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Bronzezeitliche Neurochirurgie

Von Eva Stanzl

Wissen
Skizze der Fundstelle (links), Foto und Skizze der Knochen der beiden Brüder.
© Kalisher et al.

Skelette in Megiddo zeigen Schäden durch schwere Infektionskrankheit - Schädeloperation sollte retten.


Horror oder beeindruckend früher Fortschritt? Die Neurochirurgie ist älter, als man vielleicht vermuten möchte. Bereits vor 12.000 Jahren öffneten Fachkundige Schädeldecken durch Bohren, um Eingriffe im Inneren vorzunehmen - der Name der Operation war "Trepanation". Ein Team mit österreichischer Beteiligung bereichert die Kenntnisse über bronzezeitliche Neurochirurgie um einen detailreich dokumentierten Fund, der zugleich Aufschluss über die damalige Krankenversorgung gibt.

Die sterblichen Überreste zweier Brüder wurden in einem Grab in der bronzezeitlichen Stadt Megiddo gefunden. Erbgutanalysen weisen den Verwandtschaftsgrad nach. Die Männer waren bis auf die Knochen von Krankheit und Entwicklungsstörungen gezeichnet. Nicht einmal eine Schädeloperation konnte den Älteren retten, berichten die Forschenden im Fachjournal "Plos One".

Megiddo ist eine bedeutende Fundstätte aus der Zeit des biblischen Israel mit Tempeln, Palästen und Festungen. Der Handelsplatz kontrollierte vor 4.000 Jahren die Landverbindung zwischen Ägypten, Syrien, Mesopotamien und Anatolien. Das Brüderpaar lebte im 15. Jahrhundert vor Christus im Bereich des Palastes, berichtet Rachel Kalisher vom Joukowsky Institut für Archäologie der Brown University in New York, die die Analyse der Knochen leitete. Sie geht davon aus, dass die beiden Männer zur Elite und möglicherweise sogar zur Königsfamilie gehörten.

Eine würdevolle Bestattung bedeutete vor rund 3.500 Jahren in dieser Region, dass die Verstorbenen zusammen mit Nahrungsmittel-Opfergaben, edler zypriotischer Keramik und Wertgegenständen unter dem Fußboden in dem Haus begraben wurden, in dem sie gelebt hatten, sagt Mario Martin vom Institut für Alte Geschichte der Universität Innsbruck zur "Austria Presse Agentur". Martin, von 2016 bis 2022 Ko-Direktor der Ausgrabungen in Megiddo, geht davon aus, dass diese "recht eigenartige Tradition" mit Ahnenkult und Besitzansprüchen zu tun hatte.

Die Brüder erhielten medizinische Behandlungen, die den meisten anderen Bürgern nicht zugänglich waren. Die Knochen des Älteren waren unter der Erde als intaktes Skelett angeordnet, jene des Jüngeren chaotisch aufgehäuft. Daraus schließen die Archäologen, dass der Jüngere ein bis drei Jahre vor seinem großen Bruder gestorben und anderswo begraben worden war, um nach dem Tod des Älteren exhumiert und gemeinsam mit ihm in einer Ecke des Hauses bestattet zu werden.

Der ältere Bruder war zwischen 21 und 46 Jahre alt, als er starb. Abbauerscheinungen an der Deckknochenschicht in den Augenhöhlen verraten, dass er als Kind an Anämie oder Mangelernährung litt, erklärt Kalisher. Die Hälften seines vorderen Schädelknochens waren nicht komplett zusammengewachsen, im rechten Oberkiefer hatte er einen zusätzlichen Mahlzahn. Ein Großteil seines Stützapparates war wohl von andauernden Entzündungen angegriffen. Knochenauflösung machte das Skelett porös, die Knochenhaut war durch entzündliche oder degenerative Prozesse verhärtet. Unter anderem Lepra, Tuberkulose und Syphilis "können solch ein Erscheinungsbild an den Knochen hinterlassen", erklärt Kalisher.

Ein Fall von Operation gelungen, Patient tot

Kurz vor seinem Tod unterzog sich der ältere Bruder einer Trepanation. Im Vorderschädel klafft ein quadratisches Loch von gut drei Zentimetern Seitenlänge. Der Schädel sei offenbar chirurgisch geöffnet worden, etwa um übermäßigen Druck auf das Gehirn zu lindern oder eine gesundheitliche Verschlechterung aufzuhalten.

Die Operation habe eine erfahrene Person mit großer Präzision durchgeführt, so Kalisher. Allerdings sei nicht klar, wogegen genau sie helfen sollte. Da der Knochen nicht verheilt sei, sei anzunehmen, dass der Mann kurz nach oder schon im Zuge der Operation verstorben sei.

Der jüngere Bruder - er starb als Teenager oder kaum älter als 20 Jahre - hatte ebenfalls Anzeichen von Anämie und Mangelerscheinungen. Ihm fehlte die Anlage eines Mahlzahnes und er hatte ebenso Knochenschäden, vermutlich durch Infektion. Die Auswirkungen auf das Skelett waren nicht so gravierend, möglicherweise weil er rascher daran verstorben war.