Zum Hauptinhalt springen

"Bräuchten dann kein Visum mehr"

Von Mathias Ziegler

Europaarchiv

Die multikulturelle Gesellschaft ist in Wien längst verwirklicht. Hinter der jugoslawischen ist die türkische die zweitgrößte Gemeinschaft in Wien: Derzeit leben in der Bundeshauptstadt rund 40.500 türkische Staatsbürger, von denen jährlich 2.300 bis 4.600 eingebürgert werden. Viele von ihnen blicken einem möglichen EU-Beitritt der Türkei mit Freude entgegen.


Das Erscheinungsbild der Eingangshalle in der Lugner City ist derzeit von roten Fahnen mit Halbmond geprägt: Seit Montag bietet dort nämlich die "Interkulturelle Woche" neben Politikbegeisterten auch Kulturinteressierten die Möglichkeit, sich mit dem Thema Türkei auseinander zu setzen. Türkisches Folklore und die gängigen Klischees werden im Lugnerschen Einkaufstempel allerdings kaum geboten - vielmehr wird das Bild einer säkularisierten Türkei vermittelt. Ganz diesem Bild entsprechen auch die Standbetreuer: Durchwegs junge Türken der zweiten Generation oder Studenten, die hier in Österreich studieren.

So verrät bei Esra nur der Teint, dass sie aus dem Süden Europas stammt. Die 25-Jährige kam vor drei Jahren nach Wien, "um nach meinem abgeschlossenen Studium in der Türkei an der Wiener Wirtschaftsuniversität weiter zu studieren, weil es die drittbeste in Europa ist". Danach möchte sie wieder in ihre Heimat zurückkehren, wo ihre Familie lebt. Den Schritt nach Österreich hat Esra nicht bereut: "Es ist nicht besser oder schlechter. Natürlich gibt es kulturelle Unterschiede, aber die bestehen ja selbst zwischen Österreich und der Schweiz".

Außerdem, meint sie, gebe es sogar innnerhalb der Türkei gewisse Mentalitätsunterschiede. "Während sich die meisten Städter als Europäer fühlen, ist man am Land eher Anatole". Daher könne auch ein Großteil der ländlichen Bevölkerung kaum etwas mit der Diskussion über einen möglichen EU-Beitritt anfangen. Für Auslandstürken brächte er allerdings zahlreiche Vorteile, ist sie überzeugt: "Vor allem bräuchten wir dann kein Visum mehr, sondern könnten uns in Europa frei bewegen."

Teure Uni, keine Arbeit

Auch Murat (23) würde von einer EU-Staatsbürgerschaft profitieren - dann könnte er endlich eine Arbeit annehmen. "Ich bin jetzt seit drei Jahren hier, aber ich bekomme keine Arbeitsgenehmigung", klagt der junge Mann, der vor drei Jahren nach Österreich kam, um zu studieren. Weil er sich die Studiengebühren nicht leisten kann, muss er sich von seinen in Wien lebenden Verwandten unterstützen lassen.

Was ihn aber am meisten bedrückt, sind die vielen Vorurteile, denen sich Zuwanderer aus der Türkei gegenüber sehen. "Anscheinend haben die Menschen in Mitteleuropa immer noch eine gewisse Angst vor dem Osmanischen Reich." Dabei sei die Türkei mittlerweile ein säkularer Staat wie jeder andere in Europa - nur eben islamisch geprägt. Die alten Traditionen würden aber immer mehr aufgebrochen, erklärt Murat: "Meine Mutter trägt nach wie vor ein Kopftuch, meine Schwester hingegen hat noch nie eines getragen."

Der Alltag als Türke sei in Wien jedenfalls nicht immer leicht. Weil man ihm anmerkt, dass er nicht aus Österreich kommt, fühlt sich Murat manchmal bewusst schlechter behandelt: "Unlängst wurde ich als Kunde im Supermarkt von einer Kassierin beflegelt, bloß weil mein Deutsch nicht so toll ist. Sie meinte, mit Türken will sie nichts zu tun haben. Als ich mich dann im Personalbüro deswegen beschwerte, erhielt ich nur ein Schulterzucken als Antwort."

Abgesehen von derartigen alltäglichen Widrigkeiten hat der verhinderte Student insgesamt das Gefühl, dass die Türkei den Europäern generell suspekt sei. "Obwohl wir sonst überall dabei sind - egal ob Song Contest oder Fußball-EM - und uns auch als Europäer fühlen, hängen wir seit bald 40 Jahren in der Warteschleife". Dabei hätten die Beitrittsverhandlungen neben den klaren Vorteilen für die türkische Wirtschaft auch positive Auswirkungen auf die Gesellschaft, glaubt Murat. Die Verbesserung der Menschenrechtslage oder die Lösung der Kurden-Problematik sieht der junge Türke als willkommene Chance zur Weiterentwicklung. "Denn auch die Demokratie ist in meiner Heimat noch nicht stark genug", gibt er offen zu. Weitere 15 Jahre möchte er aber nicht auf den erhofften EU-Beitritt warten: "Man könnte glauben, dass uns die EU eigentlich gar nicht aufnehmen will".

Beste Arbeitskräfte für EU

Dabei würde auch Europa von einer gleichgestellten Türkei profitieren, ist Alper (26) überzeugt: "Immerhin gibt es bei uns viele sehr gut ausgebildete Techniker und Ärzte, die aber in der Türkei keine Arbeit finden. Diese Leute hätten es dann ohne Visumspflicht leichter, auch in Mitteleuropa Arbeit zu finden." Alper selbst lässt seine Zukunft jedenfalls offen. Wenn er sein Forstwirtschafts-Studium in Wien beendet hat, wird er versuchen einen Arbeitsplatz in Österreich zu bekommen und hier eine Familie zu gründen. "Wenn nicht, dann gehe ich in die Türkei zurück."