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Brutale Gewalt nimmt überhand

Von Franz Nickel, Berlin

Politik

Am letzten Februar-Donnerstag wurde der Inhaber eines kleinen Zeitungs- und Lottoladens in der Berliner Torfstraße bei einem Raubüberfall kaltblütig niedergeschossen und schwebt noch in | Lebensgefahr. Erst Tage zuvor hatten maskierte Räuber den Besitzer der größten Berliner Buchladenkette, den 70jährigen Robert Kiepert, in seiner Hauptgeschäftsstelle in der Hardenbergstraße mit | Waffengewalt überfallen und 13 Geldkassetten mit 12.000 DM geraubt.


Das sind nur zwei von vielen aktuellen Beispielen eines neuen Kriminalitätstrends, der sich hier in der Hauptstadt zeigt:

Im vergangenen Jahr verminderten sich in Berlin gegenüber dem Vorjahr die Überfälle auf Geldinstitute um unglaubliche 36 Prozent. Bei der Berliner Bank sank die Zahl der Überfälle von 26 im Jahr 1997

sogar auf sechs im vergangenen Jahr.

Der Grund für diese erfreuliche Entwicklung: Seit November 1997 lassen die meisten Berliner Geldinstitute ihre Filialen von uniformierten, gut sichtbar plazierten privaten Sicherheitsmännern

überwachen. Dieser Security-Dienst ist außerdem gekoppelt mit einer optimierten Video-Überwachung. Gleichzeitig wurden die Bargeldbestände an den Kassen verkleinert und die Kassentresore weiter

abgesichert.

Offenbar schreckt dies die Räuber ab, wie die genannten Zahlen aussagen. Wer das nötige Geld hat, kann sich also Sicherheit leisten und kaufen.

Die Schattenseite: Die Bankräuber haben sich wahrscheinlich umorientiert und ihr Betätigungsfeld auf die bewaffnete Plünderung von Kneipen, Geschäften und Läden verlegt. Etwa 7.000 Kneipen gibt es in

Berlin und rund 16.000 Läden und Geschäfte. Rund 800 von ihnen wurden im vergangenen Jahr ausgeraubt. Das ist ein Anstieg von 38 Prozent und führte zu einem Schaden von etwa vier Millionen.

Zahlreiche Berliner Kneipenwirte lassen spät abends nur noch Stammkunden ins Lokal.

Insgesamt ist die Kriminalität in der Hauptstadt außer diesem neuen Trend unverändert hoch geblieben. 600.000 Straftaten vergangenen Jahr sind nur 0,1 Prozent weniger als 1997. Aber die

Aufklärungsquote ist gestiegen, nahezu jede zweite Straftat konnte von der Polizei aufgeklärt werden, betonte Innensenator Werthebach. Drogendelikte, Betrugsfälle, Umweltkriminalität,

Wirtschaftsstrafsachen, Körperverletzungen und Einbrüche haben sich erhöht, Raub und Diebstähle haben sich leicht vermindert.

Polizeigewerkschafts-Landeschef Schönberg sieht keinen Grund zur Entwarnung, denn "die Kriminalitätslawine hat auch 1998 fast ungebremst Berlin überrollt. Statistisch wurde etwa jeder fünfte Bürger

Opfer einer Straftat". Berlin habe sich zu einer Metropole des Verbrechens entwickelt.