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Boliviens Situation weist Parallelen zu Problemen innerhalb der EU auf

Von Von Alexander U. Mathé

Analysen

Wer hätte das gedacht? Boliviens Probleme sind auch unsere Probleme. Auf den ersten Blick sind die Unruhen in dem südamerikanischen Land nur schwer nachzuvollziehen. Doch bei genauem Hinsehen ist der Durchschnittseuropäer sogar dazu prädestiniert, die momentane Situation Boliviens zu verstehen.


Ausgerechnet in dem Land, welches das Herzstück der EU-Verwaltung beherbergt, findet sich eine ähnlich separatistische Bewegung. Sind es in Belgien Flamen und Wallonen, die einander gegenüberstehen, so sind es in Bolivien europäischstämmige Einwohner und Indios. In beiden Ländern will die reiche und ihrer Ansicht nach fleißige Bevölkerungsgruppe die vorgeblich faule und ärmere Bevölkerungsgruppe nicht länger mitfinanzieren.

Forderungen nach einer eigenen Finanzgebarung, einer Selbstverwaltung der Ressourcen und eigenen Sicherheitskräften sind die Folge. Im Falle Boliviens geht es vor allem um die Kontrolle der großen Gasvorkommen in der Region Santa Cruz. Deren Autonomie liegt aber nicht nur im Interesse der Großgrundbesitzer und Unternehmer, sondern auch im Interesse des Westens, der nicht unbeträchtlich von den natürlichen Ressourcen des Landes profitiert. Trotz der enormen Gasvorkommen, des Erdöls und der Bodenschätze ist Bolivien nach wie vor das ärmste Land Südamerikas. Das Hauptproblem sieht Präsident Evo Morales in den ausländischen Firmen, die das Land seiner Ansicht nach ausbeuten, ohne dem Aufbau dienlich zu sein. Daher hat er begonnen, die Bodenschätze des Landes wieder zu verstaatlichen, was erst vor wenigen Tagen drei Ölfirmen schmerzlich bemerkt haben.

Morales hat sich um das Präsidentenamt beworben, mit dem Versprechen, dass er den Reichtum Boliviens gerechter verteilen werde. Nun, da er begonnen hat, die seiner Meinung nach besten Schritte in diese Richtung zu setzen, wollen das aber bestimmte Lokalgrößen nicht akzeptieren. Verständlich auch, dass Morales seinerseits das regionale Autonomie-Referendum nicht anerkennen will. Schließlich ist er von einer landesweiten Mehrheit gewählt worden. Auch Österreich und fast alle EU-Staaten kennen diese Problematik. Schließlich wird auch da ein Referendum zum EU-Reformvertrag ausgeschlossen, mit dem Verweis, dass die Parlamentsmehrheit vom Volk bereits dazu legitimiert ist, diese Entscheidung zu treffen.

So sind sich manche Probleme in der EU und in Bolivien durchaus ähnlich. Andere hingegen werden für Europäer wohl weiterhin schwer nachvollziehbar sein: Bittere Armut, Kinderarbeit und das kollektive Bewusstsein der Indios von jahrhundertelanger Unterdrückung.

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