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Brasilien bekommt erste Präsidentin

Von WZ-Korrespondentin Susann Kreutzmann

Politik

Rousseff setzt sich gegen konservativen Herausforderer durch. | Sao Paulo. Dilma Rousseff wird Brasiliens erste Präsidentin. Im zweiten Anlauf schaffte die Kandidatin der linken Arbeiterpartei PT den Sprung ins höchste Staatsamt. Die 62-Jährige kam am Sonntag in der Stichwahl auf 56,05 Prozent der Stimmen. Für ihren konservativen Herausforderer José Serra votierten 43,95 Prozent.


In ihrer ersten Ansprache als gewähltes Staatsoberhaupt versprach Rousseff, "Präsidentin aller Brasilianer" sein zu wollen. Die Untergriffe im Wahlkampf waren vergessen. "Jetzt ist die Stunde der Einheit gekommen", rief sie unter dem Jubel ihrer Anhänger in Brasilia aus. "Ich reiche der Opposition die Hand."

Mit bewegenden Worten dankte sie ihrem politischen Ziehvater, dem populären Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva. "Wir werden Lulas Weg weitergehen", versprach sie mit stockender Stimme. Rousseff wird am 1. Januar 2011 ihr neues Amt antreten.

Große Aufgaben warten

Nach Bekanntgabe des Wahlsieges strömten im ganzen Land tausende Menschen auf die Straße, schwenkten rote Fahnen und feierten ihre neue Präsidentin. Feuerwerke wurden gezündet und Autokorsos fuhren hupend durch die Straßen. Doch auf Rousseff warten gewaltige und unpopuläre Aufgaben. So will sie eine Steuerreform angehen und die ausufernde Bürokratie bekämpfen. Außerdem müssen die Ausgaben der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas gesenkt werden. Das dürfte auch eine Kürzung der teilweise exorbitanten Pensionen von Staatsangestellten nach sich ziehen. Die wichtigste Aufgabe ihrer Regierung sei die "Ausrottung der Misere", versprach Rousseff. Trotz Wirtschaftsboom leben immer noch rund zehn Prozent der Brasilianer in absoluter Armut.

"Ich stehe für Kontinuität", hatte Rousseff im Wahlkampf immer wieder betont. Deshalb will sie die erfolgreichen Sozialprogramme der Regierung Lula fortsetzen. Die Armut wurde in den vergangenen acht Jahren um knapp 50 Prozent reduziert, vor allem dank des staatlichen Programms "Bolsa Familia". Rund 45 Millionen Brasilianer und damit fast ein Viertel der Bevölkerung profitiert von den Leistungen. Auch der Mindestlohn wurde unter Lula auf aktuell 510 Reais (rund 221 Euro) monatlich verdoppelt. Den Frauen versprach Rousseff wirkliche Gleichberechtigung.

Niederlage in Sao Paolo

Doch die Wahl macht auch deutlich, Brasilien ist ein gespaltenes Land. Während Rousseff im armen Norden und Nordosten des 190 Millionen Einwohner Landes auf rund 65 Prozent der Stimmen kam, votierten in den wirtschaftlich hochentwickelten südlichen Bundesstaaten Santa Catarina, Paraná und Rio Grande do Sul nur etwa 45 Prozent für die Linkskandidatin. Auch in Brasiliens Finanz- und Wirtschaftsmetropole São Paulo hat Rousseff verloren.

Auch wenn sich Lula da Silva am Wahlabend nicht öffentlich zeigte, ist klar, dass der Einzug von Rousseff ins Präsidentenamt auch sein Wahlsieg ist. Als ehemalige Kanzleramtschefin war Rousseff seine engste politische Vertraute. Im Wahlkampf war die ehemalige Guerilla-Kämpferin auf der Popularitätswelle von Lula da Silva geschwommen. Bei der Stimmabgabe in São Paulo versprach Brasiliens beliebtestes Staatsoberhaupt deshalb, nicht "von einer Stunde zur nächsten" von der politischen Bildfläche verschwinden zu wollen. "Ich habe noch viel vor in Brasilien." Spekulationen, er würde bei der nächsten Wahl selbst wieder kandidieren, wies der Ex-Gewerkschafter jedoch zurück.