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Brown überlässt Tories den Vortritt

Von Michael Schmölzer

Europaarchiv

Labour muss massive Verluste hinnehmen. | Liberale fahren enttäuschendes Ergebnis ein. | London/Wien. Die Parlamentswahlen in Großbritannien haben keinen klaren Sieger hervorgebracht. Zwar erreichten die konservativen Torys mit vorerst 306 Mandaten eine Mehrheit - diese reicht aber nicht für die Bildung einer Regierung. | Tauziehen um neue Regierung | Die Schwächen des Mehrheits-Wahlrechts | Cameron - der Blair der Tories | Prominente Wahl-Opfer


Labour unter Premier Gordon Brown hat massiv verloren, büßt 91 Sitze ein und kommt auf 258 Mandate. Ein Wahlkreis, der noch nicht ausgezählt war, ist hier allerdings nicht berücksichtigt.

Enttäuschend schnitten die Liberalen unter Nick Clegg ab. Die Partei, die im Vorfeld als große Überraschung gehandelt worden war, blieb weit hinter den Erwartungen zurück und erreichte nur 57 Mandate - das sind sogar fünf weniger als bei den letzten Wahlen im Jahr 2005; und das, obwohl die Liberalen diesmal ein Prozent mehr Stimmen bekamen.

Die Briten sind nun mit ihrem Albtraum, einem "hung parliament", konfrontiert: Keine Partei kann alleine regieren. Diese sehr ungewöhnliche Situation gestaltet die Lage entsprechend unübersichtlich.

Der britische Premier und Labour-Chef Gordon Brown räumte angesichts der Wahlniederlage den oppositionellen Konservativen den Vortritt bei Koalitionsgesprächen mit den Liberaldemokraten ein. Sollten diese Gespräche aber keine Einigung bringen, sei er seinerseits zu Gesprächen mit den Liberalen bereit. Der Premier vergaß nicht, auf die Gemeinsamkeiten hinzuweisen. So wolle auch Labour eine Reform für ein "faireres Wahlsystem".

Der Liberalen-Chef Nick Clegg hat sich angesichts des schlechten Abschneidens seiner Partei - für das er teilweise das britische Mehrheitswahlrecht verantwortlich macht - enttäuscht gezeigt. "Wir haben einfach nicht erreicht, was wir uns erhofft hatten", so Clegg. Er ließ vorerst offen, wen er bei der Bildung einer Regierung letztendlich unterstützen will. Die Liberalen werden heute, Samstag, beginnen, über ihre konkreten Forderungen an den möglichen künftigen Koalitionspartner zu beraten.

Cameron mit Angebot

Tory-Chef David Cameron, der jetzt am Zug ist, hat bereits begonnen, die Clegg-Partei mit attraktiven Angeboten zu locken. Er werde der drittstärksten Partei entgegenkommen, zudem sehe auch er viele Gemeinsamkeiten zwischen seiner Partei und den "LibDems". Beobachter wollen nicht ausschließen, dass Cameron Liberaldemokraten in sein etwaiges Kabinett aufnehmen will. Die Liberaldemokraten haben immer wieder erklärt, dass sie nur bei Abschaffung des Mehrheitswahlrechts zu einer Koalition bereit sind.

Unterdessen ist unübersehbar, dass der britische Premier Gordon Brown trotz der empfindlichen Wahlniederlage nicht von der Macht lassen will. Es sei seine "Pflicht", dass Großbritannien trotz der Hängepartie im Parlament eine "starke, stabile und prinzipientreue Regierung" bekomme, so Brown, der vorerst als Premier im Amt bleibt.

Die Aussicht auf tage- oder wochenlanges Geschachere stiftete unterdessen an den Finanzmärkten Unruhe. In dem Maß, in dem Pfund-Kurs und Börsenindex nachgaben, wuchs der Druck, rasch zu einer Lösung zu kommen. "Eine Entscheidung wird sehr schnell getroffen werden müssen", so die Politikwissenschaftlerin Victoria Honeyman. Sie erwartet eine entscheidende politische Stellungnahme noch bevor am Montag die Märkte wieder öffnen. "Es gibt eine Grenze dafür, wie lange das dauern kann", so Honeyman.

Die Finanzmärkte haben bereits in höchstem Maße verunsichert auf das Wahlergebnis reagiert. Das britische Pfund fiel am Freitag wegen der unklaren Mehrheitsverhältnisse zeitweise auf ein Ein-Jahres-Tief zum Dollar.