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Bruno Meier

Von Urs Fitze

Reflexionen

Der Schweizer Historiker Bruno Meier studiert die Frühgeschichte des Hauses Habsburg und stellt eine Reihe eidgenössischer Geschichtsmythen in Frage.


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"Wiener Zeitung:" Herr Meier, die Habsburger und die Eidgenossen trennt eine Art Erzfeindschaft, und auf dem Schlachtfeld ging es um einen Befreiungskrieg von demokratisch gesinnten Bauern gegen die Unterdrücker aus dem Hochadel. So hat es die Schweizer Geschichtsschreibung über Jahrhunderte hin vermittelt. Sie rütteln an diesem Bild. Weshalb? Bruno Meier: Weil es schlicht ein falsches Bild ist.

Was stimmt daran nicht?

Wenn man überhaupt von einer Erzfeindschaft sprechen will, so gilt diese allenfalls für jene konfliktreiche Phase, die etwa von Anfang des 14. bis in späte 15. Jahrhundert gedauert hat. Doch auch damals gibt es einiges, das der späteren Darstellung vor allem in den Schweizer Geschichts- und Schulbüchern überhaupt nicht entspricht. Darüber herrscht unter den Forschenden heute weitgehend Einigkeit. Davor und danach war man sich entweder mehr oder weniger gleichgültig, oder es gab sogar, wie etwa bei den Burgunderkriegen, Interessensübereinstimmungen. Bei den drei Schlachten gegen Karl den Kühnen kämpften habsburgische Kontingente Seite an Seite mit den Eidgenossen. Letztere erwiesen sich, als sie im 15. Jahrhundert die Habsburger aus einem großen Teil ihrer Stammlande in der Schweiz vertrieben, keineswegs als Erneuerer, sondern vielmehr als Bewahrer. Am System der Machtausübung durch Statthalter, das die Habsburger aufgebaut hatten, rüttelten sie keinen Deut. Aus habsburgischen Vögten wurden schlicht eidgenössische. Für die Untertanen machte das kaum einen Unterschied.

Sie erwähnen die Schweizer Geschichtsschreibung. Wie wird diese Auseinandersetzung denn in Österreich dargestellt?

Wien war und ist weit weg, und dort stößt diese Geschichte bis heute nicht auf allzu großes Interesse. Das ist auf der Landesebene ganz anders. Einer der besten Kenner ist der Vorarlberger Landesarchivar Alois Niederstätter, der auch an der Universität Innsbruck lehrt. Sein Blick von außen, wenn man so will, geht eher aufs Ganze, aufs Verbindende, und nicht auf das Trennende, wie es in der Schweiz geradezu zelebriert wurde. Dort wurden die Habsburger jahrhundertelang zu Todfeinden hochstilisiert. Maßgebend daran beteiligt war der Historiker Aegidius Tschudi, der im 16. Jahrhundert ein ziemlich verklärtes Bild der frühen Eidgenossenschaft zeichnete. Jahrhunderte später bot Tschudi damit die Steilvorlage für eine Geschichtsschreibung, die, nach der Gründung des liberalen Schweizer Bundesstaates 1848, eine Brücke in die Vergangenheit schlagen wollte.

Das gelang in durchaus beeindruckender Weise. Indem man die alten Eidgenossen zu Freiheitskämpfern und Demokraten machte und dem Hochadel die Rolle der Unterdrücker zuwies, erhielt der Schweizer Bundesstaat, notabene der einzige Staat in Europa, der aus dem Geist der 1848er-Bewegung entstanden war, eine zusätzliche, sozusagen historische Legitimation - auch wenn die mit dem tatsächlichen mittelalterlichen Geschehen kaum etwas zu tun hatte.

Wann hat dieses Geschichtsbild in der Schweiz Risse erhalten?

In der Forschung wird schon seit einigen Jahrzehnten daran gerüttelt. In der Öffentlichkeit dauert der Vorgang bis heute an. Die politische Rechte instrumentalisiert dieses längst überholte Geschichtsbild immer noch, während in der Westschweiz gerade eine Debatte entflammt ist, in der wieder die eigentlich längst beantwortete Frage aufgeworfen wird, ob der mythische Sagenheld Wilhelm Tell, den es nie gegeben hat, eine historische Figur war oder nicht. Und wer weiß schon, dass der habsburgische Unterdrücker-Vogt Gessler erst mehr als 100 Jahre nach der Gründung des Bundes der alten Eidgenossenschaft auf die historische Bühne getreten ist? An solch verzerrten, zementierten Geschichtsbildern werden wir Historiker wohl noch lange rütteln müssen.

Im Schweizer Geschichtsbild wurde 1291 mit dem sogenannten Bundesbrief ein Bündnisvertrag der alten Eidgenossen geschlossen, um gegen die Habsburger bestehen zu können.

Dieses Dokument vom 15. August 1291, der Bundesbrief, ist, wie wir aus Datierungen des verwendeten Pergaments wissen, erst knapp zwei Jahrzehnte später erstellt und rückdatiert worden. Das war damals durchaus üblich, und ist auch plausibel. Der habsburgische König Rudolf I. war am 15. Juli 1291 gestorben. Tatsächlich spielten die Habsburger zu dem Zeitpunkt in der Innerschweiz kaum eine Rolle. Dieser habsburgisch-eidgenössische Konflikt beginnt erst Anfang des 14. Jahrhunderts unter dem 1308 ermordeten König Albrecht I. und erreichte 1315 mit der Schlacht bei Morgarten eine erste dramatische Zuspitzung. Mit dem rückdatierten Bundesbrief sollte die politische Position der alten Eidgenossen eine zusätzliche Legitimation erhalten, gerade im Hinblick auf die Nachfahren. Die haben das viel später, erst im 19. Jahrhundert, dankbar aufgenommen. Der 1. August wurde erstmals 1891 als Schweizer Nationalfeiertag begangen, ein eindrückliches Beispiel dafür, wie sich Geschichte instrumentalisieren lässt. Die Habsburger mussten auch in dieser Hinsicht die undankbare Rolle des Todfeindes übernehmen.

Wer waren denn diese Habsburger, deren Burg im Aargau, der sie ihren Familiennamen verliehen, vor neunhundert Jahren erstmals urkundlich erwähnt wird?

Die Ursprünge liegen weitgehend im Dunkeln und werden sich wohl auch nicht mehr restlos aufklären lassen. Die sichtbarsten Spuren reichen ins Elsass. Die Habsburger zählten zum Hochadel und damit zur Gefolgschaft der deutschen Könige. Sie hatten nebst Treue-Eiden vor allem Kriegsdienste zu leisten, aus moderner Sicht waren sie Söldner, die mit allerlei Naturalien und Vorzugsrechten für ihre gefährliche Arbeit, etwa die Teilnahme an Kreuzzügen oder die Niederschlagung von Aufständen, entschädigt wurden. Und sie waren Teil eines Herrschaftssystems, das wesentlich auf persönlichen Beziehungen aufbaute. Dynastien spielten darin eine große Rolle, und wer es verstand, sich in diesem komplexen Netzwerk aus Begünstigern und Begünstigten richtig zu positionieren, der konnte es nach ganz oben schaffen, auf den Königsthron. Der Habsburger Rudolf I. hatte dieses Format. Fast aus dem Nichts heraus wurde er 1273 zum König gewählt.

Wie wurde diese Herrschaft ausgeübt?

Die deutschen Könige hatten keine eigentliche Machtbasis, ja nicht einmal ein Herrschaftsgebiet. Die einschlägigen historischen Landkarten, auf denen riesige Reiche aufgemalt sind, machen uns da etwas vor. Die Wirklichkeit war weit komplizierter. Der König war zwar von den Kurfürsten gewählt, aber er verfügte weder über eine Hauptstadt noch über einen Verwaltungsapparat, von einer Armee ganz zu schweigen. Rudolf war ein Herrscher zu Pferd. Er reiste praktisch ununterbrochen umher, veranstaltete Hoftage, an denen er seine Gefolgschaft disziplinierte und gleichzeitig bei Laune hielt, und suchte mit geschickter dynastischer Politik sein Gebiet stetig zu erweitern. Das gelang ihm so gut, dass die Habsburger nach seinem Tod 1291 zu einem wesentlichen Machtfaktor in Europa geworden sind. Schon damals zeichnete sich ab, dass die Stammlande der Habsburger im Aargau an Bedeutung verlieren würden. Die Habsburger zog es nach Osten, wo weit lukrativere Pfründe winkten. Die materielle und machtpolitische Basis für ihr späteres Weltreich legten sie nicht im Schweizer Mittelland, sondern in den österreichischen Herzogtümern.

Wie übten die Habsburger auf regionaler und lokaler Ebene ihre Macht aus?

Das Prinzip war immer dasselbe. Sie arrangierten sich mit allerlei lokalen Herrschern oder verbandelten sich verwandschaftlich und schufen so auf dem Gebiet der heutigen Schweiz halbwegs zusammenhängende Regionen, in denen sie das dominante Geschlecht waren, an dem niemand vorbeikam. Das gilt etwa für das Gebiet des heutigen Aargau oder den Thurgau, nicht aber für die Innerschweiz.

Doch die faktische Herrschaft blieb punktuell: hier eine Burg, dort eine Vogtei. Das entsprach dem damaligen Verständnis. Die Menschen dachten und handelten nicht territorial im heutigen Sinne, sondern eher in Einflusssphären. Faktisch gab es im Mittelalter einen einheitlichen kulturellen und wirtschaftlichen schwäbischen Raum, mit der Reuss als natürlicher Grenze zum burgundisch geprägten Westen. Die Habsburger etablierten sich in diesem Raum, der in etwa von den Städten Freiburg, Basel, Zürich und Konstanz begrenzt wird, als dominierende Macht.

Woher kamen die Einnahmen?

Die wichtigste Einnahmequelle waren Zölle, danach kamen Steuern und Abgaben, die von allen Untertanen erhoben wurden. Doch die Habsburger lebten im Prinzip stets über ihre Verhältnisse und schoben ständig einen Schuldenberg vor sich her, den sie laufend umschichteten. Am schwierigsten war die Finanzierung von Feldzügen. Da musste immer irgendein Besitztum verpfändet oder belehnt werden.

Betrachtet man die Ahnentafeln, fällt die extrem hohe Sterblichkeit auf. Kaum ein Kind erreichte das Erwachsenenalter. Unter welchen Umständen lebten die Habsburger damals?

Im Wesentlichen nicht anders als die Bevölkerung, vielleicht abgesehen davon, dass der Hochadel wohl stets gut und genug zu essen hatte. Die Habsburg war im 12. Jahrhundert ein feuchtes Loch. Man lebte buchstäblich über den Abfällen, die einfach in das tiefer gelegene Stockwerk geworfen wurden. Wurde der Gestank unerträglich, zündete man den Müll an und vertrieb mit dem Rauch das Ungeziefer.

Die Anfälligkeit für Krankheiten wurde damit aber kaum gemindert. Tatsächlich spielte der Tod den Habsburgern immer wieder übel mit, und wenn ein aussichtsreicher Thronfolger oder eine Tochter des Hauses just in dem Moment verstarb, als es darum gegangen wäre, sich in einen anderen Clan einzuheiraten, konnte die ganze politische Strategie ins Wanken geraten. Dazu kommt, dass die adligen Männer Kriegsdienst zu leisten hatten. Der Blutzoll war zuweilen erschreckend hoch.

Zum Beispiel in den wichtigen Schlachten gegen die Eidgenossen, die alle verloren gingen.

Nun, anders als es lange Zeit in helvetischen Geschichts- und Schulbüchern kolportiert wurde, waren diese Schlachten vergleichsweise kleine Scharmützel mit nur ein paar tausend Kämpfern. Aber in der Schlacht bei Sempach 1386 waren die Verluste schon beträchtlich und haben sich auch in der kollektiven Erinnerung der Verlierer niedergeschlagen. Die Habsburger hatten für diese Schlacht Kämpfer von Südtirol bis Süddeutschland rekrutiert. Das Gefecht bei Morgarten von 1315 hingegen, bei dem ein kleineres Ritterheer in einen Hinterhalt geriet, war aus der habsburgischen Sicht von sehr geringer Bedeutung.

Wo lagen die Ursachen für diese kriegerischen Auseinandersetzungen?

Es war letztlich ein Interessenskonflikt zwischen den aufstrebenden Städten im Schweizer Mittelland, vor allem Zürich, Bern und Luzern, den Innerschweizer Urkantonen und den Habsburgern, die sich primär aus wirtschaftlichen Gründen zunehmend ins Gehege kamen. Daneben kam es aber auch zu einem Bruch alter Loyalitäten. In den Städten setzte sich eine schmale, oligarchische Oberschicht durch, in der Innerschweiz übernahmen immer mehr Viehhändler und Käseproduzenten die Macht. Für beide Gruppen waren die Habsburger keine Partner mehr, sondern Konkurrenten, die es, notfalls auch mit Gewalt, zu überwinden galt. Aus habsburgischer Sicht war es im Kern das schwindende Interesse an den Besitzungen im Schweizer Mittelland. Sie kämpften nicht mehr mit letztem Herzblut.

Was bleibt von den Habsburgern in der Schweiz?

Überraschend viel. Neben den erhaltenen Baudenkmälern oder Porträts der Kaiserin Maria Theresia, die bis heute öffentliche Säle in aargauischen Städten schmücken, auch ein erneut gestiegenes öffentliches Interesse, vor allem im Kanton Aargau. Und auch hinsichtlich der Familie Habsburg wird das historische Erbe gepflegt, nicht zuletzt mit den Herzen des letzten Kaisers Karl I. und seiner Gattin Zita, die nach uraltem Familienbrauch im Kloster Muri bestattet sind, also dort, wo auch die Gebeine der ersten Generationen ruhen.

*Zur Person

Bruno Meier lebt im schweizerischen Baden und arbeitet als freiberuflicher Historiker, Ausstellungsmacher und Verleger. Er ist der Verfasser mehrerer Publikationen zur Gesellschafts- und Elitengeschichte des Mittelalters und der frühen Neuzeit.

Seen, Flüsse und Städte: So sieht die Karte der heutigen Schweiz und des grenznahen Auslandes aus der Sicht des Historikers Bruno Meier aus. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte des Geschlechtes der Habsburger im Mittelalter aus einer etwas anderen Perspektive zu erzählen. "Ein Königshaus aus der Schweiz. Die Habsburger, der Aargau und die Eidgenossenschaft im Mittelalter" lautet der Titel seines Buches, das zum 900. Jahrestag der erstmaligen Erwähnung der Habsburg erschienen ist.

Zu diesem Thema passt der weitgehend weiße Fleck als Landkarte gut. Es gibt, abgesehen von den Wasserläufen, keine Grenzen in dieser mittelalterlichen Welt, alles scheint im Fluss. Dieses Bild verdichtet sich bei der Lektüre des Buches, sei es die stets wacklige, von Unwägbarkeiten geprägte Existenz der Habsburger, sei es die sich laufend verändernde Konstellation des Machtgefüges, das den Schweizer Boden für das Adelsgeschlecht zunehmend unbekömmlich macht.

(Man hätte allerdings, zumindest für den Laien, dem Buch, das sich zuweilen in der Auflistung komplizierter Beziehungsgeflechte zu verlieren droht, etwas weniger habsburgische Nabelschau und etwas mehr Vogelperspektive auf diese faszinierende Epoche gewünscht.)
U.F. Literaturhinweis:Bruno Meier: Ein Königshaus aus der Schweiz. Die Habsburger, der Aargau und die Eidgenossenschaft im Mittelalter. Verlag Hier + Jetzt, Baden (CH), 244 Seiten. Foto: Verlag Hier + Jetzt