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"Brauchen nicht noch mehr Armut"

Von Christoph Rella

Politik
Die Essensausgabestelle in der Erlöserkirche ist eine von zehn Zentren der Caritas in Wien. Foto: Rella

Plus 25 Prozent: Caritas warnt vor Armutsspirale. | Ein Lokalaugenschein in Hilfseinrichtungen. | Wien/Graz. "Sagen Sie mir Ihren Namen, dann lasse ich Sie gleich rein", sagt die Frauenstimme aus der Gegensprechanlage. Die Türe zum "Haus Miriam", dem Caritas-Wohnheim für Frauen und Mütter in Notsituationen im 19. Bezirk, ist hoch und schwer.


Hinter dieser Pforte sind die Frauen, die hier nach Schicksalsschlägen wie Scheidung oder Arbeitsplatzverlust Aufnahme und Unterstützung finden, vor allem eines: sicher.

Im Caritas-Haus Einlass gefunden hat auch Nicole, eine 25-jährige Wienerin, die zuvor mit ihrer dreijährigen Tochter auf der Straße gelebt hatte. "Zuerst hat mich mein Freund verlassen, dann habe ich die Wohnung verloren", erzählt sie. Dies sei auch der Grund gewesen, warum sie "ihre Kleine" zu Pflegeeltern weggeben musste: "Ich habe immer große Sorge um die Sarah gehabt und wollte, dass es ihr gut geht." Im "Haus Miriam" fühlt sich die junge Mutter wohl. Nicole hat sich mit anderen Frauen angefreundet und arbeitet im Haushalt mit. Fast so wie in einer Familie - die sie mittlerweile nicht mehr hat, wie sie sagt: "Meine Mutter ist mit 37 gestorben und auch die Oma, bei der ich zuletzt gelebt habe, ist nicht mehr."

Allerdings ist Nicole mit ihrem Schicksal nicht allein in Österreich, wie ein Blick in die Armutsstatistik zeigt. Demnach sind etwa zwei Drittel der 492.000 Bedürftigen in Österreich Frauen, ein gutes Drittel ist sogar unter 30 Jahre alt. Aber auch insgesamt hat sich die Lage der Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, nicht gebessert. Laut Statistik ist die Zahl der Bedürftigen wegen der Krise sogar um 25 Prozent gestiegen.

744 Euro sind nicht genug

"Diese Leute sind in einer scheußlichen Situation, viele haben täglich nur ein paar Euro zur Verfügung", sagt wiederum Caritas-Präsident Franz Küberl der "Wiener Zeitung". Zwar begrüße er die geplante Einführung der Mindestsicherung, allerdings seien selbst 744 Euro netto pro Monat zu wenig - etwa dann, wenn die Waschmaschine oder die Heizung kaputt wird oder es an warmer Kleidung für den nächsten Winter fehlt. Ungebrochen hoch sei deshalb gerade die Armut in den Familien, erklärt Küberl und übt einmal mehr Kritik an den geplanten Sparmaßnahmen der Regierung. "Die Caritas braucht nicht noch mehr Arme", so sein Appell an die Politik.

Ein Indiz dafür, dass es oft gerade in Familien mit Kindern am Nötigsten fehlt, ist der große Andrang bei den Armenküchen und Essensausgabestellen der Caritas. So werden beispielsweise einmal in der Woche in der Pfarre Erlöserkirche im 23. Bezirk gegen einen Kostenbeitrag von einem Euro Lebensmittel wie frisches Obst und Gemüse, Brot, Mehl, Zucker, Teigwaren und Konserven an (registrierte) Bedürftige ausgegeben. "Ich habe eine 13-jährige Tochter, ich brauche das dringend", sagt eine Pensionistin, als sie im dichten Gedränge die Produkte in eine Tasche räumt. Dass auch zahlreiche Migranten in die Pfarre kommen, stört die 53-Jährige nicht. Ihre Sorge gilt vielmehr jenen Menschen, die alt oder bettlägrig sind und nichts abholen können: "Die sind schlimmer dran", sagt sie.

Taschen aus Zeltplanen

Dabei kommen die 400 ehrenamtlichen Mitarbeiter der Caritas, die den Bedürftigen in den insgesamt zehn Ausgabestellen in Wien Lebensmittel und Orientierung, also Sozialberatung, anbieten, mit dem großen Andrang ganz gut zurecht. "Wenn nötig, halten wir auch Ware zurück, damit jene Menschen, die später kommen, etwas bekommen", erläutert Bereichsleiterin Irina Gamperl eine Strategie. Wie es dazu kam, dass sie in der Caritas freiwillig mitarbeitet? "Ich unterstütze diese Idee", sagt sie und lobt die Zusammenarbeit mit den Supermarktketten, die der Pfarre unverkäufliche Produkte umsonst zur Verfügung stellen. In Zahlen sind das jährlich immerhin 348 Tonnen Lebensmittel, die in ganz Wien an rund 3700 Haushalte, also etwa 8000 Bedürftige, ausgegeben werden.

Essen, Unterkunft und Geld benötigen nicht nur Mütter und Familien, sondern auch immer mehr Jugendliche, die durch Schulabbruch, Arbeitslosigkeit und Sucht in die Armut abgestürzt sind. Wie dieser Generation, die oft auf der Straße lebt und daher nur schwer in die Gesellschaft und in den Arbeitsmarkt zu integrieren ist, geholfen werden kann, zeigt das erfolgreiche Caritas-Projekt der Taschenwerkstatt "Tagwerk" in der Grazer Innenstadt. Ziel der Betreiber ist es, Jugendliche einen flexiblen Arbeitsplatz in der Schneiderei anzubieten, wo sie aus Lkw- und Zeltplanen Umhängetaschen kreieren. Allein im Jahr 2009 nahmen 71 Jugendliche von dem Angebot Gebrauch.

Derzeit sind im "Tagwerk" zwischen 15 und 20 Jugendliche beschäftigt. Eine von ihnen ist Karo. Gekonnt und mit sicherer Hand bedient die 17-Jährige die Nähmaschine. "Ich hatte keinen Job und bin nach einem Streit mit den Eltern auf der Straße gelandet", sagt sie. Dort habe sie kennengelernt, was es bedeutet, kein Geld zu haben und arm zu sein. Dem "Tagwerk", wo sie pro Tag rund 25 Euro dazuverdienen kann, ist Karo auf jeden Fall dankbar. Dankbar ist sie aber auch den Käufern ihrer Taschenkreationen: "Wenn ich auf der Straße gehe und ich sehe, da trägt da jemand meine Tasche - das ist das Größte!"