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Bruder Strauch und Schwester Cola

Von Konstanze Walther

Wirtschaft
Nach den Coca-Blättern ist Stevia die zweite in Südamerika beheimatete Pflanze, die Eingang in die geheime Braukunst von Coca-Cola finden könnte. Foto: sxc

Stevia-Pflanze: In USA und EU nicht als Nahrung anerkannt. | Coca-Cola startet Süßstoff-Testreihe. | Asunción/Atlanta/Wien. Lange ist die Stevia-Pflanze im Dunklen des südamerikanischen Urwalds geblieben, und nur von den Ortsansässigen zum Süßen ihrer Heilgetränke verwendet worden - und das seit 200 Jahren. Die Wirkung des Krauts ist bis heute ungeschlagen in ihrer Einzigartigkeit: Es süßt, ohne dick und abhängig machen, hat keinen Nachgeschmack und wird auf natürliche Art gewonnen. Doch anders als Saccharin oder Aspartam hatte die Stevia-Pflanze, auch Honigkraut genannt, nie eine finanzstarke Lobby, die sich für ihre Erforschung oder Verbreitung einsetzte. Zumindest wird das gerne auf zahlreichen Homepages von Bioläden behauptet. Das sei der Grund, warum der rechtliche Status der Pflanze in der EU und in den USA diffus geblieben ist und sie derzeit nur unter der Hand in Bioläden verkauft wird.


Doch der 60 Zentimeter hohe südamerikanische Strauch bekommt nun Fürsprecher jenseits aller Bio-Läden: Die Coca-Cola-Company wird gemeinsam mit der Cargill Gruppe, einem riesigen US-Nahrungsmittel- und Pharma-Konzern, den Süßstoff des Honigkrauts erforschen. Man werde "den ersten natürlichen, kalorienfreien Süßstoff produzieren", heißt es in dem gemeinsamen Statement von Coca-Cola und Cargill. Der Pharma-Konzern erhofft sich dadurch den Eintritt in den Süßstoff-Markt.

"Coca Colas Ankündigung hat großes Interesse ausgelöst", sagt der Vorsitzende der paraguayanischen Stevia-Handelskammer, Nelson Gonzales. Die weltweite Nachfrage sei derzeit enorm hoch.

Ein Kilogramm Stevia-Kristalle, gewonnen aus rund 12 Kilogramm Pflanzenblättern, kostet je nach Reinheitsgrad derzeit umgerechnet zwischen 30 und 70 Euro. Aus dieser Goldgrube will Paraguay, wo die Hälfte der rund sechs Millionen Einwohner in Armut leben, nun Profit schlagen. Die Regierung wirbt derzeit um internationale Anerkennung als Ursprungsland der Stevia-Pflanze. Die Produzenten haben sich bereits unter der Schirmherrschaft des Industrieministeriums von Paraguay organisiert.

Langer Pfad zur Legalität

Bisher ist Stevia in den USA noch nicht zum Verzehr zugelassen. Die US-Lebensmittelbehörde hat die Pflanze als "gefährlichen Nahrungsmittelzusatz" eingestuft. Über die Gründe kann nur gemutmaßt werden. Die US-Zucker-Lobby wolle den Import des natürlichen und ungefährlichen Produkts verhindern, glaubt etwa die Managerin eines Stevia-Produzenten aus Paraguay.

Auch in Europa ist das Honigkraut nur als Zusatz in Zahnpasta, Badewasser und ähnlichem zugelassen. Denn die EU hat mit 1997 einen Einfuhrstopp über neue Lebensmittel verhängt: Alle bis dahin nicht bekannten, also nicht registrierten Lebensmittel, müssen ein spezielles Zulassungsverfahren absolvieren, um den Status eines erlaubten Nahrungsmittels zu erhalten - und ein zugelassenes "Novel Food" zu sein.

Einmal wurde bereits ein Antrag auf Zulassung gestellt, doch die Tests waren unzureichend. Eine andere Untersuchung ergab, dass männliche Ratten nach dem Verabreichen von Stevia-Extrakten Fertilitätsprobleme bekamen. "Aber diese Untersuchung ist schon vielfach widerlegt worden. Den Ratten ist das Kraut in extrem hohen Dosen in der Höhe ihres halben Körpergewichts verabreicht worden. Wenn man das mit Zucker gemacht hätte, wären die Ratten auch krank geworden," meint Georg Schlögl, von der Firma Eubiotica, die in Österreich Stevia-Produkte vertreibt. Nach seinen Informationen wird noch dieses Jahr der zweite Versuch einer EU-Anerkennung gestartet.

Studien der Universität von Asunción haben ergeben, dass Stevia positive Auswirkungen auf den menschlichen Organismus hat: Es wirkt entzündungshemmend, antibakteriell und ist förderlich im Kampf gegen Diabetes, Bluthochdruck und Karies.

Die Süße der Pflanze wird durch eine spezielle Art von Kohlehydraten erzeugt, die aber nicht vom menschlichen Körper aufgenommen werden. Chemische Süßstoffe wie Aspartam und Saccharin stehen unter dem Verdacht, krebserregend zu sein.