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Börsenmakler sorgen sich um die Zukunft

Von Reinolf Reis, Frankfurt

Wirtschaft

Um Peter Kochs Arbeitsplatz drängeln sich acht mit Telefonen gerüstete Menschen, die manchmal alle gleichzeitig und aufgeregt durcheinanderrufen. Dann schreibt er rasch ein paar Zahlen in sein

goldgefaßtes Ringbuch und ruft etwas zurück, und am Ende haben sie zusammen ein paar hundert Millionen Euro bewegt.

Peter Koch ist Kursmakler an der Frankfurter Wertpapierbörse. Mit den sieben Menschen auf der anderen Seite des dunkelrot verkleideten Tresens und einem Bundesbank-Vertreter zu seiner Linken betreibt

er das, was außerhalb des neonbeschienenen Börsensaales als klassischer Parketthandel bekannt ist. Doch Kochs kleine Zunft steht vor einer ungewissen Zukunft, seit der Börsencomputer nicht mehr nur

wichtigstes Hilfsmittel ist, sondern zunehmend Konkurrent. Am Freitag verschwindet mit dem Parkett-Dax wieder ein Teil der alten Börsenwelt.

Warum Menschen bei dem komplizierten Geschehen an der Börse die Finger im Spiel haben sollten, ist auch für Peter Koch nicht ganz leicht zu erklären. Ein Computer ist schließlich frei von

Eigeninteressen und damit nicht zu bestechen, und wenn das Elektronenhirn sich nicht zum kommenden Jahreswechsel versehentlich im Jahr 1900 wähnt und prompt sein Gedächtnis verliert, ist auf seine

Rechenkünste gemeinhin Verlaß.

Folglich vertrauen die meisten Anleger ihre Aufträge etwa dem elektronischen Handelssystem Xetra an: Vor allem bei den Schwergewichten aus dem 30 Werte umfassenden Deutschen Aktienindex (Dax) breitet

sich das System mit Tausenden von Computer-Zugängen wie eine Hydra aus. An diesem Montag etwa liefen über Xetra-Auftragbücher mehr als 20 Millionen Dax-Aktien oder satte 82,9%des gesamten Umsatzes

der Dax-Werte in Deutschland, auf den Parketthandel in Frankfurt entfielen nur noch 11,8%, der Rest verteilte sich auf regionale Börsen wie Stuttgart, Berlin oder Düsseldorf.

Der aus dem Frankfurter Parketthandel errechnete Dax werde immer weniger repräsentativ für die Aktienlandschaft, räumt auch ein Kollege Kochs ein. Daß die Deutsche Börse den Parkett-Dax

einstellt und ab kommenden Montag nur noch Indexwerte aus dem Xetra-Handel berechnet, erscheint folgerichtig.

Doch eine Präsenzbörse biete mehr, sagt Koch: So können die 33 amtlichen Kursmakler in Frankfurt und ihre fast ebensogroße Schar freier Maklerkollegen eingreifen, wenn beim Handel mit einem selten

gekauften Wert kein Kaufgebot vorliegt, aber ein Anleger eilig verkaufen will: Der Makler sucht dann selbständig "auf dem Markt" -üblicherweise bei einer Bank - ein Gebot und versucht, die

Transaktion zu diesem Preis zu vermitteln. Besonders für Kleinanleger und den Handel mit wenig liquiden Aktien sei ein Makler wichtig, betont der 34jährige, der seit anderthalb Jahren eine eigene

Firma betreibt.

Weil der Präsenzhandel auf dem dunkelgetäfelten Frankfurter Holzparkett zunehmend ins Hintertreffen gerät, suchen sich die Makler neue Nischen. Seit Anfang dieses Monats etwa senkte die Börse die

Mindeststückzahl für Aufträge zum An- oder Verkauf auf dem Parkett: Statt 50 oder 100 Aktien kann jetzt schon ein einziger Anteilsschein gehandelt werden - wie bereits in Stuttgart oder

Berlin. Seitdem sei Frankfurts Anteil am deutschen Börsengeschehen noch weiter gestiegen, sagt Börsensprecher Walter Allwicher. Dabei dominiert der Finanzplatz die anderen Börsen im Lande bereits mit

rund 60%.

Wie es mit dem Parketthandel in Frankfurt weitergeht, steht indes in den Sternen. Schneller und billiger soll es gehen; die Deutsche Börse setzt fast ausschließlich auf ihr Lieblingskind Xetra. Der

elektronische Handel kam im vergangenen Jahr zwar wegen möglicher Preisschwankungen zum Nachteil von Anlegern in die Schlagzeilen; inzwischen scheint er sich aber klar durchzusetzen. Kursmakler und

Börse ringen um den Platz der Makler in dem Gefüge. Für Koch sind die Alternativen klar: "Man kann das hier auch zumachen und jeder setzt sich ins Büro." Doch dann würde eben etwas Wichtiges

verlorengehen, glaubt auch der Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Jürgen Kurz: "Für den kleinen Aktionär, der einen guten Makler hatte, ist das natürlich eine traurige

Entwicklung."