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Britanniens Brexit-Baisse

Von Thomas Seifert

Leitartikel
Thomas Seifert.

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40 Wochen ist es nun her, dass die Briten sich in einem Referendum mit knapper Mehrheit für den Austritt aus der Europäischen Union ausgesprochen haben. Am Mittwoch wurde der Scheidungsbrief der britischen Premierministerin Theresa May dem EU-Ratspräsidenten Donald Tusk übergeben.

Mit welcher Begeisterung sich May den Brexiteers an den Hals geworfen hat, ist atemberaubend: Ihre politische Linie ist seit dem Referendum so, als läge ganz Großbritannien in einem einhelligen, euphorischen Brexit-Taumel. Dabei haben doch ganze 48,1 Prozent beim Referendum für einen Verbleib des Vereinigten Königreichs bei der EU gestimmt.

Zuletzt hat May sich ein wenig nachdenklicher gegeben, in ihrer Rede im Unterhaus musste sie am Mittwoch auch eingestehen, dass der EU-Austritt negative Konsequenzen haben wird.

Für die EU gibt es nämlich wenig Grund, den Briten entgegenzukommen. Den EU-Mitgliedsländern ist eines klar: Wenn jeder einfach so etwa die Mitgliedschaft im Fitnessklub stornieren und mir-nix-dir-nix weitertrainieren kann, dann löst niemand mehr eine Klubkarte.

Ein "superharter Brexit", wie ihn einige konservative antieuropäische Fundamentalisten wollen, wäre für die EU zwar höchst unangenehm, für die Briten aber eine ausgewachsene Katastrophe. Die arrogante Autosuggestion der Brexiteers, die anderes behaupten, ist verwegen.

Diese Leute verschweigen: Was, wenn Post-Brexit-London seine Rolle als Finanzdienstleistungszentrum Europas einbüßt? Denn je härter der Brexit wird, desto weniger Spielraum werden die Europäer den Londoner Geldhäusern lassen, wenn das so kommt, droht eine Baisse.

Die zweite unbequeme Wahrheit: Solange der Umfang des Zugangs zum europäischen Binnenmarkt nicht geklärt ist, braucht es schon Wagemut, um nicht zu sagen halsbrecherischen Leichtsinn, auch nur einen Cent in Großbritannien zu investieren. Drittens: Wie will eine Insel, die in einen isolationistischen Furor verfällt und die Zugbrücken hochzieht, im Konkurrenzkampf um die besten Köpfe bestehen?

Ratspräsident Tusk sagte, als er den Brexit-Brief in Empfang nahm: "Ich werde nicht so tun, als sei ich glücklich darüber." Noch weniger Grund, den 29. März 2017 als Feiertag im Kalender einzutragen, besteht in Downing Street Number 10. Der Brexit stößt Britannien ins Ungewisse.