Zum Hauptinhalt springen

Bluten für Hellas

Von WZ-Korrespondent Ferry Batzoglou

Politik
Pensionisten machen ihrem Ärger über die griechische Sparpolitik Luft.
© reu/Konstantinidis

Die Bezüge für Griechenlands Pensionisten sind seit 2010 eingebrochen.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 6 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Athen. Nikos Meletis, 69, mächtiger Schnauzer, Strohhut, offenes Hemd, stöhnt unter der brütenden Hitze. In der ansonsten pulsierenden Athener Innenstadt treiben sich an diesem heißen Augusttag daher fast nur Touristen herum. Aber Nikos Meletis kann nicht weg. Er zählt zu den knapp 54 Prozent der Griechen, die sich nicht einmal einen einwöchigen Urlaub leisten können. "Urlaub? Das soll wohl ein Witz sein! Ich bin Pensionist. Ich bekomme 740 Euro pro Monat, nach 35 Jahren Arbeit. Das Geld reicht hinten und vorne nicht."

Im Durchschnitt beläuft sich die Pension in Griechenland auf monatlich 722 Euro brutto. Ferner beträgt die Zusatzrente ("Epikuriki") im Schnitt 171 Euro pro Monat. Sie ergänzt die sogenannte Hauptpension, wird aber nicht an alle Pensionisten ausgezahlt. Die hellenischen Ex-Staatsdiener können sich weiters über eine sogenannte Dividende aus der Beamtenkasse erfreuen; das bringt durchschnittlich 98 Euro pro Monat extra.

Pensionsantrittsalter umzehn Jahre erhöht

Seitdem sich das Land 2010 an den Rand des Staatsbankrotts manövriert hatte, hängt es am Tropf seiner öffentlichen Geldgeber EU, EZB, IWF und Europäischer Stabilitätsmechanismus (ESM). Im Gegenzug für die Überweisung der Kredittranchen muss Athen schmerzhafte Sparmaßnahmen umsetzen. Bei den Staatsfinanzen trägt der Kurs zwar Früchte, 2016 schaffte Athen ein primäres Haushaltsplus, das sogar inklusive Einberechnung des Schuldendienstes 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts betrug. Eine enorme Leistung, schließlich lag das Budgetminus 2009 noch bei 15 Prozent. Die Staatsausgaben wurden seit Krisenbeginn um mehr als 40 Milliarden Euro auf 86,2 Milliarden Euro 2016 gekürzt.

Eine Maßnahme war, das Pensionsantrittsalter bei Männern von 57 Jahren 2009 schrittweise auf 67 Jahre (seit 2015) anzuheben. Frauen können ebenfalls erst mit 67 in Pension gehen.

Doch die Pensionsausgaben müssen noch weiter fallen, um nicht den gerade mühsam sanierten griechischen Staatshaushalt wieder aus den Fugen geraten zu lassen. Denn die Griechen leben länger. Gleichwohl schrumpft die Gesamtbevölkerung. Betrug die Lebenserwartung der griechischen Männer im Jahr 2015 noch 78,5 Jahre, wird sie bis 2060 um gut fünf Jahre auf 83,7 Jahre steigen. Dies prognostiziert das Büro für Haushaltsangelegenheiten des griechischen Parlaments. Während die Griechinnen 2015 im Schnitt 84,9 Jahre lebten, wird sich die durchschnittliche Lebenswertung bei den Frauen bis 2060 um gut vier Jahre auf 89 Jahre erhöht haben.

Demgegenüber bleibt aber die Geburtenrate in Hellas mit 1,33 Kindern im Jahr 2015 und 1,34 für 2060 äußerst niedrig. Dies zu wenig, um die Zahl der Gesamtbevölkerung in Griechenland zumindest konstant zu halten. Die unweigerliche Folge: Die griechische Gesamtbevölkerung wird von 10,8 Millionen per Anfang 2017 auf 7,7 Millionen im Jahr 2080 sinken.

Dadurch verschlechtert sich das Verhältnis zwischen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten und Pensionisten rapide. Auf drei Personen im Alter von 15 bis 64 Jahren kommt derzeit ein Senior über 65 Jahre. Bis zum Jahr 2060 soll das Verhältnis nur mehr drei zu zwei betragen, errechneten die Demografen.

Die Staatsausgaben für Pensionen in Griechenland bleiben derweil hoch. Sie beliefen sich im Jahr 2013 auf 16,2 Prozent gemessen am Bruttoinlandsprodukt. Das sind rund 27 Milliarden Euro. Der entsprechende Wert in der EU lag zu jenem Zeitpunkt bei lediglich 11,3 Prozent.

Weitere Kürzungen ab dem kommenden Jahr

Die Experten sind sich daher einig: Ob die grassierende Alterung, die krisenbedingte Massenauswanderung vor allem jüngerer Griechen oder die exorbitante Arbeitslosigkeit in Hellas - um die Staatsausgaben für Renten und Pensionen unter Kontrolle zu halten, müssen die Pensionen weiter fallen. Die Regierung des gezähmten Spargegners Alexis Tsipras plant ab 2019 Kürzungen um bis zu 18 Prozent. Dabei sind die Bezüge der Pensionisten nach mehr als einem Dutzend Sparrunden seit Frühjahr 2010 ohnehin bereits um bis zu 55 Prozent eingebrochen. Für die Pensionisten lautet das Credo: Bluten für Hellas.

Und Athen will weitersparen - bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag. Die Regierung Tsipras hat sich verpflichtet, bis 2023 ein primäres Haushaltsplus in Höhe von 3,5 Prozent und bis zum fernen 2060 von 2,5 Prozent pro Jahr zu erzielen. Was aber auch bedeutet: Unter diesen Rahmenbedingungen können die Pensionen in Griechenland nur mit einem dauerhaft kräftigen Wirtschaftswachstum wenigstens konstant bleiben - oder bestenfalls sogar wieder steigen. Bloß: Die griechische Wirtschaft wird just im Zuge dieses rigorosen Sparkurses abgewürgt. Ein Teufelskreis.

Für Nikos Meletis, den unter der gleißenden Sonne schwitzenden Pensionisten aus Athen, klingt das alles absurd. Verbittert sagt er: "Bessere Zeiten? 2060 wäre ich 112 Jahre alt. Das werde ich nicht erleben. Bis dahin haben wir uns doch alle totgespart."