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Börsen: Hektische Verbote für Leerverkäufe

Von WZ-Korrespondent Ralf Streck

Wirtschaft

Vier Euroländer haben Finanzwetten untersagt. | Aktienmärkte setzten am Freitag Erholung fort.


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Madrid. Italien hatte wegen der Turbulenzen, in die auch das große Euroland geraten ist, schon im Juli Leerverkäufe eingeschränkt. Nun haben am Freitag die Börsenaufsichten Frankreichs, Italiens, Spaniens und Belgiens gemeinsam als Reaktion auf die Turbulenzen an den Finanzmärkten vorläufig Leerverkäufe von Aktien verboten.

Damit sollen vor allem die Spekulationen gegen führende Banken und Versicherungen unterbunden werden, nachdem die Aktien der französischen Großbank Société Générale an nur einem Börsentag um bis zu 20 Prozent abgestürzt waren. Derlei Verbote sind hektische Reaktionen auf Turbulenzen an gestressten Märkten, die man vom Höhepunkt der Finanzkrise 2008 kennt, als sogar die USA ungedeckte Leerverkäufe verboten hatten. Dabei handelt es sich um hochspekulative Börsengeschäfte, um auf fallende Kurse zu wetten. Der Spekulant hat sich die Aktien dafür nicht einmal geliehen.

Deutschland hat diese Geschäfte im Vorjahr verboten. In Österreich sind sie bereits seit 2008 befristet - für jeweils sechs Monate - verboten, wobei das Verbot jedoch nur für die vier Finanztitel Erste Group, Raiffeisen Bank International, Uniqa und Vienna Insurance Group gilt.

Wirksamkeit umstritten

Frankreich, Italien, Spanien und Belgien haben nun aber auch gedeckte Leerverkäufe verboten. Bei solchen Geschäften leiht sich der Spekulant im Gegensatz zu ungedeckten Leerverkäufen die Aktien für eine Gebühr. Das funktioniert so, dass man diese Aktien verkauft, ohne sie eigentlich zu besitzen. Geht ihr Kurs, wie erhofft, in den Keller, kann man sie günstiger zurückkaufen und dem Verleiher zurückgeben, wenn die eingegangene Wette eintritt. Die Differenz wird als Gewinn eingestrichen.

Die Wette kann als selbsterfüllende Prophezeiung untermauert werden, wenn sich etwa Hedge-Fonds an der Wette beteiligen und massiv die betreffenden Aktien verkaufen. Bei nervösen Börsen kann der Effekt auch durch gezieltes Streuen von Gerüchten verstärkt werden. So hat die Société Générale die Börsenaufsicht in Paris aufgefordert, zu ermitteln, woher die "haltlosen Gerüchte" kommen, wonach die Bank Probleme habe.

Dass das Verbot in Spanien und Frankreich nur 15 Tage gelten soll, in Belgien unbegrenzt und Italien keine Angabe über die Dauer macht, zeigt die Uneinigkeit an, die in Europa allgemein herrscht. Dass Leerverkäufe EU-weit verboten werden, ist deshalb eher unwahrscheinlich. Hier zeigt sich auch, wie weit man in der EU mit der Finanzmarktregulierung seit 2008 gekommen ist. Das gilt auch weltweit. Wie der Internationale Währungsfonds festgestellt hat, ist das Finanzsystem angesichts der fehlenden Regulierung heute noch anfälliger als vor dem Ausbruch der Finanzkrise.

Ziehen nicht alle Länder an einem Strang, ist ein nur "regionales" Verbot von Leerverkäufen ein zahnloser Tiger. Kapital ist scheu wie ein Reh. Spekulanten können leicht auch auf andere Börsenplätze ausweichen, geben Fachleute zu bedenken.

Auch Wiener ATX im Plus

So wie bereits am Donnerstag haben sich die Börsen auch am Freitag von den Kursstürzen seit Anfang August erholt. In Europa legte der Frankfurter DAX um 3,5 Prozent zu, Londons FTSE-100 um 3,0 Prozent und der marktbreite Eurostoxx-50 um 3,9 Prozent. Der Wiener Leitindex ATX rückte um 3,8 Prozent vor. In den USA notierte der Dow Jones im Verlauf gut ein Prozent fester.