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Bosnien-Herzegowina fünf Jahre nach dem Krieg

Von Aleksandra Dragutinivic

Politik

"Die Zeit für unsere Bemühungen läuft davon, in Bosnien-Herzegowina einen dauerhaften Frieden zu etablieren", sagte Wolfgang Petritsch im Mai in seinem Artikel im "Wall Street Journal". Fünf Jahre nach dem vier Jahre dauernden Bürgerkrieg zwischen Moslems, Kroaten und Serben warten die Menschen noch immer auf eine Veränderung. Das Warten hat 1995 mit dem Friedensvertrag von Dayton begonnen, der unter anderem den Flüchtlingen die Heimkehr ermöglichen sollte. Fünf Jahre sind eine lange Zeit für eine Wende zum Besseren, aber auch heute noch ist Bosnien-Herzegowina weit davon entfernt, einen einheitlichen Staat zu bilden. Die Aufsplitterung in drei ethnische Enklaven hält an.

Die künstliche Grenzlinie verschwand zwar aus den Landkarten, aber in die Herzen der Menschen ist sie immer noch eingebrannt. Der serbisch kontrollierte Teil von Bosnien-Herzegowina operiert weiterhin als separate Einheit. Aber auch der moslemisch-kroatische Teil tritt mehr oder weniger als separate Einheit auf. Und nach so langer Zeit sind 1,2 Millionen Menschen noch immer Vertriebene. Trotz des Anstiegs der Heimkehrerrate im Vorjahr und heuer, geht die Rückkehr noch immer viel zu langsam. Und das besonders wenn man bedenkt, dass die Rückkehr der Flüchtlinge vielleicht die einzige Möglichkeit ist, die Folgen der "ethnischen Säuberungen" rückgängig zu machen.

Auch der Wirtschaft geht es nicht gut. Den offiziellen Zahlen zufolge importierte Bosnien-Herzegowina 1999 vier mal mehr, als exportiert wurde. Nun ist seit Anfang des Jahres ein Handelsabkommen in Kraft, das Exporte von Produkten aus Bosnien-Herzegowina und Kroatien in EU-Mitgliedstaaten regelt. Dieses Abkommen soll das bosnische Handelsdefizit mildern.

Darüber hinaus soll nun im Zuge der Modernisierung rasch privatisiert werden. Aber auch hier gibt es massive Hindernisse: die ungelenke Bürokratie, legislative Barrieren, Widerstand von den Unternehmensbossen und politischer Widerstand. Deshalb hat die US-Regierung beschlossen, vorübergehend dem Privatisierungsprogramm die Unterstützung zu entziehen.

Und so blüht die Korruption ziemlich ungehindert weiter und belastet die Bemühungen um einen dauerhaften Frieden für Bosnien-Herzegowina. Eine Untersuchung des US-Repräsentantenhauses fand Beweise, dass mehrere Millionen Dollar nicht wie vorgesehen für den Wiederaufbau zum Einsatz kamen. Die Korruptionsvorwürfe gingen auch an hohe Beamte. Allein in Tuzla sind 200 Millionen Dollar aus dem Jahresbudget des Vorjahres verschwunden. Zusätzlich werden 300 Millionen Dollar aus den beiden Vorjahren vermisst. Ein anderer Fall sind die bosnischen Banken mit ihren Millionendollaranleihen für fiktive Geschäfte. Auch das Geschäft mit gestohlenen Autos floriert, besonders in der Republika Srpska. Die meisten Fahrzeuge werden mit gefälschten deutschen, schweizer oder italienischen Papieren eingetragen. Das ist hier heutzutage eine beliebte Art, Geld zu verdienen.

Was nun aber vor diesem Hintergrund die soziale Situation in Bosnien-Herzegowina betrifft, so kämpfen die Menschen immer noch ums Überleben, auch wenn der Krieg lange vorbei ist. Das Durchschnittseinkommen von etwa 180 US-Dollar erlaubt kein sehr bequemes Leben. Vor allem den Pensionisten geht es schlecht. Sie organisieren sich, um gegen die ständige Verspätung der Auszahlung anzukämpfen und, bisher vergeblich, eine Anhebung ihrer Pensionen zu erreichen: wie es ist, haben sie zum Sterben zwar zu viel, zum Leben aber zu wenig.

Bosnien-Herzegowina braucht dringend Veränderungen, und zwar Veränderungen, die es vor dem politischen und wirtschaftlichen Abgrund retten. Aber die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft gehört nun dem Kosovo, und wie Wolfgang Petritsch richtig feststellte, läuft die Zeit davon und die nötigen Veränderungen geschehen viel zu langsam.

Aleksandra Dragutinivic ist Serbin und arbeitet als Programmkoordinatorin im UN-Hauptquartier in Sarajewo. Sie absolvierte das diesjährige "International Civilian Peace-keeping and Peace-building Training Program" an der Friedensuniversität Schlaining.

Das Österreichische Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung (ÖSFK) ist ein privater, gemeinnütziger und parteiunabhängiger Verein zur Förderung von Friedensforschung, Friedenserziehung und Friedenspolitik. Schwerpunkte sind die Friedensuniversität und die Trainingskurse für zivile Konfliktbearbeitung.