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Brandherd Libyen

Von Reinhard Göweil

Leitartikel

Die Rede von Muammar al-Gaddafi am Dienstag war nur vordergründig die Rede eines Verrückten. Der libysche Diktator ist durchgeknallt, ja - aber das ist nichts Neues. Verrückt ist er nicht, dafür aber gefährlich. Sein Fehlen jeglicher moralischer Werte ist in Zusammenhang mit viel Geld eine leicht entzündliche Mischung.


Der libysche Staatsfonds wird immerhin auf 70 Milliarden Dollar taxiert. Er ist investiert in Italiens größter Bank, Unicredit. Er hält Anteile an Fiat, auch an Wienerberger. Zuletzt wollte der Fonds auch BP-Anteile kaufen. Woher das Geld exakt stammt, gibt der Fonds nicht bekannt. Trotzdem waren die libyschen Investoren gerne gesehen. Wenn das Geld knapp wird, fragt niemand mehr allzu genau nach.

Die völlig amoralische, selbstverliebte Rede des libyschen "Revolutionsführers" hat gezeigt, dass er offenkundig willens ist, weiterhin auf sein Volk zu schießen, wenn man ihn lässt.

Das Chaos im Land ist so groß, dass Ägyptens Militär eine Intervention im Nachbarland überlegt. Hunderte Tote, tausende Verletzte, die Landebahn auf dem Flughafen von Libyens zweitgrößter Stadt Bengasi zerstört. Und dass sich jetzt auch noch zwei iranische Kriegsschiffe im Mittelmeer tummeln, trägt nicht gerade zur Beruhigung der Situation bei. Die arabische Welt ist in Bewegung, und mit ihr Menschen, Militärs und Milliarden.

Europa wird mit einem Flüchtlingsstrom leben müssen, die USA können sich langsam darauf einstellen, dass ihre Mittelmeerflotte als sichtbare Drohung hergezeigt wird. Und der Iran wird versuchen, aus der Destabilisierung Nutzen zu ziehen.

Was in Ägypten dank der Umsicht des dortigen Militärs einigermaßen funktionierte, wird in Libyen zum Albtraum. Wenn dort islamistische Extremisten ans Ruder kommen, hat Europa eine unmittelbare Bedrohung in allernächster Nähe. Und wirtschaftlich nicht nur in der Nähe, sondern mittendrin. Der libysche Staatsfonds wird von den jeweiligen Machthabern kontrolliert. Dass dieses Geld in Italien, aber auch in Österreich, gerne genommen wurde, könnte sich bald bitter rächen.

Wie das Chaos in Libyen ohne militärisches Eingreifen zu lösen ist, weiß niemand. Viele werden wohl hoffen, das Gaddafi flieht. Danach schaut es derzeit eher nicht aus.