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Brot, Spiele, Macht und Geld

Von Tamara Arthofer

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Tamara Arthofer
Tamara Arthofer ist Sport-Ressortleiterin.

Die Leichtathletik braucht ebenso wie der Fußball Reformen. Erhoffen sollte man sich aber nicht zu viel.


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Wenigstens das wahnwitzige Machtgezerre, das sich im Weltfußball abspielt, haben uns die Leichtathleten erspart, wenngleich auch das Rennen zwischen Sebastian Coe und Sergej Bubka um die Nachfolge von Lamine Diack von gegenseitigen Attacken, Zuckerln für das Wahlvolk und Mauscheleien geprägt war. Doch die Wahl in Peking geriet zu einem Kindergeburtstag verglichen mit dem, was sich derzeit zwischen Noch-Fifa-Chef Joseph Blatter, dem jetzigen Uefa-Präsidenten Michel Platini sowie dessen Herausforderer Chung Mong-joon abspielt. Zuerst unterstellte Blatter seinem Wahrscheinlich-Nachfolger Platini, seinem einstigen sportpolitischen Ziehsohn, ihm mit Gefängnis gedroht und seine Familie eingeschüchtert zu haben; postwendend beschuldigte die Uefa das Blatter-Umfeld, anonym einen Platini-kritischen Artikel in Umlauf gebracht zu haben. Chung Mong-joon, ebenfalls nicht unumstritten, wiederum kaut genüsslich das einstige Naheverhältnis zwischen den beiden wieder - Platini sei dadurch unglaubwürdig.

Als hätten wir nicht schon gewusst, dass es in erster Linie um persönliche Befindlichkeiten, Macht und Geld geht, weniger um Sport. Als gäbe es nicht wichtigere Probleme, etwa den Reformdruck auf die Fifa und - um darauf zurückzukommen - auch auf die Leichtathletik. Beide Sportarten leiden unter einer Glaubwürdigkeitskrise, der Fußball in erster Linie wegen der anhaltenden Korruptionsskandale, die Leichtathletik auch, aber nicht nur angesichts der neuesten Dopingenthüllungen. Nun propagieren alle Protagonisten ihren Reformwillen - doch wo ist der in den vergangenen Jahren geblieben? Hätte sich Coe nicht im Leichtathletik-Verband als Vizepräsident schon für mehr Transparenz starkmachen können? War nicht Platini ebenso wie - in abgeschwächter Form, aber doch - auch sein Gegenkandidat Teil des bisherigen Systems? Allzu viel Hoffnung sollte man also nicht haben. Ein neuer Präsident kann vieles, er kann Ideen einbringen und vielleicht auch umsetzen. Doch er ist immer nur so stark wie das Netzwerk, das er gesponnen hat. Und dass ein solches Netz nicht alleine durch Altruismus zustande kommt, sondern vielmehr ein Geflecht ist, dessen Fäden Geben und Nehmen sind, sollte bekannt sein. Selbst die radikalsten nun aufkommenden Vorschläge wie jener des Fifa-Compliance-Beauftragten Domenico Scala, die Exekutive umzustrukturieren, würden wenig daran ändern. Zwar könnte man mit einer Aufteilung in eine Art Verwaltungsrat und einen Vorstand zwar tatsächlich modernere Strukturen schaffen - das Rad neu erfinden wird man aber nicht. Und letztlich wird der Fan, so empört er angesichts frisch aufploppender Skandale auch kurzfristig sein mag, auch weiter mitspielen. Er, genauso wie Sponsoren und Medien, will die Show, und er fordert sie ein, sei es bei einer Fußball-, einer Leichtathletik- oder sonst einer WM. Brot und Spiele, das zieht noch immer.