Zum Hauptinhalt springen

Blutbad vor Höchstgericht in Lahore

Von WZ-Korrespondentin Agnes Tandler

Politik

Bombenanschlag erschüttert die Wirtschaftsmetropole Pakistans. | Lahore. Der Attentäter kam kurz vor Mittag. Es ist die geschäftigste Zeit im Gerichtsgebäude von Lahore und auf der Mall Road im Zentrum der Stadt. Im Gericht hatten sich wie an jedem Donnerstag Anwälte und Richter zu ihrem wöchentlichen Protestmarsch versammelt. Hunderte Polizisten waren vor Ort postiert. Der Selbstmordattentäter ging auf die Sicherheitskräfte zu und sprengte sich in die Luft. Bei der Explosion kamen am Donnerstagmittag mindestens 23 Menschen um, etwa 60 wurden verletzt. Die meisten Opfer sind Polizisten.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 16 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Einen "blutigen Wahlkampf" haben viele in Pakistan vorausgesagt, dennoch hat niemand in Lahore mit einem Bombenanschlag im Herzen der Stadt gerechnet. Die Wirtschaftsmetropole im Nordosten des Landes mit ihren rund neun Millionen Einwohnern gilt als ruhig und sicher. Hier hatte es bislang noch keine Selbstmordattentate gegeben.

Die Menschen stehen immer noch unter dem tiefen Schock, den die Ermordung der Oppositionspolitikerin Benazir Bhutto hinterlassen hat. Angst und Nervosität ist überall zu spüren. Kurz nach dem Attentat kursierten schon Gerüchte, es habe zwei weitere Anschläge in der Millionenstadt gegeben.

Das Treffen der Juristen im Gericht ist Routine. Jeden Donnerstag finden sie sich zu einer Kundgebung auf der Hauptgeschäftsstraße von Lahore ein, um gegen Pakistans Präsident Pervez Musharraf und für die Wiederherstellung der Verfassung zu demonstrieren. Obwohl Musharraf den am 3. November verhängten Ausnahmezustand aufgehoben hat, stehen wichtige Vertreter der Juristenbewegung weiter unter Hausarrest. So darf der frühere Oberste Richter des Landes, Iftikar Chaudhry, der am 3. November abgesetzt wurde, sein Haus in Islamabad nicht verlassen. In Lahore steht der Präsident der Anwaltsvereinigung des Obersten Gerichts, Aitzaz Ahsan, unter Kontaktsperre. Selbst ausländische Botschafter dürfen ihn nicht treffen.

Anwälte oder Polizei als Zielscheibe

Die Anwälte seien die Zielscheibe des Attentäters gewesen, sagt die Anwaltsvereinigung von Lahore. Der örtliche Polizeichef, Malik Iqbal, erklärt hingegen, der Anschlag habe den Sicherheitskräften gegolten. Klar ist bislang nur, dass die Kräfte, die hinter dem Anschlag stehen, das islamische Land vor den Wahlen am 18. Februar destabilisieren wollen. Nach der Bombenexplosion in Lahore fragen sich viele, wie unter solchen Umständen ein Wahlkampf geführt werden kann.

Wenn sich die Lage weiter zuspitzt, könnte Präsident Musharraf erneut den Notstand verhängen und die Wahlen vielleicht verschieben. Die politische Unruhe verschlimmert die wirtschaftliche Lage. Die pakistanische Rupie ist auf einem Sechs-Jahres-Tief. Das Land leidet unter einer Energie- und Getreidekrise. In einigen Teilen des Landes hat der hohe Preis für Mehl bereits zu gewaltsamen Protesten geführt.

Der Bombenanschlag kam einen Tag vor dem islamischen Neujahrsfest. Am Freitag beginnt der Monat Muharram. In dieser Zeit soll der religiösen Tradition zufolge Frieden gehalten und nicht gekämpft werden. Doch daran glaubt in Pakistan keiner.