur mit Stöcken und Steinen verteidigen. Sechs Menschen wurden getötet. Von den Studenten wurden 43 von der Polizei abgeführt. Das war das letzte Mal, dass man sie lebend gesehen hatte. Die Polizisten sagten später aus, sie hätten sie der lokalen Mafiaorganisation übergeben. Der Bürgermeister und seine Frau wurden als Drahtzieher genannt, beide sind geflüchtet, befinden sich inzwischen in Haft. Angehörige der Mafia gestanden, die Studenten verbrannt zu haben. Doch die Aussagen sind unschlüssig, die jeweils genannten Orte, an denen die 43 angeblich verscharrt worden sind, brachten zwar Leichenteile zutage, aber die forensischen Untersuchungen ergaben, dass es sich nicht um die Studenten handelte, sondern um andere, namenlose Opfer der systemischen Gewalt in Mexiko. Bisher wurden nur die Überreste eines einzigen der Studenten identifiziert.

Die eingesetzte internationale Untersuchungskommission erklärte vergangene Woche, dass eine Anfrage an die Regierung, um Soldaten wegen des Kidnappings zu verhören, seit drei Monaten unbeantwortet ist.

Die "Wiener Zeitung" hat sich mit Omar García getroffen - einem der überlebenden Studenten, der im Zuge der "Euro Caravana 43" in Europa war, um weiterhin Bewusstsein zu schaffen.

"Wiener Zeitung": In von der Mafia beherrschten Gebieten ist es immer schwierig, Zeugen für Verbrechen zu finden. Sie und viele Angehörige machen jetzt das Gegenteil und versuchen so viel Öffentlichkeit wie möglich zu erreichen. Haben Sie keine Angst?Omar García: Die meisten Probleme in Mexiko haben mit dem organisierten Verbrechen zu tun. Alle Mexikaner wissen, dass dieses Problem real ist, unsichtbar, aber dennoch merkbar. Und es gibt sehr viel Angst. Sehr viel Angst davor, Anzeige zu erstatten. Manchmal, wenn du zur Polizei gehst, fangen sie an, gegen dich zu ermitteln. Es gibt kein Vertrauen in die Behörden oder in die Polizei. Und es gibt kein Vertrauen in uns selbst. Das ist ein schwieriges Thema für unsere Gesellschaft. Aber der 26. September hat mit dieser Angst gebrochen. Man muss die Verbrechen öffentlich, laut und vehement anprangern. Ich glaube, die mexikanische Gesellschaft versteht langsam, dass es reicht. Wir haben so lange geschwiegen, jetzt ist es Zeit, anzuklagen, um zu versuchen, es zu lösen. Wieso jetzt? Weil sie uns 43 Kollegen genommen haben. Weil es offensichtlich war, dass der mexikanische Staat - durch die Polizei und die gewählten Vertreter - etwas damit zu tun hatte. Wir wollten damals dem Massaker von 1969 gedenken, und hatten gedacht, so etwas wiederholt sich nicht. Jetzt hat es sich wiederholt. Und da war der Moment gekommen, in dem sich das nationale Bewusstsein geformt hat, dass es jetzt wirklich reicht.

Worin manifestiert sich das?

Nach dem 26. September gab es eine starke, partizipative Bewegung, bei der tausende Mexikaner ihre Ablehnung der Vorgänge in Mexiko gezeigt haben. Derzeit stehen der Protestbewegung die Familienangehörigen der Studenten vor. Es haben sich mehrere Gruppen den Protesten angeschlossen, und wir werden immer mehr. Interessant ist, dass es auch internationale Resonanz gibt. Am 26. jedes Monats wird nicht nur in Mexiko, sondern auch im Rest der Welt den Kollgen gedacht.

Jetzt, wo das Problem so in die Öffentlichkeit gezerrt wird: Gibt es eine Art Schockzustand im organisierten Verbrechen - das heißt, verhalten sich die Mafiaorganisationen, die Narcos, jetzt ruhig? Nein. Es hört einfach nicht auf. Nach dem 26. September sind noch mehr Personen verschwunden. Denn in Mexiko wird nicht genug über Gewalt geredet. Über so etwas wird viel lieber geschwiegen. Im Jänner haben etwa Polizisten Bauern in Apatzingan, im Bundesstaat Michoacan erschossen. Das ist fast totgeschwiegen worden. Über diese sechzehn Opfer, Frauen und Männer, wurde nicht berichtet (später gab es einen offiziellen Bericht, wonach neun Zivilisten dem "friendly fire" von Polizisten in Apatzingan zum Opfer fielen. Die Polizisten hätten sich einen Kampf mit der Dorfmiliz geliefert, Anm.)

Medien und Regierung wollen sich immer nur auf ein einziges Problem fokussieren, als ob man das getrennt sehen könnte, nicht auf die Gesamtheit der Probleme. Es heißt, dass in Mexiko täglich vierzehn Menschen verschwinden. Es gibt den Mädchenhandel, es gibt den Handel mit Minderjährigen, der sich besonders in Mexiko-Stadt manifestiert. Jemand hat mir unlängst erzählt, dass sie ihr siebenjähriges Kind tot vor der Haustür gefunden hat. Ihm wurden die Organe entfernt. Das ist einfach unglaublich. Und das passiert schon so lange. Das Problem ist, dass die Menschen einfach geschwiegen haben. Darüber wollen wir reden.

Der Drogenkrieg in Mexiko hat in zehn Jahren mit all seiner Gewalt, die er im Schlepptau hatte, jedenfalls 150.000 Tote mit sich gebracht. Es handelt sich dabei um eine Politik der Auslöschung, einen Zustand des Terrors. Wir Mexikaner können das nicht mehr länger ertragen. Und offenbar schert es weder die Medien noch ist es auf der nationalen Agenda des Präsidenten, dass solche Zustände bekannt gemacht werden. Denn die, die nach Mexiko kommen, die Touristen, die sollen ja die hübschen Orte sehen. Die wissen nicht, dass sich hinter der hübschen Fassade eine Gesellschaft befindet, die auseinanderfällt.

Welche Hoffnungen setzen Sie in die internationale Untersuchung?

Wir haben viel mehr Vertrauen in die forensischen Ergebnisse, die im Ausland erzielt werden, als in Mexiko (auch die Universität Innsbruck war an der Untersuchung der bisher gefundenen Leichenteile beteiligt, Anm.) Denn wir haben großes Misstrauen in den mexikanischen Staat. Es werden zum Teil die Überreste von Tieren mit Menschen verwechselt. Allerdings machen wir uns nicht nur Sorgen um saubere forensische Ergebnisse, sondern auch um eine saubere Untersuchung: Wo sind die Reste, wenn sie zu unseren Kollegen gehören, wirklich gefunden worden? Und wieso wird nur eine einzige Spur untersucht, anstatt eine breitere Untersuchung zu starten? Wieso werden die Telefondaten jener Nacht nicht ausgehoben, um zu wissen, wo sich unsere Kollegen befunden haben? In Mexiko müssen solche Daten zwei Jahre lang aufbewahrt werden, die Firmen haben noch gejammert, dass das so viel kostet. Wir glauben aber, dass die Daten im Falle eines Kidnappings sagen können, wo sich die Mobiltelefone zuletzt befunden haben. Noch Wochen nach dem Verschwinden haben die Mobiltelefone unserer Kollegen gesendete Whatsapp-Nachrichten empfangen.

Jetzt frage ich Sie: Wenn sie wirklich verbrannt worden sind, mit allem, was sie am Leib gehabt haben, wie es offiziell heißt, wieso haben dann ihre Handys noch funktioniert? Und wieso hat man nicht versucht, diese Handys zu finden?

Omar García ist Student an der Hochschule Raúl Isidro Burgo und Überlebender des Anschlags von Ayotzinapa. Er wollte eigentlich, wie seine Kollegen, Volksschullehrer werden. Jetzt engagiert er sich gegen das Vergessen des Schicksals seiner Kommilitonen.