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"Brauchen sehr viel psychologische Hilfe"

Von WZ-Korrespondentin Christine Zeiner

Politik

Die Bürger Berlins setzen nach der Todesfahrt eines Lkw, die in die Stadt eine Wunde gerissen hat, auf Zusammenhalt.


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Berlin. Der deutsche Bundespräsident ist tief bewegt. Am Mittwochvormittag steht er bei null Grad in der Kälte vor dem Berliner Virchow-Klinikum, um ihn herum Ärzte des Spitals. Auch hier werden Menschen versorgt, die der Anschlag am Montagabend vor der Gedächtniskirche getroffen hat.

Joachim Gauck besuchte Verletzte, darunter auch einen Helfer. "Der Mann wurde verletzt, weil er geholfen hat. Wäre er am Rand stehen geblieben und hätte Handy-Aufnahmen gemacht, wäre ihm nichts passiert", sagt Gauck betroffen. "Er ist in das Chaos hineingestürzt, hat links und rechts Menschen sterben sehen und hat geholfen." Während dieser Hilfe habe ihn ein herabstürzender Balken schwer verletzt. Mit seinem Besuch wolle er die Betroffenen spüren lassen, dass sie nicht alleine seien und Menschen im ganzen Land auf ihre Genesung hofften, sagt Gauck.

Vier Patienten werden im Virchow-Klinikum behandelt. Schwere Verletzungen der unteren Gliedmaßen und im Beckenbereich seien die häufigsten Verletzungen, berichtet der ärztliche Direktor, Ulrich Frei. "Wir haben den Eindruck, dass die Patienten sehr viel psychologische Hilfe brauchen." Sie würden am zweiten Tag nach dem Anschlag mit dem Ereignis ringen, das plötzlich und schlicht unverständlich da gewesen sei.

Wichtiger Faktor: Zeit

"Es wird noch lange dauern, bis jene, die mit der Psyche der Menschen arbeiten, ähnliche Erfolge sehen wie Chirurgen", sagt Gauck. "Das ist bei traumatisierten Menschen sicher so", bestätigt ein Psychologe und Therapeut, der in der psychiatrischen Abteilung eines großen Berliner Spitals arbeitet. "Fachlich gesehen braucht es Zeit, um zu sagen, ob es sich um ein Trauma handelt oder eine akute Belastungsreaktion." Wenn sich nach einigen Wochen immer noch deutliche Beschwerden zeigen, spreche man von einer "posttraumatischen Belastungsstörung". Dazu zählen quälende Erinnerungen, Albträume, Unruhe, emotionale Taubheit, innere Leere, Hilflosigkeit, Ängste, Schreckhaftigkeit, Vermeidungsverhalten. Flashbacks sind möglich - plötzlich einschießende innere Bilder, die auch durch Kleinigkeiten ausgelöst werden können, durch den Anblick eines Lkw zum Beispiel, eines Christbaums oder durch den Geruch von Glühwein oder Weihnachtskeksen.

Klinik-Teams üben Ernstfall

Mehr als 20 Berliner Krankenhäuser nahmen am Montagabend die Verletzten auf und kümmerten sich um die Angehörigen. Ärzte und Psychologen, die eigentlich schon frei hatten, wurden wieder in die Spitäler gerufen. Die Teams der psychiatrischen Abteilungen stellten in Windeseile auch Tee, Kaffee und Beruhigungsmittel für Betroffene bereit.

Katastropheneinsätze wie dieser werden regelmäßig in den Kliniken trainiert. Laiendarsteller spielen dabei auch Angehörige, die von den Psychiatern und Psychologen betreut werden. "Wir müssen schließlich wissen, was zu tun ist, wenn auf einen Schlag sehr viele Menschen eingeliefert werden", sagt der Berliner Psychologe. Er selbst wolle trotz des Anschlags möglichst gelassen bleiben. "Natürlich bin ich sehr berührt", sagt er. "Ich versuche für meine Mitmenschen da zu sein und hoffe, ihnen Trost und Zuversicht geben zu können."

"Es ist wichtig, dass man nicht allein bleibt", sagt Ulrike Trautwein. Die Generalsuperintendentin für den Sprengel Berlin der evangelischen Kirche hatte am Dienstagabend auch am Gedenkgottesdienst am Breitscheidplatz teilgenommen. Einen Abend davor tötete hier auf dem Weihnachtsmarkt ein Sattelschlepper zwölf Menschen.

"Eine Wunde in der Stadt" steht auf den ausgelegten Zetteln mit den Liedern für den Gottesdienst. 800 Menschen sind in der Gedächtniskirche, viel mehr wollten hinein und fanden keinen Platz mehr. Auch die Spitzenpolitik ist gekommen, neben Bundespräsident Gauck, Kanzlerin Angela Merkel und Berlins Bürgermeister Michael Müller etliche Bundes- und Landesminister, Ministerpräsidenten und Abgeordnete des Bundestages und der Landesparlamente. Zwölf Kerzen brennen auf dem Altar. Davor stehen katholische, evangelische, orthodoxe, jüdische und muslimische Geistliche.

"Wir geben dem Terror nicht dadurch recht, dass wir uns entzweien lassen, nur weil wir in verschiedenen Kulturen leben", sagt Bischof Markus Dröge. Der Imam Ferid Heider will ein "klares und deutliches Zeichen" setzen, "dass uns Hass, Terror und Gewalt nicht auseinanderbringen können". Und Bürgermeister Müller sagt: "Juden, Christen und Muslime gehören zu dieser Stadt."

Schweigeminute im Stadion

Auch vor die Kirche sind Muslime gekommen: Man sieht dutzende T-Shirts, auf denen "Muslime für Frieden" steht und ein Plakat mit den Worten "Ich bin Muslim, kein Terrorist". Etliche halten Kerzen in den Händen. Auf Twitter kann man unter dem Hashtag "Muslime gegen Terror" von der großen Bestürzung vieler Menschen lesen.

"Wir sind tief betroffen", sagt auch der Geschäftsführer des Berliner Fußballclubs Hertha BSC, Michael Preetz. Unter verschärften Sicherheitsbedingungen und mit einer Schweigeminute begann Mittwochabend im Berliner Olympiastadion das letzte Match der deutschen Bundesliga in diesem Jahr, Hertha gegen Darmstadt 98. Dass das Spiel stattfand, so Preetz, sei "ein Zeichen, dass wir nicht vor dem Terror in die Knie gehen".