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Böses Omen für das türkische Detroit

Von WZ-Korrespondentin Daniela Schröder

Europaarchiv

Die Finanzkrise droht den jungen Wirtschaftserfolg der Türkei zu stoppen. | Bursa. Wenn Erhan Sever frühmorgens kurz nach vier den klapprigen Fiat ans andere Ende der Stadt lenkt und durch das Werkstor geht, hämmert in seinem Kopf ein Gedanke: Ist es das letzte Mal?


Das letzte Mal kann jeden Tag kommen. Sein Arbeitgeber Tofas, der drittgrößte Automobilhersteller der Türkei, hat Mitte November 700 der 5200 Arbeiter in der Produktion nach Hause geschickt. Weil die Kunden in der EU ihre Aufträge reihenweise stornierten, wurde die Fertigung im Werk Bursa um 60 Prozent heruntergefahren. Vor allem die ganz Jungen mussten gehen. Viele leisten nun den ausstehenden Militärdienst ab. Was für sie danach kommt, steht in den Sternen. Und was auf Sever (42) und seine Kollegen zukommt, das können sie zwar erahnen, wollen es aber nicht aussprechen. "Auto fahren, das müssen die Menschen doch immer", sagt einer.

Produktion für Fiat

Bursa, gut 90 Kilometer südlich von Istanbul gelegen und mit 1,4 Millionen Einwohnern die viertgrößte Stadt der Türkei, gilt als Motor der türkischen Autoindustrie. Mehr als 60 Prozent aller im Land produzierten Autos rollen hier vom Band - die Auftraggeber heißen Fiat und Renault. Auch Zulieferer wie Bosch und Bus- und Lkw-Hersteller wie MAN und Daimler lassen in der grünen Landschaft am Marmarameer produzieren.

In Bursa ist Tofas die Nummer zwei hinter Renault. Gemeinsam geführt von Fiat und der türkischen Koc Holding, wurde Tofas vor 40 Jahren gegründet und fertigte von Beginn an Fiat-Modelle in Lizenz. Heute baut das Werk die Mittelklasselimousine Linea, den Hochdachkombi Doblo und den für den Weltmarkt entwickelten Kleinwagen Palio. 1971 produzierte das Werk nur 8000 Autos, vergangenes Jahr waren es 197.000. "Wir wollen das erfolgreichste Fiat-Werk außerhalb Italiens werden", sagt Produktionsmanager Erkan Polat euphorisch. Für 2008 hatte sich Tofas die Zielmarke von 324.000 Autos gesetzt. "Das Detroit der Türkei" - so bewirbt die Handelskammer in Bursa ihre Region. Das klang bisher ehrgeizig. Jetzt klingt es wie ein böses Omen.

"Tsunami kommt näher"

Denn die Krise trifft nun auch die Türkei, vor allem ihre Exportbranchen. "Der Tsunami kommt jeden Tag ein Stück näher", warnte Ercan Tezer, Chef des türkischen Autohersteller-Verbandes OSD, bereits vor Wochen. Für den erfolgsverwöhnten Sektor ein kaum vorstellbares Szenario. In den ersten neun Monaten konnten Autohersteller und Zulieferer ihre Produktion noch um 25 Prozent steigern. Die Exporterlöse legten um 31 Prozent auf 20,7 Milliarden US-Dollar zu.

Dann der abrupte Wandel: Im Oktober schrumpften die Exporte um 27,5 Prozent, die Produktion fiel um mehr als 20 Prozent. Für 2009 rechnet der OSD mit einem weiteren Produktionsminus von 15 Prozent.

Die einbrechenden Zahlen in der Automobilindustrie sind ein herber Schlag für die Wirtschaftsbilanz der Türkei. Mit 31 Prozent der Exporterlöse ist die Fahrzeugbranche der wichtigste Devisenbringer des Landes. Acht von zehn Fahrzeugen verkaufen die Autobauer ins Ausland, 90 Prozent dieser Exporte in die EU. Geht es den Europäern schlecht, leidet auch die Türkei. Die plötzliche Flaute bei den Auslandsgeschäften wird die ohnehin tief im Minus liegende Leistungsbilanz des Landes noch weiter drücken. Zudem ziehen Anleger ihr Kapital ab, die Aktienkurse sind abgestürzt - und die türkische Lira ist im Sinkflug.

2001 kurz vor Bankrott

Ebenfalls stark zurückgegangen sind die wichtigen Auslandsinvestitionen: Während im vergangenen Jahr 22 Milliarden US-Dollar in die Türkei flossen, werden es 2008 wohl nur 12 bis 14 Milliarden sein. Der hohe Schuldenberg der Privatwirtschaft belastet die Wirtschaft nun noch stärker. Wegen der hohen Lira-Zinsen haben viele Unternehmen in den vergangenen Jahren Kredite in fremden Währungen aufgenommen. Im Sommer standen sie mit 193 Milliarden Dollar beim Ausland in der Kreide. Durch den Kurssturz der Lira müssen die Türken dafür nun teuer bezahlen. Und frisches Geld aus anderen Ländern fließt ohnehin nicht mehr.

Die Finanzkrise erwischt auch die, die keine großen Fehler gemacht haben. 2001 nämlich hatten die Türken bereits ihre eigene Bankenkrise, ein Finanzkollaps drohte. Doch der Internationale Währungsfonds bewahrte das Land mit einem Kredit von 40 Milliarden Dollar vor dem Staatsbankrott. Die Hilfsgarantie des IWF war ein Reformmotor, die Regierung verschärfte die Bankenregeln und konsolidierte die Staatsfinanzen. Das brachte Stabilität und beruhigte ausländische Investoren, mit der Wirtschaft ging es aufwärts. Im Mai lief der IWF-Pakt aus. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und sein Team polemisierten bisher gegen neue Kredite, IWF-Schelte kommt in der Türkei gut an wenige Monate vor den Kommunalwahlen.

Doch die Wahlen sind nicht allein der Grund für die Untätigkeit der Regierung, sagt der Istanbuler Finanzexperte Fatih Özatay. "Die Politiker haben nicht begriffen, dass es sich um eine weltweite Krise handelt, und dass die Türkei trotz der in den vergangenen Jahren durchgeführten Reformen nicht immun ist." Jetzt sei das Schwellenland aus der Bahn geworfen worden. Doch man könne wieder zurücklenken, meint der Wirtschaftsprofessor. "Es ist nicht zu spät." Allerdings brauche die Türkei schnell ein neues IWF-Abkommen, um das Vertrauen der Investoren zu erneuern.

Großes Vorbild Detroit

In seiner Mittagspause liest Erhan Sever in der Zeitung über die Rettungspläne für die US-Autometropole Detroit, das große Vorbild für Bursa. Auch über den Produktionsstopp im Ford-Werk in Gülücek liest er. Er liest, dass die Regierung an der Wachstumsprognose unbeirrt festhält. Was er jetzt denkt, das will Sever nicht sagen. Er setzt die Schutzbrille auf und geht zurück an die Schweißmaschine. Vielleicht geht er diesen kurzen Weg noch viele Male. Vielleicht aber auch heute zum letzten Mal.