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Bonus für Spätrentner

Von Clemens Neuhold

Politik

EU-Abgeordneter und Seniorenvertreter über rot-weiß-rote "Hofrats"-Mentalität.


Wien. Heinz Becker (63) ist seit zwölf Jahren Generalsekretär des ÖVP-Seniorenbundes. Seit 2011 ist er zudem Abgeordneter im EU-Parlament. Wie verändert die EU-Perspektive den Blick auf die rot-weiß-rote "Frühpensionitis"?

"Wiener Zeitung":Österreich wird in Brüssel als Land mit niedrigster Arbeitslosigkeit gefeiert. Gleichzeitig sind wir Europameister bei der Frühpension. Wäre die Arbeitslosigkeit bei einem "ehrlichen" Antrittsalter nicht höher?Heinz Becker: Ich schließe das nicht aus, aber auch bei einem höheren Antrittsalter würden wir nur um einen einzigen Platz nach hinten rutschen. Aber klar ist: Die EU-Kommission hat festgestellt, dass das Antrittsalter viel zu niedrig ist. Es fand sogar das Wort "Hacklerregelung" Eingang in offizielle EU-Papiere. Wir haben Konsequenzen gezogen, auch bei der Invaliditätspension. 2016 schauen wir, ob sie greifen.

Wie stark gehen die letzten Reformen auf den Druck der EU zurück?

Ich bin fest überzeugt, dass die EU einen Beitrag geleistet hat.

Was ist, wenn bis 2016 das Pensionsantrittsalter nicht steigt?

Dann ist vereinbart, dass es zusätzliche Schritte braucht, beim gesetzlichen Frauenpensionsalter genauso wie bei der Invaliditätspension. Es wird sich zeigen, ob die Regierung ihren Plan verwirklicht, den späteren Pensionsantritt mit einem Bonus zu belohnen. Das würde den Pensionierten und der Pensionsversicherung jeweils 12 Prozent mehr bringen. Ich befürworte das.



Einen Malus wollen Sie nicht?

Das soll es nicht geben. Aber was man ins Auge fassen sollte: einen Malus für Unternehmen, die Ältere hinausmobben in Form höherer Sozialabgaben.

Gibt es für diesen Firmen-Malus Vorbilder in anderen EU-Ländern?

Nein, wir wären die Ersten. Die Schweden haben etwas Ähnliches angekündigt, aber dann gar nicht gebraucht.

Warum sind wir Frühpensions-Europameister?

In Schweden ist die Arbeit bis ins höhere Alter Teil der Lebenskultur. Bei uns war der frühpensionierte Hofrat ein Wunschmodell und eine Art Kulturerbe wie die Mozartkugel. Aber das ist vorbei. Die letzten Umfragen zeigen: Die Älteren wollen gar nicht mehr so früh aufhören. Durch das Pensionskonto werden sie zusätzlich motiviert, wenn sie sehen, wie viel sie gewinnen durch einen späteren Antritt.

EU-intern gilt 67 als ideales Antrittsalter.

Wir haben den Eindruck, dass 65 die Benchmark ist. Deutschland und skandinavische Länder sind schon weiter. In Österreich haben wir das Phänomen vorzuweisen, dass unser Pensionssystem zu den drei sichersten und best zahlenden Systemen Europas gehört. Deswegen glaube ich nicht, dass besonders dramatische Schritte notwendig sein werden. Ich denke, dass es reicht, das faktische Antrittsalter kurzfristig um 2,5 Jahre zu heben und dann längerfristig auf 65 zuzugehen. Das ändert sich aber, wenn die Wirtschaft nicht in Fahrt kommt.

Von der neuen Acht-Milliarden-Pensionslücke bis 2018 überrascht?

Ja. Weil die Zahlen auf Worst-Case-Szenarien beruhen. So kann ich immer Panik machen. Früher nahm man Durchschnittswerte.

Wenn die Europäer noch später in Pension gehen, blockieren sie dann nicht die Jobs für die Jungen, die nachrücken? Ökonomen wie Schulmeister vertreten die These.

Diese These ist Gott sei Dank völlig überholt. Von der Arbeiterkammer über Eurostat - alle haben festgestellt, dass die Frühpensionitis in keinem Zusammenhang steht mit Jugendarbeitslosigkeit. Niemals nimmt ein Älterer einem Jungen einen Arbeitsplatz weg. Das sind ganz andere Arbeitsplätze. Ältere sorgen eher für Know-how-Transport an Jüngere.

Wirklich schlimm ist die Jugend-Arbeitslosigkeit im Süden. Hat Europa die Lage mit dem Blut-Schweiß-und-Tränen-Kurs verschlimmert?

Ohne Hilfe wären diese Länder kollabiert und es hätte bürgerkriegsartige Zustände gegeben. Es waren harte Maßnahmen, aber es gibt erste Erfolge: Die ersten Länder gehen aus dem Rettungsschirm wieder raus. Ohne Druck geht gar nichts, aber es herrschte Augenmaß. Es wurden Sparauflagen verschoben wenn nötig. Und zur Relation: Was Österreich bis dato für die Hilfe zahlte, ist weniger als für die Hypo Alpe Adria.