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Börsen-Mann wird Raiffeisen-Boss

Von Karl Leban

Wirtschaft
Jetzt amtlich: Scharinger (l.) übergibt nach 27 Jahren als RLB-General das Zepter an Schaller.

Schaller setzt sich ins gemachte Nest, steht aber vor großen Herausforderungen.


Linz/Wien. Was bereits seit Jahren gemunkelt wurde, ist nun offiziell: Heinrich Schaller, bis dato Vorstand der Wiener Börse, wird neuer Chef der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich (RLB OÖ). Er tritt in die Fußstapfen von Ludwig Scharinger, der Ende März 2012 nach fast 27 Jahren an der Bankspitze das Zepter übergibt.

Schaller, der demnächst seinen 52. Geburtstag feiert, kehrt damit nicht nur in sein Heimatbundesland zurück, sondern auch zu seinen Wurzeln als Raiffeisen-Banker. Im Aufsichtsrat der RLB, der größten und mächtigsten Bank in Oberösterreich, erfolgte seine Bestellung einstimmig.

Das ist nicht überraschend, zumal Schaller, der dem Vorstand der Raiffeisenlandesbank bereits von 2004 bis 2006 angehört hatte, als Scharingers Kronprinz galt. Schon bei seinem Wechsel in die Chefetage der Wiener Börse - das war vor gut fünf Jahren - hatte es im Finanzsektor geheißen, dass ihn Scharinger für höhere Weihen in der Bank vorgesehen habe.

Mit dem Chefposten tritt Schaller jedenfalls ein großes Erbe an. Denn Scharinger hat die Bank in seiner Ära - wie er selbst sagt - "aus dem Schatten in die Sonne geholt". Aus einer "Quetschn", so ein Insider, hat er ein hochprofitables Finanzinstitut geformt, das heute mit 30 Milliarden Euro Bilanzvolumen die größte Regionalbank im Raiffeisen-Reich ist - noch vor der RLB NÖ-Wien. Dabei ist die jahrzehntelange Expansion nicht nur auf Oberösterreich beschränkt geblieben. Auch in Wien und anderen Bundesländern sowie im benachbarten Ausland (etwa in Bayern und Baden-Württemberg) fischt die RLB OÖ mittlerweile nach Kunden. Selbst in Osteuropa mischt sie mit, was in Wien bei der Raiffeisen Bank International nicht immer für Wohlgefallen sorgt.

"König Ludwig", wie Scharinger im Scherz genannt wird, hat die RLB aber auch zu einem großen industriellen Arbeitgeber gemacht. Die Bank sitzt auf einem riesigen Portfolio an Industriebeteiligungen, rund 500 sind es alles in allem. Zu den wichtigsten zählen Voestalpine, Amag, Salinen, Vivatis und der Landesenergieversorger Energie AG. Scharingers Motiv für die umtriebige Beteiligungspolitik: Sie soll verhindern, dass durch feindliche Übernahmen Entscheidungszentralen aus dem Land abgezogen werden und damit Geschäft für die Bank verloren geht.

"Kultur- und Stilwechsel"

Schaller, der am Montag für fünf Jahre bestellt wurde, kann sich bei der RLB zwar ins gemachte Nest setzen. "Die größte Herausforderung besteht für ihn aber darin, das Heft möglichst schnell in die Hand zu nehmen", erklärt ein oberösterreichischer Banker, der namentlich nicht genannt werden will, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Konkret bedeute das für Schaller, sich jene Kontakte und Netzwerke, die Scharinger in Politik und Wirtschaft über Jahrzehnte aufgebaut habe, "rasch aufs Neue zu erarbeiten". Vor allem mit der oberösterreichischen Landespolitik ist das Bankinstitut eng verbandelt, was aber angesichts seiner Größe nichts Ungewöhnliches ist.

Mit dem Abtreten Scharingers wird jedoch ein "Kultur- und Stilwechsel" verbunden sein, heißt es in Finanzkreisen. Scharinger eilte in seiner Amtszeit immerhin der Ruf voraus, Oberösterreichs heimlicher Landeshauptmann zu sein. Außerdem wird im Bankensektor damit gerechnet, dass die RLB unter Schaller anderen Raiffeisen-Institutionen im Gegensatz zu früher geschäftlich weniger bis gar nicht in die Quere kommen wird: "Da wird es ganz sicher eine Beruhigung geben."

Börse sucht neuen Vorstand

Mit Schallers Rückkehr nach Linz ist nun bei der Wiener Börse ein Vorstandsposten vakant. "Noch ist alles offen", sagt Pressesprecherin Beatrix Exinger zur "Wiener Zeitung". Eine Ausschreibung werde in den kommenden Wochen erfolgen. Über die Nachfolge entscheidet der Aufsichtsrat der Wiener Börse - allenfalls auch in einer außerordentlichen Sitzung, damit die Weichen bis zum Ausscheiden Schallers zeitgerecht gestellt werden können.

Der neue Vorstand, mit dem Co-Vorstand Michael Buhl zusammenarbeiten wird, muss jedenfalls eine berufliche Vergangenheit als Banker haben. Das schreibt das Börsengesetz vor.