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Brasilien will sein Erbe retten

Von Konstanze Walther

Wirtschaft

Erlahmende Wirtschaft drückt die Umfragewerte von Präsidentin Rousseff.


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Brasilia. Die sogenannten Frühindikatoren sehen nicht gut aus: In den nächsten sechs Monaten wird sich die wirtschaftliche Entwicklung in Brasilien noch einmal verlangsamen, errechnete die Organisation für Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Das brasilianische Wirtschaftswunder ist seit einiger Zeit ins Stocken geraten. Dabei kämpft das Land parallel mit den Problemen, die der erhöhte Wohlstand bringt. Eins davon ist, dass die EU - die bekanntermaßen selbst unter einer schwachen Konjunktur leidet - Ländern wie Brasilien die Vorzugsbehandlung im bilateralen Handel streicht. Grund: Ähnlich wie Mexiko wird Brasilien mittlerweile als Volkswirtschaft mit mittlerem bis hohem Einkommen eingestuft, die eine Vorzugsbehandlung nicht mehr nötig habe. Manche haben jedoch diesen Vorstoß, Brasilien umzuklassifizieren, als "protektionistisch" seitens der EU gegenüber dem eigenen Binnenmarkt bezeichnet.

Ab 2014 würde Brasilien nur noch als "normaler" Handelspartner gelten. Um hier gegenzusteuern, braucht Brasilien ein Handelsabkommen mit der EU. Laut der "Financial Times" wird Brasilien noch diesen Monat einen Vorschlag präsentieren. Die Zeit drängt. 37 Prozent des Handels zwischen Lateinamerika und der EU werden derzeit von Brasilien bestritten. Es ist also ein großer Brocken von knapp 74 Milliarden Euro (im Jahr 2010). Fällt die Vorzugsbehandlung weg, bedeutet das mehr Bürokratie, höhere Zölle und damit Gewinneinbußen bis hin zu geringeren Absatzmengen.

Für Brasilien ist dieses Handelsabkommen offenbar so wichtig, dass es nun einen Alleingang versucht. Denn das Land ist eigentlich Teil des südamerikanischen Wirtschaftsblocks Mercosur (zusammen mit Argentinien, Uruguay, Paraguay und Venezuela). Seit zwölf Jahren versuchen der Mercosur und die EU ein Freihandelsabkommen abzuschließen - ohne Erfolg.

Massives Handelsdefizit

Wirtschaftlich hat der Mercosur auch in den vergangenen Jahren nicht mehr besonders zu einem Aufschwung seiner Mitgliedsländer beigetragen. Im Gegenteil: Der Handel zwischen den anderen lateinamerikanischen Ländern wuchs stärker als jener unter den Ländern des Mercosur. Ein anderes Problem Brasiliens ist, dass aufgrund seiner erstarkten Mittelschicht immer mehr Autos gekauft werden. Denn das Rohstoffland subventioniert seine Bürger mit Benzin- und Dieselpreisen, die niedriger sind, als es der Weltmarkt diktieren würde. Doch nun wird immer mehr Erdöl in Brasilien aufgrund der anwachsenden Flotte benötigt. Gekoppelt mit weniger Ölförderung aufgrund von geschlossenen Fabriken bedeutet das weniger Erdöl für den Export. Verglichen mit dem Vorjahr brach der Gewinn bei Rohöl um fast die Hälfte ein. Sollte sich der Trend verfestigen, wird Brasilien in diesem Jahr das größte Handelsdefizit seit über zehn Jahren haben.

Gewinne aus dem Ölgeschäft sollten im Zuge des versprochenen Reformpakets nach den landesweiten Protesten im Juni künftig ausschließlich für Bildung und Gesundheit verwendet werden. 2014 stehen wieder Wahlen in Brasilien an. Die Präsidentin Dilma Rousseff hat inzwischen ihren mehr als komfortablen Vorsprung gegenüber den Rivalen eingebüßt. Beobachter bezweifeln, ob die brasilianische Regierung ihre Sozialprogramme auch in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten ausbauen kann.