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Bosniens Weg in Unabhängigkeit mündete in einen blutigen Krieg

Von Zarko Radulovic

Politik

Sarajewo - Vor zehn Jahren sprachen sich Bosniaken (Moslems) und Kroaten in Bosnien-Herzegowina in einer Volksabstimmung mit überwältigender Mehrheit für die Loslösung vom damaligen Jugoslawien und für die staatliche Unabhängigkeit aus. Die serbische Bevölkerung konnte sich mit der Idee eines unabhängigen Bosnien nicht anfreunden, trat weiter für den Verbleib in Jugoslawien ein und boykottierte das Referendum. Nur wenige Wochen danach brach der Krieg in der Republik mit voller Brutalität aus und wurde erst mit dem Abkommen von Dayton Ende 1995 beendet.


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Bereits im Oktober 1991 hatten die führenden nationalistischen Parteien der Moslems und Kroaten, die Partei der Demokratischen Aktion (SDA) bzw. die Kroatische Demokratische Gemeinschaft (HDZ), im Parlament in Sarajewo ein "Memorandum über das souveräne Bosnien-Herzegowina" verabschiedet. Die HDZ und die SDA mit Republikspräsidenten Alija Izetbegovic an der Spitze drängten in die Unabhängigkeit. Hingegen verurteilte die nationalistische Partei der Serben, die Serbische Demokratische Partei (SDS), diesen Beschluss und forderte einen Verbleib der Republik im Rahmen des bereits "geschrumpften Jugoslawien" (Slowenien und Kroatien waren damals bereits von der EG als unabhängig anerkannt). Sollte dies nicht möglich sein, würden die Serben die mehrheitlich von ihnen bewohnten Gebiete von Bosnien abspalten und an Jugoslawien (Serbien und Montenegro) anschließen, drohte die von Radovan Karadzic geführte SDS. Im November organisierte die Partei ein Referendum, bei dem die Serben mit überwältigender Mehrheit für den Verbleib in Jugoslawien votierten.

Die moslemischen und kroatischen Vertreter des Staatspräsidiums in Sarajewo beschlossen schließlich am 20. Dezember, bei der EG um Unabhängigkeit anzusuchen. Nur einen Tag später entschieden die Serben, spätestens bis 14. Jänner die "Republik des serbischen Volkes in Bosnien-Herzegowina" zu proklamieren. Während Sarajewo am 23. Dezember (ebenso wie Mazedonien, Slowenien, Kroatien, die kroatische Krajina und Kosovo) offiziell die EG um Anerkennung ersuchten, riefen die Serben am 9. Jänner 1992 einseitig ihre eigene Republik aus. Die EG wiederum forderte als Voraussetzung für eine Anerkennung Bosniens ein vorhergehendes Referendum.

Dieses wurde von SDA und der HDZ Ende Jänner beschlossen. Die serbischen Delegierten verurteilten diesen Schritt als "unverantwortlich". Das Referendum bedrohe die serbische Identität und eine Entscheidung für die Unabhängigkeit sei eine "Kriegsoption", warnte Karadzic.

In dieser aufgeheizten Stimmung wurden die Bürger Bosniens zu den Urnen gebeten. Die Vorzeichen waren klar, denn während SDA und HDZ mit aller Vehemenz die Unabhängigkeit von Jugoslawien forderten, rief die nationalistische SDS zum Boykott auf. Auch im Ergebnis des Referendums spiegelte sich schließlich das nationale Kräfteverhältnis klar wider: 63 Prozent der wahlberechtigten Bürger (Moslems und Kroaten) gaben ihre Stimme ab, davon stimmten 62,7 Prozent für ein "souveränes und unabhängiges Bosnien-Herzegowina". Die Serben boykottierten das Referendum.

Die Spannungen kulminierten in ersten kriegerischen Auseinandersetzungen. Innerhalb weniger Stunden stellten sowohl moslemische als auch serbische Zivilisten Barrikaden auf. Izetbegovic und Karadzic konnten mit einem gemeinsamen Appell zunächst noch das Schlimmste verhindern. Dennoch blieb die Situation äußerst gespannt. Moslemische, kroatische und serbische Vertreter kamen in dieser Zeit auch immer wieder zu Verhandlungen zusammen, die aber ohne Ergebnisse blieb. Auch die Vermittlungsversuche der EG waren ohne Erfolg.

Anfang April kam es aber wieder zu vereinzelten Scharmützeln, die bald in schweren Gefechten ausarteten. Die militärischen Auseinandersetzungen weiteten sich auf die ganze Republik aus. Genau in dieser Phase beschlossen die EG (am 6. April) und die USA (7. April), Bosnien als unabhängigen Staat anzuerkennen. Am 8. April eskalierten die Kämpfe vollends. Die Serben begannen die grausame Belagerung Sarajewos. Der Krieg, der hunderttausende Tote, Verletzte und Millionen Flüchtlinge forderte, wurde erst mit dem Vertrag von Dayton Ende 1995 beendet. Mit diesem Abkommen wurde das Land auch in zwei Gebietseinheiten geteilt: In die bosniakisch-kroatische (moslemisch-kroatische) Föderation (51 Prozent) und die bosnische Serbenrepublik (49 Prozent).