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Brücke zwischen Idee und Produkt

Von Eva Stanzl

Wissen

Der Weg von der Idee zum Markt ist ein langer, Erfolgsgarantie gibt es keine. | Nötige politische Strategie zur Forschung steht still. | Wien. Die Labors von Erika Jensen-Jarolim sind klinisch-steril: Wer eintreten will, muss spezielle Überschuhe anziehen. Ein junger Mann beugt sich über ein Mikroskop - neben ihm fein säuberlich beschriftete Plastik-Dosen. "Das sind Präparate von Tumor-Patienten, die wir färben, um bestimmte Antigene zu finden. Mit dem Ergebnis können wir abschätzen, wie wichtig diese Tumormarker sind, etwa um dagegen eine Immuntherapie zu entwickeln", erklärt die Leiterin des Instituts für Pathophysiologie und Allergieforschung am Allgemeinen Krankenhaus Wien (AKH).


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Bis zu einer Milliarde Euro kann die Entwicklung eines Medikaments kosten. Der Weg dorthin ist ein langer, Erfolgsgarantie gibt es keine. Strategische Planung der Forschungsvorhaben ist unabdingbar. Doch gerade in der politisch unterstützten finanziellen Planung ist Österreich unentschlossen (siehe unten) . Für viele Projekte ein Stolperstein auf dem Weg von der Idee zum Produkt. Morgen, Donnerstag, starten in Alpbach die Technologiegespräche, wo auch die Finanzierung thematisiert werden soll.

Zurück ins AKH: Im zweiten Laborraum werden Impfstoffe an Mäusen getestet. Die eine Gruppe der in den Käfigen wuselnden Nager bekommt Impfungen gegen Tumore, die andere solche gegen Allergien. Pollen-Allergien könnten bald leicht zu verhindern sein - vorausgesetzt, das Mittel wirkt am Menschen und schafft es auf den Markt.

"Wir produzieren Ideen für Medikamente, doch nicht ohne ihre mögliche Anwendung im Kopf zu haben. Pharmafirmen wollen immer genauer wissen, worauf sie sich einlassen, bevor sie Geld für klinische Studien aufbringen. Am liebsten ist es ihnen sogar, wenn wir einen Teil der Studien selbst abschließen", sagt Jensen-Jarolim. Doch wie soll das gehen? Zum Budget des Instituts steuert der Bund "nur einen 6-stelligen Betrag" für Infrastruktur und Verbrauchsmaterialien bei, so die Allergo-Onkologin. Für Forschungsprojekte müsse sie Drittmittel lukrieren, die das Budget letztlich verzehnfachen.

Notwendige Drittmittel

Die Brücke schlagen etwa der Wissenschaftsfonds (FWF) oder die Christian-Doppler-Gesellschaft. Zunehmend werden Projekte ausgeschrieben, die Forschung mit Hinblick auf Anwendungsziele fördert. Die durchschnittliche Bewilligungssumme des FWF pro Jahr sind 90.000 Euro für Personal und Forschung - jedoch nicht für nötige, zusätzliche Räume und Infrastruktur. Die Christian-Doppler-Gesellschaft fördert Projekte mit 500.000 Euro pro Jahr, um Grundlagenwissen für die Wirtschaft zu nützen.

Wenn die Wirtschaft mitmacht. An sich sind Pharma-Firmen für klinische Studien an Medikamenten zuständig. Doch obwohl ein Konzern wie Novartis jährlich 140 Milliarden Euro in Forschung investiert, geht er dabei selektiv vor. Nur eines von 5000 Mitteln erreicht den Markt. "Wir suchen Blockbuster, etwa gegen Bluthochdruck oder Diabetes. Allerdings sind diese Krankheiten gut behandelbar und die Chancen, kommerziell zu reüssieren, beschränkt", räumt Wolfgang Bonitz ein, Forschungsleiter von Novartis Österreich. Es existiere daher auch ein Programm für schwer behandelbare, seltene Krankheiten. Ist die richtige Nische gefunden, sind Umsätze sicher.

Vieles deutet darauf hin, dass sich die Forschung zunehmend in Richtung geldbringende Resultate orientiert. "Früher war der Zugang offener. Bei der Grundlagenforschung weiß man zwar nicht, ob etwas herauskommt. Aber wenn etwas herauskommt, bringt es eine radikale Umwälzung. Dem gegenüber steht, dass die Erwartungen stringenter und kurzfristiger werden. Unternehmen gehen gewisse Risiken nicht mehr ein", sagt der Ökonom Andreas Schibany von Joanneum Research.

Radikale Innovationen

Radikale Innovationen werden meist erst dann erkannt, wenn sie unter die Leute kommen. Etwa haben die Fraunhofer-Institute bereits vor mehreren Jahren die MP3-Technologie entwickelt. Das Milliarden-Geschäft macht jedoch Apple, weil der Konzern das passende Geschäftsmodell dazu hat.

Bei kleineren Innovationen scheint der Weg klarer vorgezeichnet. "Bei einer Wanderbluse etwa überlegen Grundlagenforscher, wie sie chemische Prozesse nutzen können. Die chemische Industrie produziert atmungsaktive Kunstfasern, und die angewandte Forschung setzt das in eine saugfähige, winddichte Bluse um", beschreibt es Katharina Cortolezis-Schlager, Abgeordnete der ÖVP für Forschung zum Nationalrat: Jeder Teil des Prozesses ist ein Teil des Ganzen. Bleibt nur zu hoffen, dass Österreich durch Budget-Einsparungen nicht zu einem Land der kleinen Erfindungen auf Kosten der echten, Umwälzungen wird.