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Brandanschlag auf Satire-Zeitschrift

Von WZ-Korrespondent Johannes Wetzel

Europaarchiv
Körperliche Züchtigung für den, der sich nicht totlacht, kündigt das Cover des Satireblatts an.

Redaktionsräume von "Charlie Hebdo" verwüstet - Internetausgabe manipuliert.


Paris. Während die Zeitschriften ausgeliefert wurden, brannte es schon in den Redaktionsräumen: Bei einem Anschlag in der Nacht auf Mittwoch ist das Pariser Büro des französischen Satireblatts "Charlie Hebdo" verwüstet worden. Unbekannte hatten von außen Molotow-Cocktails in das Gebäude geschleudert.

Für die Betroffenen besteht kein Zweifel, dass der Anschlag die Reaktion islamistischer Extremisten auf die unter dem Titel "Scharia Hebdo" erschienene Ausgabe des Wochenmagazins ist. Auf dem bereits vorab zirkulierenden Titelblatt prangt auf grünem Grund ein lachender Mohammed mit der Sprechblase: "Hundert Peitschenhiebe, wenn Sie sich nicht totlachen". Eine Pressemitteilung hatte angekündigt: "Zur Feier des Wahlsiegs der islamistischen Partei al-Nahda in Tunesien und des Versprechens des Präsidenten des nationalen Übergangsrats, dass die Scharia die wichtigste Rechtsquelle in Libyen werden würde, haben wir Mohammed als Gast-Chefredakteur eingeladen." Auf den sechzehn Zeitungsseiten wechseln teils derbe Karikaturen - etwa zum Thema der "gemäßigten Steinigung" oder unter der Überschrift "Scharia Madame" - mit gezeichneten Artikeln und dazugehörigen Kommentaren von "Mohammed" ab.

Unter den Beiträgen findet sich aber ebenfalls ein Artikel zu den gewaltsamen Protesten katholischer Fundamentalisten gegen die Pariser Aufführungen des Theaterstücks "Über den Begriff vom Gesicht des Gottessohns" des italienischen Regisseurs Romeo Castellucci, bei dem ein Christusporträt auf Großleinwand zerstört wird. Die Aufführungen müssen unter Polizeischutz und strengsten Sicherheitsvorkehrungen stattfinden.

Politiker verurteilen "Angriff auf Pressefreiheit"

Auch auf die Internetseite von Charlie Hebdo war zugegriffen worden. Dort war vorübergehend ein Bild des Pilgeransturms auf die Moschee in Mekka zu sehen. Eine Botschaft auf Englisch und Türkisch denunzierte die Mohammed-Darstellung. Seit Tagen sollen bei der Redaktion Drohungen eingegangen sein.

Politiker aller großen Parteien Frankreichs verurteilten den "Angriff auf die Meinungsfreiheit". Innenminister Claude Gueant versprach "das Unmögliche" zur Aufklärung des Falles: "Ob man ,Charlie Hebdo nun mag oder nicht, so müssen sich doch alle Franzosen solidarisch fühlen mit einer Zeitung, die die Pressefreiheit verkörpert." Er mache dabei einen klaren Unterschied "zwischen denen, die ihren Glauben friedlich leben, und denen, die den Islam zu einem Element der Eroberung und des intellektuellen Imperialismus in der Gesellschaft machen und die sich teilweise gewaltsam äußern." Der Rat der Muslime im Großraum Paris erklärte: "Wir verurteilen diese Tat, aber wir verurteilen auch die Tat von ,Charlie Hebdo."

"Charlie Hebdo" hatte bereits 2006 die zunächst in der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" publizierten Mohammed-Karikaturen sowie eigene Zeichnungen veröffentlicht, war aber in dem von islamischen Organisationen angestrengten Prozess freigesprochen worden. Damals wurde die Redaktion unter Polizeischutz gestellt. Die Verkaufszahlen schnellten auf 400.000 Exemplare. Für den Vorsitzenden des nationalen Rats der Muslime, Mohammed Moussaoui, sind die Karikaturen dieser Woche mit denen von 2006 zwar nicht zu vergleichen. Jede Art von Darstellung des Propheten werde von Muslimen aber als eine Beleidigung empfunden.

Das Blatt will trotz der Zerstörung seiner Computeranlage wie geplant am kommenden Mittwoch wieder erscheinen und könnte vorübergehend bei der Tageszeitung "Liberation" unterkommen. "Charlie Hebdo" erreicht heute eine Auflage von 48.000 Exemplaren. Die Zeitschrift war 1970 in der Nachfolge des - unter Präsident Charles de Gaulle und seinen Nachfolgern immer wieder verbotenen - Blattes "Hara-Kiri" gegründet worden, musste aber Ende 1981 wegen leerer Kassen das Erscheinen einstellen. Im Juli 1992 wurde "Charlie Hebdo" von dem Journalisten Philippe Val neu gegründet und weit links verankert.

Zur allgemeinen Überraschung akzeptierte Val 2009 die Leitung des wichtigsten staatlichen Rundfunksenders France Inter. Seitdem wird das Satireblatt von den Karikaturisten Laurent Sourisseau und Stephane Charbonnier mit den Künstlernamen "Riss" und "Charb" geleitet.