Zum Hauptinhalt springen

Brennstoff für den eingefrorenen Konflikt

Von Gerhard Lechner

Politik

Der orthodoxe Kirchenstreit eskaliert. Viele befürchten ein Schisma und eine weitere Eskalation im Ukraine-Konflikt.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 5 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Minsk. Obwohl in der Ostukraine bei Kampfhandlungen immer noch Menschen ums Leben kommen, ist das Interesse am Ukraine-Konflikt in den vergangenen Jahren gesunken. Die Nachrichten von der Front lieferten wenig Neues und keine Seite verzeichnete nennenswerte Geländegewinne. Ein typischer "frozen conflict", ein eingefrorener Konflikt schien sich vielen Beobachtern abzuzeichnen. Am Ende würde im Optimalfall eine Situation wie in Moldawien entstehen, wo die abtrünnige Mini-Republik Transnistrien als Schmugglerparadies ein bescheidenes Eigenleben außerhalb des moldawischen Staates führt.

Doch jetzt wird zwischen Kiew und Moskau eine neue Front eröffnet, die besonderen Sprengstoff in sich trägt. Es geht um die - für westlich geprägte Menschen wenig aufregend klingende - Frage, ob Kiew eine eigene autokephale (unabhängige) ukrainisch-orthodoxe Kirche bekommt, die auch von der Weltorthodoxie anerkannt wird.

Bisher war das nicht der Fall: Seit 322 Jahren ist die Kiewer Metropolie, eine prinzipiell durchaus autonome Kirche, dem Patriarchen von Moskau untergeordnet. Ein Umstand, der vielen ukrainischen Politikern seit Erlangung der Unabhängigkeit 1991 ein Dorn im Auge ist. Politiker wie Ex-Präsident Wiktor Juschtschenko oder das derzeitige Staatsoberhaupt Petro Poroschenko haben sich darum bemüht, dass die Ukraine eine eigene, geeinte orthodoxe Kirche bekommt - und somit auch kirchlich die Bande mit Moskau zerschneidet.

Ende vergangener Woche ist Poroschenko seinem Ziel dabei ein großes Stück nähergekommen. Im April hatte er an den Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel appelliert, eine Entscheidung in der Kirchenfrage herbeizuführen. Bartholomaios I. gilt innerhalb der Orthodoxen Kirchen, die kein dem westlichen Papstamt ebenbürtiges Schiedsrichteramt besitzen, als eine Art Ehrenvorsitzender, als "primus inter pares" - schließlich erfolgte die Christianisierung großer Teile der Orthodoxen Welt ja auch vom einstmals griechisch-byzantinischen Konstantinopel aus.

Keine gemeinsame Kommunion

Lange hatte der Patriarch die Moskauer Lesart unterstützt, wonach der ukrainisch-orthodoxe Metropolit Onufrij, der dem Moskauer Patriarchen Kirill I. unterstellt ist, der einzig legitime Vertreter der Orthodoxie in der Ukraine ist. Doch spätestens Ende vergangener Woche wendete sich das Blatt: Der Heilige Synod des Patriarchats von Konstantinopel beschloss, den bisher von der Orthodoxie als schismatisch betrachteten Kiewer Patriarchen Filaret und auch das Oberhaupt der nicht anerkannten ukrainischen autokephalen Kirche, Metropolit Marakij, in ihre kanonischen Rechte einzusetzen. Weiters soll eine Art Vereinigungskonzil, das einen Patriarchen wählen soll, die Voraussetzungen für eine eigenständige, autokephale ukrainisch-orthodoxe Kirche schaffen.

Filaret und Makarij waren von der Moskauer Mutterkirche, der sie einst angehörten, in den 1990er Jahren exkommuniziert und laisiert worden. Der Grund: Filaret hatte sich von Moskau losgesagt und ein eigenes Patriarchat begründet. Die Mehrzahl der Geistlichen und Gläubigen folgte ihm aber nicht auf diesem Weg. Schätzungen zufolge blieben etwa zwei Drittel der orthodoxen Gläubigen in der Ukraine Anhänger des Moskauer Patriarchats. In den vergangenen Jahren sollen aber - im Zuge des Dauerkonflikts mit Moskau - viele Geistliche und Gläubige zu Filarets Kiewer Patriarchat gewechselt sein.

Nun hat die Russisch-Orthodoxe Kirche auf ihrer Synode in Minsk beschlossen, jeden Kontakt mit dem Patriarchat von Konstantinopel abzubrechen. Priester beider Kirchen sollen keine Gottesdienste mehr gemeinsam feiern und russisch-orthodoxe Gläubige keine Kommunion aus den Händen der Kirche von Konstantinopel empfangen. Die Maßnahmen gelten als eine Art Vorstufe zu einem Schisma in der Weltorthodoxie - denn die Russisch-Orthodoxe Kirche gilt innerhalb der Orthodoxie als größte und mächtigste Kirche.

Angst vor "Papismus"

Wird es aber wirklich zu einem Schisma ähnlich dem zwischen West- und Ostkirche im Jahr 1054 kommen? "Da muss man vorsichtig sein", betont Erich Leitenberger von der katholischen Stiftung Pro Oriente. "Gemessen daran, dass es Vorschläge gab, den Patriarchen von Konstantinopel zu exkommunizieren, ist das Schreiben der Russischen Orthodoxie sehr zurückhaltend formuliert." Man müsse jetzt die Reaktionen der Weltorthodoxie abwarten. "Die Russisch-Orthodoxe Kirche hat sich an alle autokephalen Orthodoxen Kirchen gewandt mit der Bitte, die Sache zu beurteilen", sagte der Ostkirchen-Experte der "Wiener Zeitung".

Und die Chancen für Moskau stehen gar nicht einmal so schlecht. Denn: "Innerhalb der Orthodoxie befürchtet man, dass der Patriarch von Konstantinopel Jurisdiktionsrechte beansprucht, die mit denen des Papstes im Westen vergleichbar sind. Das wird dann als ,Östlicher Papismus‘ bezeichnet und als scharfer Widerspruch zu den Prinzipien der Orthodoxie empfunden", analysiert Leitenberger. "Man will keinen zweiten Vatikan." Der Ostkirchen-Experte weist auch darauf hin, dass es Bemühungen beider Seiten gibt, im Gespräch zu bleiben. "Gerüchten zufolge soll der Patriarch von Alexandrien, Theodoros II., Vermittlungsversuche unternehmen und nach Konstantinopel und Moskau reisen", sagt Leitenberger. Theodoros, der in Odessa studiert hat, ist in der Ukraine bestens vernetzt.

Die Person Filaret ist für das Moskauer Patriarchat ein rotes Tuch. Der heute 89-Jährige war einst Metropolit von Kiew, bestens mit dem Sowjet-Geheimdienst KGB vernetzt und aussichtsreicher Kandidat auf den Patriarchenthron von Moskau. Bald nach der Wahl seines Konkurrenten Alexei zum Patriarchen 1990 und der staatlichen Unabhängigkeit der Ukraine sagte er sich von Moskau los und gründete 1992 sein eigenes Patriarchat.

Das hatte Folgen: Es kam unter Gläubigen und auch unter Popen und Mönchen zu wenig christlich anmutenden heftigen Auseinandersetzungen um den Besitz von Kirchen und Klöstern. Mitunter wurde der Streit auch körperlich ausgetragen. Das könnte auch jetzt passieren. Filaret hat immer wieder die Forderung erhoben, dass die beiden Hauptheiligtümer der Ukraine, das Höhlenkloster in Kiew und die Lawra im westukrainischen Potschajiw, ihm unterstellt werden müssten. Sollte er zum autokephalen Patriarchen gewählt werden, hätte er dafür starke Argumente.

Kampf um Heiligtümer

Es ist aber kaum vorstellbar, dass das Moskauer Patriarchat das Höhlenkloster, das mit den mythischen Ursprüngen Russlands wie der Ukraine verbunden ist, kampflos preisgibt - ebenso wie den Anspruch auf das Gebiet der "ganzen Rus" unter Einschluss der Ukraine. Russlands Außenminister Sergej Lawrow vermutete eine Intrige der USA hinter dem Schritt Konstantinopels. Sollte das Moskauer Patriarchat das Kiewer Höhlenkloster und Potschajiw, die orthodoxe Bastion in der katholisch geprägten Westukraine, aufgeben müssen, ist wohl mit gröberen politischen Verwerfungen zu rechnen. Die Heiligtümer haben für das Selbstverständnis Russlands - aber auch der Ukraine - einen hohen Wert. Die ukrainische Polizei kündigte an, Kirchenstürmungen radikaler Nationalisten verhindern zu wollen.