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Böse Genüsse, böse Philosophen

Von Gerald Schmickl und Hermann Schlösser

Reflexionen

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Viele Jahre lang fielen, wenn von Philosophen die Rede war, in österreichischen Medien praktisch nur zwei Namen: Rudolf Burger und - öfter noch - Konrad Paul Liessmann. (Die Herren Kampits, Hrachovec und Pfabigan und die Damen Charim und Pauer-Studer durften sich nur gelegentlich zu Wort melden.) Seit einiger Zeit aber haben Burger und Liessmann, die medial nach wie vor sehr präsent sind, Konkurrenz bekommen, und zwar hauptsächlich von Robert Pfaller und Philipp Blom. Österreicher und Philosoph im engeren Sinne ist zwar nur der 1962 in Wien geborene Robert Pfaller, seit 2009 Professor an der Universität für angewandte Kunst, aber auch der 1970 in Hamburg geborene und seit einigen Jahren in Wien lebende Schriftsteller und Journalist Phi-lipp Blom sorgt (nicht nur) hierzulande immer öfter für eine Belebung philosophischer und ideengeschichtlicher Debatten.

Grund genug, sich die zwei neuen, heuer erschienenen Bücher dieser beiden sehr telegenen Denker genauer anzusehen.

Fragwürdige Prinzipien

Robert Pfaller beklagt in "Wofür es sich zu leben lohnt. Elemente materialistischer Philosophie" einen seit Mitte der 1990er Jahre zu konstatierenden Verfall sinnlicher, lebensgesättigter Tugenden: "Objekte und Praktiken wie Alkoholtrinken, Rauchen, Fleisch essen, schwarzer Humor, Sexualität, die bis dahin glamourös, elegant und großartig lustvoll erschienen, werden seither plötzlich als eklig, gefährlich oder politisch fragwürdig wahrgenommen."

Statt unbedenklichen Genusses, welchem - wie Pfaller historisch (und etwas sehr an den französischen Philosophen Bataille angelehnt) herausarbeitet - immer auch ein (lebens-)gefährliches, risikoreiches, "ungutes" Moment innewohnt, wird nunmehr alles "fraglos verabsolutierten Prinzipien wie Gesundheit, Sicherheit, Nachhaltigkeit und - vor allem - Kosteneffizienz" untergeordnet. Ein derartig abgesichertes Leben lohnt sich aber nicht, denn, so schreibt Pfaller: "Jene Biopolitiken, die gegenwärtig, unter dem Vorwand, das Leben zu schützen, jeglichen Genuss als gesundheitsschädigend dämonisieren und verbieten, machen schon dieses Leben selbst zum Tod; zu einer Art von vorzeitiger Leichenstarre."

Gründe für diese Entwicklung sieht Pfaller mentalitätsgeschichtlich in einer Degradierung materialistischer Grundprinzipien, wie etwa dem Bekenntnis zu der einen Welt, die es hier und jetzt zu er-leben gilt; Motto: "Her mit dem schönen Leben!" Daher ist auch die Komödie mit ihrer schnellen, risikoreichen, lustbetonten Erfüllung diesseitiger Sehnsüchte und Bedürfnisse die "Vertreterin des Materialismus auf der Bühne des Theaters, der Kinoleinwand und auf den diversen Bildschirmen".

Demgegenüber ist die Tragödie mit ihrer Lust am Scheitern und am Vertrösten auf - wenn überhaupt, dann - jenseitige Erfüllungen die natürliche Verbündete des metaphysischen Idealismus, der sich - ganz entgegen landläufiger moralistischer Betrachtungen, welche die Gegenwart als zu materialistisch orientiert sehen - für Pfaller auf der ganzen Linie durchgesetzt hat. Und der auch jenen kulturtypischen Narzissmus befördert hat, welcher mit seiner Zentriertheit auf das Wohlergehen des Individuums heutzutage für all die Gebote und vor allem Verbote steht, die ein sinnliches, glamouröses, abenteuerliches Leben verhindern.

Im Lichte dieser - durchaus überzeugenden - Erkenntnis gelingen Pfaller einige treffliche Beobachtungen und Thesen, die allesamt sehr gegenwarts- und alltagsbezogen sind. Wenn er etwa in der - in öffentlichen Sauf- und sonstigen Exzessen - zutage tretenden Maßlosigkeit nur die Kehrseite unserer vorherrschenden Abstinenz sieht: "Nach beiden Seiten hin beweisen wir, dass wir kein vernünftiges Verhältnis zum Genuss herstellen können. . . Viele unserer heutigen Exzesse geschehen offenbar aus Furcht, die Anderen könnten glauben, wir hätten keinen Spaß, wenn sie ihn nicht sehen."

Oder wenn Pfaller in dem Boom an TV-Koch-Shows und der Lawine an pittoresken Kochbüchern ebenfalls eine verdeckte Genussflucht sieht: "Oder verhält es sich vielleicht genau umgekehrt - ist das Kochbuch nur der sehnsüchtige, symbolische Ersatz für ein Feld von Erfahrungen, das unwiederbringlich verloren gegangen ist, weil wir aufgrund eines immer hektischeren Berufslebens nur noch entweder ganz schnell zu Hause etwas Kaltes beziehungsweise Fertiges (. . .) essen?"

Wenn Robert Pfaller sich von solch angewandten, direkten Betrachtungen und Bewertungen abwendet und genuin philosophisch wird, verblassen seine Erörterungen aber rasch und werden enttäuschend epigonal. Auf den - zumindest wissenschaftlich - dünnen Beinchen von psychoanalytischer Terminologie stehend und dabei die gewundenen, oftmals schwammigen Begrifflichkeiten von Denkern wie Bataille, Lacan und Žižek verwendend, wird Pfallers Aufforderung zur lebensprallen Sinnlichkeit selbst zu einer blutleeren, langweiligen Angelegenheit, und sein Plädoyer für Eleganz und Witz zu einer uneleganten, bierernsten Abhandlung.

Anders als (der ebenfach mehrfach zitierte) Peter Sloterdijk verfügt Robert Pfaller leider über keine eigene sinnliche Sprache, die atmosphärisch (und metaphorisch) etwas von dem vermittelt, was sie inhaltlich wiedergibt. Da dieses Buch überdies aus einzelnen Aufsätzen zusammengestückelt ist, kommt noch eine ärgerliche Redundanz an Zitaten und Thesen hinzu, die mitunter gleich mehrfach gleichlautend wiederholt werden.

Wenn einem die Grund- und Zentralthese dieses Buches, wonach unserer nur scheinbar hedonistischen Gesellschaft tatsächlich die Fähigkeit zum Genuss immer mehr verloren geht, sympathisch ist - und das kann sie einem ja schnell und leicht sein! -, dann ist man mit zwei anderen Büchern, die sich dieses Themas viel anschaulicher und lustbetonter widmen, jedenfalls besser bedient. Und zwar mit "Anleitung zum Müßiggang" des Briten Tom Hodgkinson und "Glänzende Zeiten" des "Zeit"-Feuilletonisten Adam Soboczynski (der sich übrigens auf einige Thesen Pfallers beruft).

Im Unterschied zu Pfaller befasst sich Philipp Blom in seinem Buch "Böse Philosophen" nicht unmittelbar mit Gegenwartspro-blemen. Der Philosoph und Historiker erinnert vielmehr an ein weitgehend vergessenes Kapitel der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte.

Denker im Salon

Der aus Deutschland stammende Baron Paul Thiry d’Holbach unterhielt in den Jahrzehnten vor der Französischen Revolution in Paris einen philosophischen Salon, in dem nicht nur gut gegessen und getrunken, sondern auch intensiv diskutiert wurde. Wie Blom zeigt, wurden in diesem privaten (also vor der Zensur weitgehend geschützten) Kreis Gedanken von gefährlicher Brisanz entwickelt und ausgetauscht. Vor allem galt es unter den regelmäßigen Salonbesuchern als ausgemacht, dass es keinen Gott gibt, und folglich auch keinen Teufel und kein jüngstes Gericht. Diese radikal atheistische Perspektive wurde mit rationalen Erkenntnissen untermauert, zu denen - Blom zufolge - frühe Ansätze zu einer Evolutionstheorie ebenso gehörten wie Vorformen des psychoanalytischen Denkens, oder Bemühungen um eine rein empirisch vorgehende, also "materialistische" Naturwissenschaft.

Das Ziel dieser "radikalen Aufklärung" (wie Blom sie nennt) war die Befreiung des Menschen aus den Fesseln der Kirche und der Tradition. Es verstand sich für den Holbachschen Debattierclub von selbst, dass die dergestalt befreiten Menschen glücklicher wären als ihre in Dummheit und Angst gehaltenen Vorfahren. Dieses Glück des Menschen war das wahre Ziel jener Philosophie, die Blom als "aufgeklärten Hedonismus" bezeichnet.

In materialreichen, anschaulich erzählten Kapiteln schildert Blom, wie sich die philosophischen Konzepte dieser Denker in ihren eigenen Lebensläufen niederschlugen (und zuweilen auch von der Wirklichkeit widerlegt wurden).

Man sieht also: "Böse" waren diese Philosophen nur im Urteil ihrer Gegner, während Blom die Mitglieder des Holbachschen Salons als "gute" Denker wiederentdecken möchte. Im Fall des Gastgebers fällt eine solche Neuentdeckung allerdings nicht leicht: Selbst Blom gibt zu, dass der Baron d’Holbach bei aller denkerischen Konsequenz ein äußerst schwerfälliger Schriftsteller gewesen ist. Anders verhält sich das beim begabtesten Literaten des Kreises, dem Bloms stärkste Sympathie gehört: Denis Diderot.

Dieser brillante Wissenschafter und homme de lettres wurde von den Schulphilosophen meist ignoriert, weil sein Denken nicht systematisch und stringent war, sondern assoziativ und sprunghaft. Aber auch viele Liebhaber der Poesie konnten mit seiner geistreich funkelnden Prosa wenig anfangen, weil sie zum Mitdenken ebenso einlädt wie zum Mitfühlen. So war Diderot (zumindest im deutschsprachigen Raum) immer ein Autor für wenige - und das trotz mächtiger Fürsprecher wie Goethe, Heine, Enzensberger und nun also auch Philipp Blom.

Blom tritt in diesem Buch nicht als wertfreier Wissenschafter auf, sondern als sympathisierender Nachfahre, der mit seinen Salon-Philosophen in allen wesentlichen Fragen übereinstimmt. Auch die Feindschaften von einst pflegt er lustvoll weiter. Voltaire erscheint in seiner Darstellung als gerissener alter Zyniker, der gewiss zu besseren Einsichten fähig gewesen wäre, aber aus Liebe zur politischen Macht und zum Geld vor der atheistischen Wahrheit zurückgeschreckt ist.

Noch verwerflicher als der Zyniker ist in Bloms Sicht allerdings der Renegat: Jean-Jacques Rousseau, ursprünglich selbst ein eifriger Besucher des Holbachschen Salons und enger Freund Diderots, überwarf sich später mit den alten Freunden und wurde ihr schärfster Kritiker - und zwar im Namen der Religion. Blom porträtiert Rousseau als bigotten, paranoiden Zwangscharakter, und er deutet es als Zeichen der neurotischen Struktur unserer modernen Gesellschaft, dass die Schriften dieses psychisch Kranken noch heute so viel populärer sind als die anregenden, lebensfreudigen Bücher der "bösen Philosophen".

Dieser trüben Entwicklung will Blom etwas Positives entgegensetzen. Dabei berührt seine historische Darstellung ähnliche Bereiche wie Pfallers aktuelle Philosophie: Beiden geht es um eine Lebenslust, die philosophischer Betrachtung standhält, bzw. um eine Philosophie, die zum Lebensglück beiträgt.

Robert Pfaller: Wofür es sich zu leben lohnt. Elemente materialistischer Philosophie. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2011, 315 Seiten.

Philipp Blom: Böse Philosophen. Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung. Hanser Verlag, München 2011, 400 Seiten.

Robert Pfaller: Wofür es sich zu leben lohnt. Elemente materialistischer Philosophie. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2011, 315 Seiten.

Philipp Blom: Böse Philosophen. Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung. Hanser Verlag, München 2011, 400 Seiten.