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Bruderzwist im Hause Islam

Von Arian Faal

Analysen

Syrien gilt in der Region als wichtiges Stimmungsbarometer. Im Nahen und Mittleren Osten ist seit den Unruhen in Libyen, Bahrain, Saudi Arabien und im Jemen kein politischer Stein auf dem anderen geblieben. Während die regionalen Führungen sich beim Aufflammen der Revolten in Tunesien und Ägypten unter dem Motto "das könnte bei uns nie passieren" mit dem Beobachterstatus rühmten, werden sie von den jetzigen Ereignissen regelrecht überrollt.


Längst hat ein Dominoeffekt eingesetzt, der vor allem durch einen Bruderzwist im Hause Islam geprägt ist. Dabei geht es um den Kampf um die Vormachtstellung zwischen den durch den Iran beflügelten Schiiten und den von Saudi-Arabien instrumentalisierten Sunniten der Region. Dem Herrscherhaus in Riad und den anderen Monarchien am Golf, die es am liebsten hätten, wenn die USA militärisch gegen den Iran und sein Atomprogramm vorgingen, erscheinen die Entwicklungen seit dem Sturz Ben Alis in Tunesien als existentielle Bedrohungen ihrer Sicherheitsinteressen. Bahrains mehrheitlich schiitische Opposition etwa betrachtet Saudi-Arabien als verlängerter Arm Teherans. Die Rechnung ist einfach: Was den eigenen Interessen schadet und für Unruhe und Unsicherheit sorgt, hilft den Persern und muss unterdrückt werden. Dabei verkörpern sowohl der Iran als auch Saudi-Arabien Herrschaftssysteme, gegen die sich in den letzten Monaten überall in der Region der Unmut der Demonstranten richtet.

In beiden Ländern gilt als Verfassung die Sharia, was bedeutet, dass nicht das Volk der Souverän ist, sondern Allah. Bei der Auflistung der unfreiesten Ländern nehmen sie Spitzenpositionen ein, wobei Saudi-Arabien, was die Unterdrückung von Frauen und Minderheiten anbelangt, selbst dem Gottesstaat noch den Rang abläuft. Ihr Stellvertreterkrieg, der mit immensem logistischem und finanziellem Aufwand überall in der Region in teils bewaffneten Konflikten (siehe Bahrain) ausgetragen wird, richtet sich zugleich auch gegen die Ziele jener Demonstranten, die überall in der Region die Legitimität der regierenden Herrscher in Frage stellen.

Daher, so munkelt man, erhält Damaskus sowohl logistische als auch technische und psychologische Rückendeckung aus Teheran. Sogar 1000 Bassij-Milizen sollen im Einsatz sein. Dass Teheran Syrien unterstützt, ist nicht verwunderlich, da das Land ein zentrales Ventil für die geopolitischen Ziele der Perser ist. Es grenzt an den Staatsfeind Israel und dient der iranischen Führung zudem als Koordinationspunkt für die Unterstützung der Palästinenser und der Hisbollah. Sollte das Israel-feindliche syrische Regime von Bashar Assad durch die anhaltenden Demonstrationen letztlich aus dem Amt gejagt werden, muss Teheran ernsthaft um seinen Einfluss in der Region fürchten. Deshalb herrschte ein paar Tage lang Ratlosigkeit im Teheraner Informations- und Propagandaministerium: Wie berichtet man über die Proteste und Demonstrationen in Syrien? Nach dem Sturz des tunesischen und des ägyptischen Präsidenten wurde man ja nicht müde zu betonen, dass die Unruhen in der arabischen Welt islamische Revolten von der iranischen Revolution 1979 inspiriert wurden.

Vorübergehend konnte der Gottesstaat die Ereignisse für sich durchaus als hilfreich verbuchen. Denn es traf Regierungen von Ländern, die mehr oder minder in offener Feindschaft zur Islamischen Republik standen. Vor allem Hosni Mubarak war für Washington der Garant dafür, dass iranische Hegemonialbestrebungen in der Region mit der Hilfe aus Riad eingedämmt wurden.

Solange in Syrien, dem wichtigsten Alliierten des Iran, Ruhe herrschte und Assad im "Wall Street Journal" noch erzählen konnte, in seinem Land sei eben alles anders, konnte sich Teheran zurücklehnen. Jetzt, da auch in Damaskus Feuer am Dach ist, muss Teheran um seinen Einfluss bangen. So schaltete auch die iranische Propaganda um; fortan finden in Syrien nur noch "vereinzelte" Unruhen statt, die von "ausländischen Provokateuren" angeführt werden.

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