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Bringt die Impfpflicht das Ende des Genesen-Status?

Von David Stadelmann

Gastkommentare
David Stadelmann ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth, Fellow am Center for Research in Economics, Management and the Arts (CREMA), Fellow am Centre for Behavioural Economics, Society and Technology (BEST), Fellow am Institute for Research in Economic and Fiscal Issues (IREF), Fellow am Ostrom Workshop (Indiana University) sowie Mitglied des Walter-Eucken-Instituts. privat

Gute Politik wägt möglichst alle Kosten und Nutzen von Maßnahmen ab.


Eine Impfpflicht kann Vorteile bringen, birgt aber auch Gefahren. Neben einem Radikalisierungspotenzial bietet sie den Impfskeptikern wenigstens drei Reaktionsmöglichkeiten: sich impfen lassen, Strafe zahlen oder Selbstansteckung.

Je höher die Strafen ausfallen, desto attraktiver werden die anderen beiden Optionen. Selbstverständlich ist die Infektion um ein Vielfaches riskanter als eine Impfung. Dieses Faktum überzeugt viele Impfverweigerer aber nicht. Insofern steigt bei einer Impfpflicht insbesondere der Anreiz zur Selbstansteckung.

Dieser existiert spätestens seit der Ankündigung der Impfpflicht und könnte die hohen Fallzahlen miterklären. Viele sind bereit, bei Strafen bis 3.600 Euro deutlich höhere Krankheits- und Sterberisiken einzugehen, als ihnen bei einer Infektion drohen. Manche junge, gesunde Menschen tun dies bereits freiwillig, indem sie rauchen oder Motorrad fahren.

Das Verhalten einiger Politiker - insbesondere aus der Opposition - kann wenigstens implizit dazu verleiten anzunehmen, die betreffenden Personen hätten den Weg der Selbstansteckung bereits gewählt. Und wenn anderenorts behauptet wird, spätestens mit Ende des Winters wären alle "entweder geimpft, genesen oder gestorben", dann macht es bei Ablehnung der Impfung Sinn, sich sofort anzustecken, um dem Lockdown für Ungeimpfte zu entgehen.

Zuletzt dürften manche Genesene, die noch über ein hohes Niveau von Antikörpern verfügen, aber deren Zertifikat abgelaufen ist, eine natürliche Boosterung durch Kontakt mit dem Erreger suchen. Gleiches gilt auch in Zukunft für einige, deren Impf- oder Genesenen-Zertifikat abzulaufen droht: Die Selbstansteckung erneuert die Zertifikatslaufzeit. Die Gefahr der völlig wilden Selbstansteckung wegen einer Impfpflicht kann auf drei Arten verhindert werden:

Auf die allgemeine Impfpflicht wird doch noch verzichtet, und die Pflicht wird höchstens für Risikogruppen und Pflegekräfte angestrebt, um den Nutzen hoch, aber die Kosten möglichst klein zu halten.

Strafen für Selbstansteckung fallen zur Abschreckung massiv höher aus als jene bei Impfverweigerung. Da das Virus jedoch breit in der Bevölkerung umhergeht, ist die Beweisführung, ob sich jemand tatsächlich absichtlich angesteckt hat, im Grunde unmöglich.

Die natürliche Immunität durch Genesung wird politisch negiert. Das ist zwar einer Verdrehung der Fakten, da die Genesung vermutlich sogar einen besseren Schutz als die Impfung bietet. Allerdings hat die Politik bereits Erfahrung damit, die natürliche Immunität zu leugnen, denn es hat mehr als ein Jahr seit Beginn der Corona-Krise gedauert, bis Zertifikate in Form von Grünen Pässen für Genesene oder Geimpfte eingeführt wurden. Dadurch wurden die Genesenen lange ohne irgendeine Entschädigung diskriminiert und die Krise verschlimmert.

Da Corona neben der Krankheit (gegen die es eine Impfung gibt) zunehmend auch zum Politikum mutiert ist, dürfte politisches Gefühl das eigentlich notwendige Kalkül von Kosten und Nutzen verdrängt haben. Daher könnte die allgemeine Impfpflicht bald auch ein Ende der Genesung als Status mit sich bringen.