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Britischer Stil

Von Walter Hämmerle

Leitartikel

Am Donnerstag sind die Bürger Großbritanniens aufgerufen, ein neues Parlament zu wählen. Keine leichte Aufgabe mitten in einer tiefen Krise, die auch das lieb gewonnene Selbstbild der Briten arg in Mitleidenschaft gezogen hat.


Doch wie die Briten diesen Wahlkampf geführt haben, muss jedem kontinentaleuropäischen Beobachter Respekt abringen. Politiker-Debatten verkommen in Österreich regelmäßig zu einer Karikatur eines von Sachargumenten geleiteten Gesprächs. Wie von einem anderen Demokratie-Stern erschienen dagegen die britischen TV-Duelle der Spitzenkandidaten von Labour, Tories und Liberaldemokraten: Rhetorisch sattelfest, bestechend sachlich und über weite Strecken ausgesprochen fair warben Gordon Brown, David Cameron und Nick Clegg live im TV um die Stimmen der Bürger.

Die Rolle der Journalisten beschränkte sich bei diesen Debatten wohltuend auf jene von neutralen Schiedsrichtern, frei von eitler Selbstinszenierung. Und dass ausgewählte Bürger die Fragen an die Spitzenpolitiker richteten, stellte sicher, dass über die wirklichen Probleme des Landes diskutiert wurde. Irgendwelche Phantom-Themen aus den Kampagnenräumen der Partei-Strategen, wie sie in Österreich so häufig die Wahlkämpfe dominieren, spielten dagegen keine Rolle.

Fast zumindest. Dass dem kleinen Fauxpas von Gordon Brown, als er - unbedacht eines eingeschalteten Mikrofons - gegenüber einem Mitarbeiter einer kritischen Wählerin "Engstirnigkeit" attestierte, in der medialen Aufbereitung fast schon Wahlkampf-entscheidende Bedeutung zugemessen wurde, rief dann doch die Erinnerung an die berühmt-berüchtigte britische Revolver-Presse wieder zurück ins Bewusstsein. Um diese muss man die britische Demokratie wirklich nicht beneiden. Um die Diskussionskultur im TV jedoch sehr wohl.

Nach Wahlschluss wird dann auch feststehen, ob es den von Beobachtern und Kommentatoren hochgejubelten Liberaldemokraten tatsächlich gelingt, das Zwei-Parteien-System auf der Insel zu sprengen. Oder ob es sich dabei nicht doch eher um eine Variante des hiesigen Grünen-Phänomens handelt: Hochfliegend in den Umfragen, ernüchternd bei den Wahlergebnissen.