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"Brics - eine Geschichte der letzten Dekade"

Von Veronika Eschbacher

Wirtschaft

Emerging-Market-Guru Ruchir Sharma sieht den Glanz der Brics-Staaten verblassen.


Von den gut 200 Staaten der Welt werden nur 35 als Industrieländer eingestuft. Mittlerweile tragen die Schwellenländer immerhin vierzig Prozent zur Weltwirtschaft bei. In der letzten Dekade konnten vor allem die Brics-Länder (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) wirtschaftlich aufholen und haben wegen ihrer überdurchschnittlichen BIP-Wachstumsraten bei Investoren für Furore gesorgt. Geht es nach Ruchir Sharma, dem Leiter der Schwellenländer-Abteilung bei der US-Großbank Morgan Stanley in New York, haben die Länder vor allem von einem Boom mit perfektem Rückenwind - billigem Kredit und einer starken Zunahme des globalen Handels - profitiert. Doch für die Zukunft sieht Sharma ihren Glanz verblassen. Warum das so ist und wer die neuen Hoffnungsländer für Investoren sind, erklärt er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

"Wiener Zeitung": Sie zählen seit längerem zu den größten Kritikern der Brics-Staaten. Bei Ihrem Vortrag in Wien nannten Sie diese eine "Geschichte der letzten Dekade". Sind die Brics wirklich tot?Ruchir Sharma: Nun, ich finde nicht, dass sie tot sind, aber sie alle enttäuschen in Bezug auf die sehr hohen Erwartungen, die alle an sie haben. Mit Sicherheit ist aber das Brics-Konzept jetzt passé, also dass man einfach Länder zu ausgefallenen Akronymen zusammenwürfelt. Man kann heute Schwellenländer nicht mehr zusammen betrachten und von ihnen als gesichtsloser Einheit sprechen. Man muss jedes Land vom anderen unterscheiden.

Über das letzte Jahrzehnt haben wir den unglaublichen wirtschaftlichen Aufstieg Chinas beobachtet. Wie gefährlich ist das hohe Schuldenniveau Chinas? Wird das Land dies in den Griff bekommen?

Der Schuldenanstieg in China über die letzten fünf Jahre beunruhigt mich wirklich. Wenn es einen einzigen Indikator für Krisen auf der Welt gibt, dann sind es Schulden. Ich persönlich bin nicht überzeugt davon, dass China diese managen kann. Hier ist es momentan das Wichtigste, dass die Chinesen realisieren, dass sie nicht mehr um 7 oder 8 Prozent jährlich wachsen sollen, denn wenn sie das versuchen, dann führt das zu vielen ungesunden Exzessen in der chinesischen Wirtschaft.

China versucht bereits, sein Wirtschaftsmodell umzustellen, weg von Exporten, hin zum Binnenkonsum. Welche "Übergangsschmerzen" sind dadurch global zu erwarten?

Am allermeisten werden die Rohstoffpreise davon betroffen sein. Wenn China langsamer wächst und das Wachstum mehr in Richtung Konsum geht und weniger in Investitionen, dann wird die Nachfrage nach Rohstoffen unweigerlich sinken. Gleichzeitig aber sind das Angebot an Rohstoffen und die Investitionen in die Rohstoffgewinnung sehr stark angestiegen - das ist für die Rohstoffe natürlich eine Verkettung unglücklicher Umstände.

Der Rohstoffboom ist also vorbei?

Ich denke ja.

Indien wird von Analysten aktuell gerne als schwächstes Brics-Land eingestuft. Wie sehen Sie die Entwicklung des Subkontinents?

Zu den meisten Ländern habe ich ja eine eindeutige Meinung. Ich bin negativ eingestellt, wenn es um Russland oder Brasilien geht, auch ein wenig bei China. Positiv wiederum sehe ich die Philippinen, Thailand, aber auch Kolumbien und Peru. Das einzige Land, bei dem ich wirklich eine gemischte Meinung habe, ist Indien. Ich sehe einfach, dass Indien sehr viele Seiten hat. Die positiven Seiten sind etwa, dass es heute sehr dynamische Ministerpräsidenten der indischen Bundesstaaten gibt. Das Land ist ein sehr diverser Markt - einer der vielen Sektoren schneidet immer gut ab. Die negative Seite bleibt, dass Indien nicht so gut bei der Umsetzung von Vorhaben ist, das Land nicht so wachstumsorientiert ist und das Haushaltsdefizit ein wenig außer Kontrolle scheint.

Wenn also die Dekade der Brics und der Rohstoffe vorbei ist, was ist in diesem Jahrzehnt "heiß"?

Was wir bisher sehen können, ist die Rückkehr der Technologie. Deswegen schlägt sich auch die amerikanische Wirtschaft besser und auch in den Schwellenländern sehen wir, dass der Technologiesektor Ländern wie etwa Korea oder Indien hilft. Der Fokus geht allgemein momentan weg von Rohstoffen in Richtung Technologie, Pharmazie, Konsum und Gesundheitswesen.

In einer Anekdote haben Sie erzählt, dass Sie 2011 ein junger Inder, als Sie sich als Investor zu erkennen gegeben haben, meinte, es wäre logisch, dass Sie in Indien wären - denn "wohin sonst würde das Geld gehen". Wohin fließt es heute?

Das Geld geht in verschiedenste Länder, etwa die Philippinen oder Thailand, generell mehr nach Südostasien. Wir sehen auch Anzeichen dafür, dass vermehrt Geld in die USA zurückfließen wird. Auch in Japan beobachten wir ein Revival - über das letzte Jahr floss viel ausländisches Kapital in japanische Anlagewerte. Und wenn ich mit Investorenkollegen spreche, finden diese die besten Gelegenheiten in Europa, weil dort reale Werte geschaffen werden. Generell fließt momentan mehr Geld in die entwickelte Welt als in die Schwellenländer.

Die Gesamtgeldmenge wird wohl bald weniger werden. Was wird passieren, wenn die US-Notenbank Fed ihre Anleihenkäufe zurückfährt?Meiner Meinung nach ist das seit diesem Sommer schon eingepreist, den Schock haben wir schon gespürt. Bestimmte Währungen von Schwellenländern werden natürlich, wenn es wirklich so weit ist, weiter an Wert verlieren. In Ländern wie der Türkei oder Südafrika, die ein Leistungsbilanzdefizit von mehr als fünf Prozent aufweisen, wird der Währungsverfall viel stärker sein. In anderen Ländern hingegen, wie etwa Indien, Indonesien oder Brasilien wird die Währung verlieren, aber nicht so stark.

Sie haben in Ihrem Vortrag Polen als das Zugpferd Osteuropas genannt. Was kann Polen besser als die anderen Länder der Region?

Die Währung ist sehr kompetitiv, das Land hat qualifizierte Arbeitskräfte, die Lohnkosten sind vor allem im Vergleich mit den Nachbarländern wettbewerbsfähig. Das Leistungsbilanzdefizit war sehr hoch, ist aber stark gesunken; gleichzeitig tritt Warschau als der Finanzhub von Osteuropa hervor. All diese Faktoren zusammen machen Polen zu einem ziemlich guten Ort. Ich glaube ganz Ost- und Zentraleuropa musste während der Krise Federn lassen, aber sie haben dadurch auch manche Sachen berichtigt und jetzt, wo Europa aus der Krise kommt, schrumpft auch ihr großer Wachstums-Bremsklotz - die gesunkenen Exporte.

Welches Land würden Sie österreichischen Firmen empfehlen?

Polen wäre ein sehr logisches Investment. Ich weiß, dass in Österreich jede Menge Trübsinn herrscht, weil man erst so optimistisch über Zentral- und Osteuropa war und dort viel investiert hat, vielleicht manche wohl auch erst spät im Zyklus eingestiegen sind - und dann kam der Crash. In diesem Stadium würde ich aber sagen: Geben Sie die Region nicht auf. Gegenwärtig scheint sie das Schlimmste hinter sich zu haben und Länder wie Polen oder sogar Rumänien könnten ein Revival erleben. Jetzt ist die Zeit, dranzubleiben.

Ruchir Sharma ist Leiter der Schwellenländer-Abteilung bei Morgan Stanley Investment Management, wo er ein Vermögen von rund 25 Milliarden Dollar verwaltet. Er ist bekannt für seine Kritik an den Brics-Ländern und hat dies auch seinem im Jahr 2012 erschienenen Bestseller "Breakout Nations" ausführlich dargelegt. Sharma war Keynote-Speaker bei der Brics-Konferenz, die im Zuge der "go international" Exportoffensive von der Wirtschaftskammer Österreich veranstaltet wurde.