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Brutale Offensive gegen Minderheit in Burma

Von Klaus Huhold

Politik

Militär für Folter und Exekutionen berüchtigt. | Tausende flüchten nach Thailand. | Rangun/Wien. Im Osten von Burma (Myanmar) ist eine heftige Offensive im Gange: Die Armee geht gegen die Nationale Befreiungsarmee der Karen (KNLA) vor, die einen unabhängigen Staat für die etwa fünf Millionen Angehörigen des Minderheitenvolkes fordert. Unterstützt wird die Armee von einer übergelaufenen Karen-Einheit. Leidtragende sind die Zivilisten: Etwa 4000 Karen sind in den vergangenen Tagen nach Thailand geflohen.


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Die Flüchtlinge haben gute Gründe, ihre Dörfer so schnell wie möglich zu verlassen: Burmas Armee ist für Folter, Vergewaltigungen und willkürliche Exekutionen berüchtigt. Zudem werden Bewohner von überfallenen Dörfern zur Zwangsarbeit verschleppt. Manche Flüchtlinge berichten sogar, dass gefangen genommene Karen als lebende Minensucher missbraucht werden. Sie müssen vor den Armeeeinheiten gehen und werden bei einem Tritt auf eine Mine verstümmelt, während den nachrückenden Soldaten nichts passiert.

Der Konflikt zwischen den Karen und Burmas Armee ist einer der längsten und am meisten vergessenen auf der Welt: Seit der Unabhängigkeit Burmas von den britischen Kolonialherren 1948 kämpfen Karen-Rebellen für einen eigenen Staat. Angeführt werden die Aufständischen von der Karen National Union (KNU), dem politischen Flügel der Separatistenbewegung. In den 1970er und 80er hatte die KNU gar weite Gebiete unter ihrer Kontrolle. Doch kam es innerhalb der Karen zu Streitigkeiten: Das Bergvolk besteht größtenteils aus Christen, und dies schlug sich in der Führungsriege der KNU nieder. Buddhistische Karen sahen sich an den Rand gedrängt und gründeten die Buddhistische Armee der Karen (DKBA). Diese wechselte Mitte der 1990er Jahre die Fronten und kämpft seither auf Regierungsseite mit - wie nun auch bei der jüngsten Offensive.

Die Armee und die Kämpfer der buddhistischen DKBA wollen jetzt anscheinend die letzten Stützpunkte der Separatisten von der KNU erobern. Deren bewaffneter Flügel, die KNLA, hat schon in den vergangen Jahren den Großteil der einst kontrollierten Gebiete verloren und hält nur noch wenige Stellungen entlang der thailändischen Grenze.

Überraschend kam der Zeitpunkt der jüngsten Militäroffensive: Denn die Angriffe haben Anfang Juni begonnen und fallen somit mitten in die ungünstige Regenzeit, wenn Straßen und Bergpfade überschwemmt sind.

Ruhe vor Wahlen

Beobachter spekulieren nun, dass Burmas Militärregime unbedingt noch rechtzeitig vor den umstrittenen Wahlen im Jahr 2010 für Ruhe in dem Gebiet sorgen will. Dem Urnengang ging eine Verfassungsänderung voraus, die dem Militär unabhängig vom Wahlausgang weiterhin viel Macht einräumt. Außerdem glaubt kaum jemand, dass die Wahlen frei verlaufen werden. Laut vielen Analysten dienen sie nur dazu, die Herrschaft der Junta zu legitimieren. Ein Aufstand einer Minderheit würde dieses Bild stören.

Zudem hat die Junta angekündigt, die Wahlen in den von Minderheiten bewohnten Grenzregionen nur dann stattfinden zu lassen, wenn dort Ruhe herrscht. Ist dies nicht der Fall, wäre dies ein Gesichtsverlust für die Machthaber.

Und generell ist ihnen die KNLA ein Dorn im Auge. In den vergangen Jahren kämpften Rebellengruppen verschiedenster Minderheiten gegen das Militärregime. Doch mittlerweile hat dieses mit vielen Rebellengruppen Waffenstillstandsabkommen geschlossen, die zwar wacklig sind, aber vorerst halten. Die Rebellen sollen in Zukunft nach dem Willen der Junta Grenzwächter werden, die unter dem Kommando der Armee stehen.

Die KNLA weigert sich aber, ein Übereinkommen mit dem Regime abzuschließen. Sie soll nach Schätzungen etwa 10.000 bis 20.000 Kämpfer haben und ist derzeit die größte noch aktive Rebellengruppe.

Der jahrelange, brutale Konflikt und das grausame Vorgehen der Armee gegen Zivilisten hat jedenfalls großes Leid über die Karen gebracht: Etwa 100.000 Karen leben in thailändischen Flüchtlingslagern. Doch viele schaffen nicht den Sprung über die Grenze und sterben in den Wäldern an Krankheiten, Erschöpfung und Unterernährung.