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Brücken, Bet- und Bootshäuser

Von Gerhard Strejcek

Reflexionen
Bildnis von Eduard Kramer aus dem Jahr 1926, das in Brioni entstanden sein dürfte.
© privat

Die Bauten des aus Galizien stammenden Architekten Eduard Kramer stehen in Wien, Brioni und seiner Wahlheimat Klosterneuburg.


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Wer von Klosterneuburg kommend, donauabwärts nach Wien fährt, erblickt an der Nussdorfer Mündung des Donaukanals zwei riesige steinerne Löwen, die eine imposante Wehranlage mit einem villenartigen Gebäude und einer Schleuse bewachen. Die technische Meisterleistung des späten 19. Jahrhunderts schützt die Innenbezirke vor Hochwasser und reguliert den Wasserstand im Donaukanal, der dank der Schleusenanlage auch im Winter schiffbar ist. Das Betriebsgebäude, das über eine eiserne Fachwerksbrücke erreichbar ist, weist das unverkennbare Design der sezessionistischen Architektur Otto Wagners auf. In dem villenartigen, mit Jugendstil-Ornamenten verzierten Bau residiert die "MA 45" (kommunale Gewässerverwaltung).

Technik und künstlerische Gestaltung der Nussdorfer Wehranlage regten stets Fotografen an, die Stimmung am Brigittenauer Sporn einzufangen. Die vom Bildhauer Rudolf Weyr gestalteten Löwen regten die Automobilfabrik Gräf & Stift an, die Figur fortan als Logo ihrer eleganten Fahrzeuge zu verwenden. Wie der Autor Joseph Riedel in der "Neuen Freien Presse" vom 20. Juni 1895 berichtete, arbeiteten Spezialisten aus allen Nationen, die nach dem Wasserbecken (caisson) "Caissoner" genannt wurden, in Beachtung "strengster Nüchternheit" und angesichts der gefährlichen "comprimirten Luft" auch limitierter Arbeitszeiten an dem Projekt, das internationales Aufsehen erregte.

Die Schemerl-Brücke

Wiens Jugendstil-Architekt, Akademieprofessor und "Oberbaurat" Otto Wagner war als Leiter der Wiener Verkehrs-Commission gestalterisch für das Gesamtprojekt verantwortlich, die technische Planung oblag dem Wasserbautechniker Siegfried Taussig. Zunächst verblieb das riesige Nadelwehr, das noch Friedrich Engerth errichtet hatte, am Eingang der neuen Anlage bestehen, um im Fall des Falles (der 1899 eintrat) durch Schließung der gewaltigen Zähne die Stadt zu schützen. Später schaffte dies die neue Wehranlage allein.

Das Nussdorfer Wehr mit der Schemerl-Brücke.
© Bwag, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Insgesamt zählen das Nußdorfer Wehr und die Schleuse zu den genialen technischen Novitäten um 1900 - nie zuvor hatte in Europa ein Wasserbau derart viele Anforderungen erfüllen müssen. Die heute durch ein Kraftwerk und eine Fischstiege ergänzte Anlage überzeugt auch durch ihre ästhetische Anmutung. Otto Wagner ließ hiezu um 1895 einen jungen Architekten, der zum Studium nach Wien gekommen war, an dem Großprojekt mitwirken.

Dem damals erst 22-jährigen (1874 in Muszyna/Galizien geborenen) Architekten Eduard Kramer oblag die Ausgestaltung der Joseph-Schemerl-Brücke, die nach einem 1844 verstorbenen Wasserbaupionier und Architekten benannt wurde, der den Wiener Neustädter Kanal und die (heute slowenische) Akademie der Wissenschaften in Laibach erbaut hatte.

Schemerls weit ausgereifte Idee der Donauregulierung hätte schon am Beginn des 19. Jahrhunderts die Hochwasser stoppen sollen, doch war der Schöpfer des Wiener Neustädter Kanals seiner Zeit voraus, das 1810 geschaffene Projekt wurde nicht umgesetzt. Kramer konzipierte die Brücke in seinem Skizzenbuch als sein Gesellenstück. Er hatte gezeigt, dass die Vorträge seiner Lehrer an der Akademie der Bildenden Künste, Otto Wagner und Carl von Hasenauer, Schöpfer des Burgtheaters) auf fruchtbaren Boden gefallen waren.

Durch die Vermittlung seines Mentors Otto Wagner konnte Kramer in weiterer Folge im Küstenland der k.u.k. Monarchie tätig werden, um dort die touristische Infrastruktur für eine zahlungskräftige Klientel zu gestalten. Er war nicht der einzige Schüler des Sezessionsarchiktekten, der in Istrien und Dalmatien für Hotelbauten herangezogen wurde. Der Architekturhistoriker Dragan Damjanović berichtet über Wagner-Schüler, die im heutigen Kroatien bauliche Akzente setzten. Neben Eduard Kramer nennt der in Zagreb wirkende Autor die Architekten Vjekoslav Bastl, Josip Costaperaria, Max Falioni, Alfred Fenzl, Franz Kaim, Viktor Kovačić, Jože Plečnik, Theodor Träxler und Juraj Zaninović.

Paul Kupelwieser (1843-1919)
© gemeinfrei

All diese Architekten hatten bei Otto Wagner die hohe Schule der ästhetischen und funktionellen Gestaltung erlernt, die sie in imposante Hotelbauten umsetzten. Doch für seinen Schüler Kramer hatte Wagner eine besondere Mission vorgesehen: Kramer sollte für den Brioni-Eigentümer Paul Kupelwieser ein exklusives Bootshaus errichten. Und so reiste der junge Mann um 1901 nach Fažana und ließ sich per Dampfboot unweit von Österreichs Kriegshafen Pola auf die Hauptinsel von Brioni (heute: Veliki Brijun) übersetzen. Kramer war beeindruckt, als er im Hafen des heutigen Naturparks ankam. Kupelwieser war es gelungen, das Archipel von 14 Inseln von einem malariaverseuchten Schuttabladeplatz aus venezianischer Zeit zu einer noblen Urlaubsdestination auszubauen.

Brionis viele Besitzer

Dem Sieg über die Mückenplage waren Serumanalysen des Berliner Bakteriologen Robert Koch vorangegangen, der Kupelwieser und seinem Verwalter Alojs Čufar radikale Methoden vorschlug. Gleich bei seiner ersten Fahrt nach Brioni nach dem Inselkauf hatte sich Kupelwieser mit Malaria infiziert und beschlossen, die unliebsam surrenden Mitbewohner zu vernichten. Myriaden an Larven verbrannten im Petroleumfeuer, das Koch zur Ausrottung der Anophelesmücke vorgeschlagen hatte, nachdem seine Analysen in Berlin gefährliche Erreger nachgewiesen hatten.

Mit Schuttresten aus den Steinbrüchen konnten die Binnengewässer trockengelegt und stattdessen exotische Bäume und Weinreben gepflanzt werden, welche die k.u.k. Marine aus dem britischen Empire heran schiffte.

Neben den Habsburger Erzherzögen und Arthur Schnitzler, der mit dem k.u.k. Marinekapitän Kazianidis scherzte, kamen Hermann Bahr, Thomas Mann und später auch Albert Einstein nach Brioni. Die Kaufgelüste des Erzherzogs Franz Ferdinand wurden durch dessen Tod im Juni 1914 jäh beendet. Mit dem Ende der k.u.k. Monarchie geriet das Paradies in Gefahr, doch zunächst blieb alles beim alten, der SHS-Staat respektierte das Privateigentum. Ein zweiter Beginn startete 1919-1930 mit dem Sohn Karl Kupelwiesers, der Polo nach Brioni brachte und Pferde züchtete. Nach der Insolvenz und dem Suizid von Kupelwiesers Sohn übernahm die Familie Mautner-Markhof die Insel (193036), dann kamen die Italiener unter Mussolini und die deutschen Soldaten 1944.

Eine neue Episode wurde 1947 aufgeschlagen: Brioni entwickelte sich in Jugoslawien zum Sperrgebiet und zur Sommerresidenz Marschall Titos, der Kramers Bootshaus und den Zoo, der vom Hamburger Experten Hagenbeck für Kupelwieser errichtet wurde, seinen prominenten Gästen vorführte. Seit 1985 können Touristen wieder die einstige k.u.k. Destination besuchen und sich am Naturpark und an der Architektur erfreuen. (Zu Brioni siehe auch "Wiener Zeitung"-Artikel.)

Eduard Kramers Bootshaus besteht immer noch in einem gemischten sezessionistisch-mediterranen Stil. Touristen, die von Fažana per Boot ankommen, gehen hier an Land und besteigen die Elektrowagen für eine Rundfahrt. An der Mole plante Kramer eine erweiterte Hotelanlage, die das erste Winterschwimmbad an der österreichischen Adriaküste aufwies; doch diese Bauten verfielen, wozu alliierte Bombenangriffe das Ihre beitrugen.

Eduard Kramer wählte Klosterneuburg bei Wien als seine Wahlheimat, sein Atelier lag unweit des Augustiner Chorherrn-Stifts. Markante Akzente setzte der musische Planer mit einem kleinen Theater sowie Villen von zeitloser Eleganz und schlichter Schönheit. Zudem hatte er mit der aus Thüringen stammenden Unternehmerstochter Lina (geborene Kehr) eine Frau fürs Leben gefunden, mit der er zwei Kinder aufzog. Sein eigenes Haus zeugt von Bescheidenheit, aber gestalterischem Willen, es zeigt für Kramer typische Elemente wie einen straßenseitigen Aussichtsplatz in Form einer mit Laubsägearbeit verzierten, hölzernen Loggia und ein turmartiges Stiegenhaus.

Kramers Entwurf der evangelischen Kirche samt Pfarrhaus in Klosterneuburg, der wegen fehlender finanzieller Mittel nicht umgesetzt werden konnte.
© evang-klosterneuburg.at

Im Jahr 1907 hatte Kramer den Auftrag für die Planung der evangelischen Kirche samt Pfarrhaus erhalten. Das Pfarrhaus in den Weinbergen mit seinem steinernen Aufgang zählt zu Kramers Meisterwerken, doch die projektierte Kirche konnte aus Geldmangel nicht realisiert werden. So blieb es beim kombinierten Pfarr- und Bethaus. 1995 errichtete Architekt Heinz Tesar neben Kramers Pfarrhaus die neue, an einen Schiffsbug erinnernde Kirche. Diese beeindruckt mit Lichteffekten durch Bullaugen ähnlichen Fenster, sie stellt einen markanten Kontrapunkt zu Kramers Pfarrhaus dar.

Bauplan für Strandbad

Vor etwas mehr als hundert Jahren konnte Kramer zum Ruf seiner Wahlheimat als Badeparadies beitragen: Er entwarf 1920 gemeinsam mit Franz Polzer den Bauplan für das Klosterneuburger Strandbad sowie ein Sommerhäuschen in der Au. Dort befindet sich auch ein ehemaliges Militärschwimmbad, das der Leipziger Architekt und Sportlehrer Kurt Wießner (18961965) um 1927 umgebaut hat und das nunmehr Teil der Strandbadsiedlung ist. Die zahlreichen Häuschen am Ufer eines Nebenarms markieren ein interessantes Biotop, das die Architekturhistorikern Lisa Fischer in einer Studie dokumentiert hat (erhältlich im Stadtmuseum und an der Strandbadkasse).

Ein markantes Gebäude aus der Werkstatt Kramers ist jene Villa in der Schießstattgasse, die er um 1920 in Zusammenarbeit mit dem gebürtigen Südtiroler Anton Tobler für den Industriellen Bernhard Rostock errichtete. Zeitweise befanden sich in dem Anwesen in Stiftsnähe das mährisch-sudetendeutsche Museum und ein Feuerwehrmuseum. Nachdem das Land Niederösterreich das imposante Gebäude preisgab, wurde es verkauft und in eine Praxis für ästhetische Chirurgie umgebaut.

Der Umgang mit der historischen Bausubstanz stieß auf Kritik, doch wichtig erscheint, dass es die Rostock-Villa, für deren Erhalt sich namhafte Filmkünstler wie Peter Patzak und Stefan Ruzowitzky einsetzten, überhaupt noch gibt. Eduard Kramer, dessen Biografie noch aussteht, starb am 1. Oktober 1943 an seinem Wirkungsort im 69. Lebensjahr. Er ist auf dem Oberen Stadtfriedhof von Klosterneuburg, seiner Wahlheimat, begraben.

Gerhard Strejcek, geboren 1963, ist Ao. Professor am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien und Autor kulturhistorischer Themen.