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"Brauchen Kunst der 'Grand Strategy'"

Von Teresa Reiter

Politik
"Die Nato hat sich immer weiterentwickelt", sagt Nato-General Bradshaw in Alpach.
© Luiza Puiu

Nato-General Bradshaw verteidigt das Militärbündnis, erklärt aber auch, dass das Militär allein keine Probleme löst.


Im Juli erreichte die Türkei mittels Berufung auf Artikel 4 des Nato-Vertrags eine Sondersitzung der Nato-Staaten, um für Unterstützung gegen den IS, aber auch gegen kurdische Extremisten zu werben. Nato-General Adrian Bradshaw erklärte am Europäischen Forum Alpbach, wie die Nato mit den Sicherheitsbedenken der Türkei und mit jenen Georgiens und Libyens umgeht.

"Wiener Zeitung": Sich auf Artikel 4 zu berufen, ist ein ungewöhnliches Mittel. Fühlt sich die Türkei in ihren Sicherheitsbedenken nicht ernst genommen?Adrian Bradshaw: Ich glaube, wir alle erkennen die Sicherheitsbedenken der Türkei an. Die Nato unterstützt die Türkei schon mit einem Raketenabwehrsystem und wir werden ihre Sicherheitsbedenken natürlich aufmerksam beobachten und angemessen reagieren.

Während der Nato die Entscheidung nicht schwerfallen sollte, die Türkei gegen den IS zu unterstützen, sieht es im Fall der Kurden anders aus. Sie sind immerhin ein strategischer Partner einiger Nato-Staaten im Kampf gegen den IS ...

Das ist eine der multiplen Komplexitäten bei diesem Problem. Die Nato muss alle Faktoren berücksichtigen und auch feststellen, wo Nationen tatsächlich gerechtfertigte Sicherheitsbedenken haben, und dann angemessen reagieren. Es ist sehr schwer, die verschiedenen Interessen aller Parteien in Balance zu halten, während man versucht, die Lage zu stabilisieren. Wenn es eine einfache Lösung für Syrien geben würde, hätten wir sie schon gefunden. Eine Lösung zu finden ist schwer und das ist umso mehr Grund, alles dafür zu tun, dass westliche Staaten und die restliche internationale Gemeinschaft einen gemeinsamen Zugang zu diesem Problem finden.

Im August gab es eine Sondersitzung der Arabischen Liga zu Libyen, in der der libysche Außenminister eine militärische Intervention in seinem Land forderte. War es ein Fehler, dass die Nato nach den 2011 geflogenen Luftangriffen nicht mit weiteren militärischen Mitteln nachgezogen hat?

Politische Führungskräfte taten 2011, was zu dieser Zeit im Rahmen der politischen Unterstützung, die sie hatten, möglich war. Nach eineinhalb Jahrzehnten der Kampfeinsätze und Stabilisierungsoperationen im Irak und Afghanistan sind einige Nationen erschöpft. Was bleibt, ist, dass Kriege dazu tendieren, uns zu wählen und nicht wir uns die Kriege aussuchen. Die Welt wird von sehr ernsten Konflikten heimgesucht, einige davon an den Rändern der EU und der Nato. Wir sollten tun, was wir können, um diese Regionen zu stabilisieren und um mit den Folgen dieser Krisen richtig umzugehen, wie wir jetzt an der Migrationskrise sehen können.

Die Nato eröffnete kürzlich ein militärisches Trainingszentrum in Georgien. War die Idee dahinter, Georgien den Rücken zu stärken, ohne Russland zu provozieren, wie es etwa ein Nato-Beitritt tun würde? Ist die Angst der Georgier vor einer schleichenden Annexion durch Russland gerechtfertigt?

Georgien pflegt sowohl mit der Nato als auch mit Russland Beziehungen. Die Georgier können von einem Austausch von Techniken und Taktiken profitieren und wir von ihnen lernen. Es wird Georgiens Fähigkeiten zur Verteidigung seiner Unabhängigkeit verbessern. Es gibt Gebiete im unabhängigen Georgien, die sich dem Einfluss der georgischen Regierung entzogen haben, was unzufriedenstellend für jeden Staat ist. Wir unterstützen das georgische Recht auf Unabhängigkeit innerhalb seiner Staatsgrenzen. Es geht uns alle etwas an, wenn Nationen gegen internationales Recht verstoßen, auf dem Gebiet anderer Staaten eingreifen und Kontrolle ausüben.

Kann man der Nato vorwerfen, eine nicht mehr zeitgemäße Organisation zu sein?

Ich lehne diesen Standpunkt entschieden ab. Es ist eine bemerkenswerte Aussage, gerade in einer Zeit, in der kollektive Verteidigung immer relevanter wird, und zwar durch das Benehmen der Russen in der Ukraine. Die Nato war immer eine Organisation, die sich ständig weiterentwickelt hat. Als der Kalte Krieg endete, hat die Nato bewiesen, dass sie bei einer der größten internationalen Koalitionen in Afghanistan fähig war, die Führungsrolle zu übernehmen. Um den gegenwärtigen Herausforderungen gerecht zu werden, müssen wir uns einmal mehr weiterentwickeln.

Die Herausforderungen, vor denen wir heute stehen, können längst nicht mehr durch militärisches Vorgehen allein überwunden werden.

Da stimme ich absolut zu. Historisch betrachtet ließen sich die großen Probleme noch nie allein durch militärische Einsätze lösen. Wir müssen die Kunst der "Grand Strategy" wiederentdecken und militärisches Vorgehen mit diplomatischen, ökonomischen, politischen und sozialen Mitteln vereinen. Wenn man sich die Reaktion des Westens auf das russische Benehmen in der Ukraine ansieht, dann glaube ich, dass wir davon schon einiges sehen. Der Westen hat, wie ich finde, richtig entschieden, dass eine direkte militärische Intervention nicht hilfreich wäre. Wo wir aber ökonomischen, politischen und diplomatischen Druck auf Russland ausüben, hat das schon einen Effekt gehabt. Man sollte dennoch den militärischen Teil nicht vergessen. Es ist wichtig, militärische Fähigkeiten zu erhalten und zu entwickeln, damit man sie nie nutzen muss.

Adrian Bradshaw ist ein britischer Generalleutnant. Seit März 2014 ist er Deputy Supreme Allied Commander Europe. Bradshaw sprach beim Europäischen Forum Alpbach zu Strategien und Aspekten der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik.