Zum Hauptinhalt springen

Boris Jelzin - der letzte Zar ist tot

Von Rainer Mayerhofer

Politik

Erster Präsident Russlands, der demokratisch gewählt wurde. | Von Gorbatschow gefördert, löste er diesen 1991 ab. | Wien/Moskau. Boris Nikolajewitsch Jelzin, der von 1991 bis 1999 der erste Staatspräsident der Russischen Föderation und damit das erste demokratisch gewählte Staatsoberhaupt in der Geschichte Russlands war, ist Montag überraschend im Alter von 76 Jahren verstorben.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 17 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Der am 1. Februar 1931 im Dorf Butka im Gebiet von Swerdlowsk (heute wieder Jekaterinenburg) als Sohn eines Bauern geborene Boris Jelzin startete nach einem Technikstudium 1968 seine Parteikarriere, die aber lange Zeit recht unspektakulär verlief. 1976 wurde er Parteichef in Swerdlowsk, 1978 Deputierter im Unionssowjet des Obersten Sowjet der UdSSR, 1981 Mitglied im Zentralkomitee der KPdSU, 1984 Mitglied im Obersten Sowjet der UdSSR.

Rasanter Aufstieg unter Michail Gorbatschow

Sein rasanter Aufstieg begann dann unter dem neuen sowjetischen Parteichef Michail Gorbatschow, der ihn 1985 nach Moskau holte und im Juli zum ZK-Sekretär ernannte. Schon im Dezember dieses Jahres wurde er Parteichef in Moskau mit dem Auftrag, Korruption und Bürokratie zu bekämpfen. Seine öffentlichen Stellungnahmen gegen Schlendrian und Privilegien machten ihn bald zum populärsten Politiker der alten Sowjetunion.

Gleichzeitig ging er auf immer größere Distanz zu seinem Förderer Gorbatschow, den er schon im Jänner 1986 auf dem, XXVII. Parteitag der KPdSU zu einer kompromisslosen Reorganisation des Parteiapparats aufforderte. Am 11. November 1987 wurde er nach weiterer Kritik im Parteiplenum politisch kaltgestellt. Das Moskauer Stadtkomitee nahm seinen Rücktritt zur Kenntnis, rügte seine "politisch falsches Auftreten" und "grobe Mängel in der Führung". Im Februar 1988 schied Jelzin auch als Kandidat des Politbüros aus.

Seine politische Karriere war aber noch lange nicht zu Ende. Am 25. März 1989 wurde Boris Jelzin mit 89 Prozent der Stimmen in den Kongress der Volksdeputierten gewählt, am 29. Mai des darauffolgenden Jahres zum Parlamentspräsidenten der sowjetischen Teilrepublik Russland und am 12. Juni 1991 zum ersten Präsideneten der Teilrepublik Russland. Kurz darauf trat er aus der Kommunistischen Partei aus.

Entschiedener Gegner der Putschisten

Als am 19. August 1991 reformfeindliche Kräfte den auf der Krim zu Urlaub weilenden Michail Gorbatschow stürzen wollten, stellte sich Jelzin eindeutig hinter die Reformkräfte und von einem Panzer herab sagte er den Putschisten den Kampf an und ging aus den politischen Entwicklungen gestärkt hervor.

Der Machtverfall der KPdSU und der Zerfall der Sowjetunion waren nun nicht mehr aufzuhalten. Im November 1991 erließ Jelzin ein Dekret, das die Partei auf dem Gebiet der russichen Teilrepublik verbot. Im November 1991 wurde er Regierungschef in Russland. Gemeinsam mit Gorbatschow vereinbarte er am 17. Dezember 1991 die Auflösung der UdSSR mit Wirkung vom 21. Dezember.

Suche nach neuer nationaler Identität

Die Zeit seiner Präsidentschaft war von der Suche nach einer neuen nationalen Identität sowie von Korruption und von dem Ende der Sowjetunion bedingten Konflikten wie dem Ersten Tschetschenienkrieg geprägt. Dieser Krieg kostete ihn besonders bei den jungen demokratischen Kräften im Land viel an Ansehen.

Im Oktober 1993 musste der Präsident einen neuerlichen Putschversuch von reformfeindlichen Nationalisten und Altkommunisten abwehren.

Russland geriet in seiner Regierungszeit aber in seine tiefste Wirtschaftskrise - das BSP Russlands halbierte sich in seiner Amtszeit.

Traum vom starken und blühenden Russland

Gleichwohl träumte der Präsident, dem man immer wieder einen besonderen Hang zu Hochprozentigem nachsagte, von einem starken und blühenden Russland. Seine Popularitätskurve begann steil nach unten zu sinken.

Eine Wiederwahl Jelzins im Jahre 1996 schien aussichtslos. Erst die massive Propaganda von Wirtschaftsoligarchen zugunsten von Jelzin verhalf ihm zu einem Sieg gegenüber seinem schärfsten Widersacher Sjuganow von der kommunistischen Partei. Die Wirtschaftsoligarchen versuchten auf diese Weise mit Erfolg ihr zum Teil auf fragwürdigen Wegen erworbenes privates Eigentum vor dem Zugriff des Staates zu sichern.

Die Wirtschaftsmisere Russlands ging weiter aufgrund des massiven Einbruchs der Rohölpreise, sodass Russland am 14. August 1998 zahlungsunfähig war und selbst die Guthaben auf Privatkonten eingefroren wurden.

Gerüchte über eine Alkoholkrankheit Jelzins gab es während seiner ganzen Amtszeit. Dazu kamen zunehmend gesundheitliche Probleme. Jelzin musste sich einer komplizierten Herzoperation unterziehen. Zum Ende hin hatte seine Tochter, Tatjana Djatschenko, formal als Imageberaterin des Präsidenten, zunehmend politischen Einfluss.

Zu Silvester 1999 erklärte Jelzin völlig überraschend seinen Rücktritt und übergab die Regierungsgeschäfte an den Ministerpräsidenten Wladimir Putin. Die Amtsübergabe erfolgte 12 Uhr Moskauer Zeit. Eine der ersten Amtshandlungen Putins garantierte Jelzin die Freiheit von Strafverfolgung.

1996 erhielt Boris Jelzin den Deutschen Medienpreis in Baden-Baden. 2006 zeichnete ihn die lettische Präsidentin Vaira Vike-Freiberga mit dem höchsten Orden Lettlands für seine "historische Rolle" bei der "Befreiung Lettlands" aus.

+++ Konfrontation ersetzte er durch KooperationBoris der Große