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Brücken bauen, aber Abgrund nicht vergessen

Von Rainer Mayerhofer

Politik

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Es sei seine Lebensaufgabe, Brücken zu schlagen, aber man dürfe nicht vergessen, daß jede Brücke über einen Abgrund führt, meinte der Verleger Lord George Weidenfeld Sonntag vormittag in der

Volkstheatermatinee zur Kristallnacht.

An der Veranstaltung, die wie alljährlich von Hans Henning Scharsach einfühlsam moderiert wurde, nahmen neben Weidenfeld auch Simon Wiesenthal, Botschafter Asher Ben-Natan und Rudolf Gelbard teil.

George Weidenfeld, 1919 in Wien geboren und 1939 nach England emigriert, bezeichnete die Dreißigerjahre als hochpolitische Periode, in der man jemandem nur aufs Knopfloch schauen mußte, um dessen

politische Einstellung zu kennen. Entweder prangte dort das Hakenkreuz oder das Kruckenkreuz oder die drei Pfeile der Sozialdemokraten oder · bei wenigen · Hammer und Sichel der Kommunisten. Aber

auch an der Sprache waren die Menschen zu erkennen, berichtet Weidenfeld. Die Nazis vermieden weitgehend Fremdworte, die bürgerlichen Beamten "lavierten" und "genierten" sich und ließen nach dem

Anschluß der "verehrten Gemahlin des Herrn Hofrats ,viele Heil Hitler'" ausrichten. In England arbeitete Weidenfeld für den Abhördienst und die Gegenpropaganda der BBC und dokumentierte "stündlich

das Dritte Reich": Wenn die Nazis große Deportationswellen oder Angriffe vorbereiteten, so wurden im Vorfeld im Rundfunk alte Habsburgermärsche gespielt.

Für die Zukunft ist Weidenfeld · was den Antisemitismus betrifft · eher optimistisch. Die Juden sind nicht mehr staaten- und wehrlos und auch von kirchlicher Seite ist durch den jetzigen Papst

klargestellt worden, daß die Juden nicht schuld am Tode Christi waren. Das werde sich auch bis zu den letzten Dorfpfarrern durchsprechen.

Simon Wiesenthal, der demnächst 90 wird, wies darauf hin, daß Österreich das erste Opfer der hitlerischen Aggression war, aber nur das Land, nicht die Bevölkerung. In der SS lag der österreichische

Anteil bei jenen, die Verbrechen begangen haben, drei bis viermal so hoch wie im Reichsdurchschnitt. Rund 1.100 NS-Verbrecher habe er vor Gerichte gebracht, nicht alle davon seien verurteilt worden

und auch die Verurteilten hätten verhältnismäßig geringe Strafen zu verbüßen gehabt · Franz Nowak, der Transportoffizier Eichmanns, 6 Jahre in Haft, hätte für jedes Todesopfer 3 Minuten und 20

Sekunden gesessen.

Asher Ben-Natan, 1921 in Wien geboren und im Juni 1938 illegal nach Palästina ausgewandert, wo er sich einem Kibbuz und der Haganah anschloß, erzählte von seiner Rückkehr nach Wien im Jahr 1945, wo

er offiziell als Journalist arbeitete, in Wirklichkeit aber die Flucht osteuropäischer Juden nach Palästina organisierte. Er beschrieb auch ein Treffen mit dem damaligen Innenminister Oskar Helmer,

der gemeint habe, Antisemitismus hätte es in Österreich eigentlich gar nicht gegeben und auf den Hinweis auf Karl Lueger bloß "das war nichts" zu antworten mußte. Der Antisemitismus sei erst mit dem

Zustrom der polnischen Juden nach Wien gekommen. Aber jetzt, so Helmer, möchte man, daß die österreichischen Juden zurückkommen, weil man sie für den Balkanhandel brauche.

Rudolf Gelbard, Jahrgang 1930, von 1942 bis zur Befreiung 1945 in Theresienstadt, wies auf den überproportional hohen Anteil von Österreichern am KZ-Personal hin · drei Viertel der Kommandanten der 6

Vernichtungslager, 80 Prozent der Deportationsspezialisten im Stabe Eichmanns und auf die wenigen Verurteilungen nach 1956, wo es in 39 Prozessen 21 Freisprüche gab. Und gleichzeitig formierten sich

alte und neue Nazis zu neuen Provokationen.