Zum Hauptinhalt springen

Breite Empörung über Israels Hauszerstörungen

Von Antje Weber Jerusalem

Politik

Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 25 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

· Fassungslos steht der Palästinenser Salim Shawanreh vor den Trümmern seines Hauses. Israelische Planierraupen hatten es Anfang der Woche niedergerissen · zum zweiten Mal

innerhalb weniger Wochen. Sein Haus stand in Anata, einem Dorf im besetzten Westjordanland am Rande Ostjerusalems.

"Die israelischen Soldaten lachten, als sie das Zerstörungswerk der Bulldozer überwachten. Sie konnten nicht glauben, daß ein Israeli sich für einen Palästinenser einsetzt", sagt Jeff Halper aus

Jerusalem, Völkerkunde-Professor und Mitglied der israelisch-palästinensischen "Vereinigung gegen Hauszerstörungen".

Halper hatte versucht, die Zerstörung des Hauses aufzuhalten. Denn erst in den letzten Tagen hatte der Palästinenser, Vater von sechs Kindern, sein Haus unter Mithilfe Halpers wieder aufgebaut. Doch

umsonst. Die israelischen Behörden erklärten, das Haus sei ohne Genehmigung gebaut worden. Shawanreh bestreitet dies nicht.

Kenner wissen, daß Israel den Palästinensern in den besetzten Gebieten so gut wie nie Baugenehmigungen erteilt. Das Wachstum ihrer Bevölkerung und der nach mehr als 30 Jahren israelischer Besatzung

ohnehin knappe Wohnraum zwinge die Palästinenser, ohne Erlaubnis zu bauen.

Bis 1997 lebte die achtköpfige Familie in einem 16 m²-Zimmer. Bereits 1993 hatte sie sich ein Stück Land gekauft. Der Bauantrag wurde abgelehnt. Shawanreh baute dennoch, und im Februar 1997 wurde das

Haus zum ersten Mal zerstört.

Das Schicksal der Familie Shawanreh ist keineswegs einzigartig. Seit dem Sechstagekrieg 1967, in dem Israel u. a. das Westjordanland mit Ostjerusalem und den Gaza-Streifen eroberte, schränkte Israel

palästinensische Bautätigkeit drastisch ein. Der in späteren Jahren rasant einsetzende Auf- und Ausbau jüdischer Siedlungen in dem besetzten Gebiet verdeutlichte schnell die Absicht, die dahinter

steckte: Eine Expansion der palästinensischen Dörfer und Städte sollte verhindert und gleichzeitig Bauland für israelische Siedlungen geschaffen werden.

Trotz internationaler Proteste zerstörten israelische Behörden 1997 249 palästinensische Häuser. Heuer waren es bisher 92. Weitere 1.800 sollen noch abgerissen werden, verlautet es aus

Palästinenserkreisen.

Für Halper ist dies eine "Politik der ethnischen Säuberung". "Es ist vergleichbar mit dem, was die Serben den Kroaten und Moslems angetan haben." Es gebe Versuche, alle Palästinenser aus jenem Teil

des Westjordanlandes, das noch unter israelischer Verwaltung steht, zu vertreiben, um Platz für israelische Siedlungen und Straßen zu schaffen.

Das zur Zeit gültige, aber in vielen Bereichen bisher nicht umgesetzte Interimsabkommen vom September 1995 verbietet Israelis und Palästinensern einseitige Schritte, die die Aussichten auf eine

Verhandlungs-Gesamtlösung des Nahost-Problems trüben könnten. Doch das genau sehen Palästinenser u. a. in den Hauszerstörungen. Für sie · ebenso wie für die UNO-Menschenrechtskommission · bedeuten

die Demolierungen eine Verletzung von Menschenrechten.dpa